Schwimmende Städte im Meer

Bauland wird immer knapper. Zum Ausweichen eignen sich ungenutzte Wasserflächen. Futuristen denken schon an Stadtstaaten auf hoher See.

Zusammengesetzt aus einzelnen Einheiten, die beliebig verschoben werden können: Entwurf für eine schwimmende Stadt vor Tahiti. Visualisierung: Seasteading.org

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Die Bevölkerungszahlen steigen nach wie vor. Während es an Land enger wird, sind viele Flüsse, Seen und Meere ziemlich leer. Diese Raumreserve wird erst wenig genutzt, doch das könnte sich bald ändern. Das Wohnen auf dem Wasser ist attraktiv, wenn auch nicht gerade kostengünstig.

Dass Bauen auf dem Wasser technisch möglich ist, scheint unbestritten. Dass sehr «grosse Häuser» machbar sind, zeigen die riesigen Kreuzfahrtschiffe, die die Infrastruktur einer ganzen Stadt mit sich schleppen. Und dass Ingenieurbau auf hoher See möglich ist, beweisen die zahlreichen Anlagen für die Förderung und Lagerung von Öl und Gas. Wenn die Offshore-Industrie das alles im Griff habe, gebe es kein prinzipielles Hindernis für den Bau von stationären Städten auf dem Meer, finden zukunftsgläubige Planer. Irgendwann werde die Menschheit keinen Platz mehr an Land finden oder von Inseln und Küsten durch den steigenden Meeresspiegel verdrängt. Dann gebe es nur noch das Meer als Baulandreserve. Statt über die Besiedlung des Mars nachzudenken, sollte man die viel naheliegendere Besiedelung des Meeres vorbereiten.

Schiffe vergrössern die Stadt

Der einfachste Fall, Raum auf dem Wasser zu gewinnen, ist der Einsatz von Schiffen. Wenn in Köln grosse Fachmessen stattfinden, werden Hotelschiffe zusammengetrommelt, die sonst auf Flusskreuzfahrten unterwegs sind. Und schon hat sich die Bettenkapazität der Stadt um ein paar Hundert Einheiten vergrössert. In Paris wurde vor einigen Monaten ein schwimmendes Hotel eröffnet, das speziell für die Verankerung in der Seine gebaut wurde und nicht als Kreuzfahrer.

Gérard Ronzatti, der Architekt des Hotels OFF Paris Seine, ist spezialisiert auf schwimmende Gebäude. Er sieht das Bauen auf dem Wasser als besonders nachhaltig an. Die Ufer würden nicht gestört, das Baumaterial könne per Schiff angeliefert werden. Sein Büro arbeitet auch an einem modularen Hotel, das an abgelegenen Meeresküsten verankert werden könnte. Sollte sich der Ort als falsch gewählt erweisen, würden die schwimmenden Zimmer einfach wieder abgeschleppt, ohne Spuren zu hinterlassen. Schwimmende Häuser, so betont Ronzatti, seien viel umweltfreundlicher als Aufschüttungen und Trockenlegungen vor der Küste, wie sie heute üblich seien.

Leben in Wohnbooten

Als schwimmendes Heim beliebt sind alte Frachtkähne. In Frankreich heissen sie Péniches, auf den Britischen Inseln sind es die Narrow Boats, ehemalige Kanalfrachter sind als Hausboote auch in Holland gefragt. Wie viele Bootsbewohner es gibt, weiss man nicht, es sind aber sicher Tausende. Die Londoner Kanalverwaltung zählte letztes Jahr 3675 Boote, in und um Paris schaukeln schätzungsweise 1600 Wohnboote in der Seine, für Amsterdam wird der Bestand auf 2500 geschätzt. An Liebhabern für die exklusiven Wohnungen fehlt es nicht. Entsprechend sind die Preise: Für ein geräumiges Hausboot in der Pariser Innenstadt wird ohne weiteres eine Million Franken verlangt. Zu Buche schlägt auch der Unterhalt – Reparaturen am und im Wasser sind teuer –, und alle paar Jahre muss ein solches Schiff zur Überholung in die Werft. Die einstige Subkultur der ruppigen Kanalschiffer hat einem Edelpublikum und der Künstlerszene Platz gemacht.

Dass Beton schwimmt, klingt paradox, hat sich aber schon oft bewährt. Es gibt schwimmende Hafenmolen, in Horgen gibt es seit mehr als 30 Jahren ein Schwimmbassin aus Beton im Zürichsee, auch Schiffe aus Beton sind schon gebaut worden.

Schwimmende Häuser in einer sogenannten Wassersiedlung im holländischen Amsterdam-IJburg. Foto: iStockphoto, Getty Images

Die Kombination von Betonpontons mit mehr oder weniger konventionellem Hausbau wird neuerdings in Holland und in Deutschland angewandt. Es sind schwimmende Einfamilienhäuser, die am Ufer verankert sind. In Holland hat sich die Werft ABC Arkenbouw in Urk auf den Bau schwimmender Häuser spezialisiert. Es werden verschiedene Typen angeboten, mit und ohne Liegeplatz. Das Unternehmen hat auch die Häuser geliefert für die Wassersiedlung von IJburg, mit der die Architektin Marlies Rohmer in der ganzen Welt bekannt wurde. Es soll hier ein ganzer Stadtteil am und über dem Wasser entstehen. Auch in Deutschland werden schwimmende Häuser hergestellt und an Flüssen oder etwa in grossen Baggerseen platziert. Der Anbieter Floating Houses empfiehlt schwimmende Häuser als Kapitalanlage, denn wenn sie regelmässig als Ferienwohnungen vermietet werden, kann der Besitzer von Steuervorteilen profitieren – die deutsche Version der Zweitwohnungsregelung.

Geld von Trumps Berater

Seit 2008 arbeitet das Seasteading Ins­titute an der Vision der schwimmenden Stadt. Das Startkapital spendete der Internetmilliardär Peter Thiel, von dem heute gemunkelt wird, er diene US-Präsident Donald Trump als Berater. Im Januar dieses Jahres schloss das Institut mit der Regierung von Französisch-Polynesien eine Vereinbarung, wonach eine erste schwimmende Stadt in Tahiti angelegt werden soll. Dass sich Thiel für die Besiedlung der Ozeane starkmacht, ist nicht nur seiner Begeisterung für High­techvisionen zu verdanken. Wie offenbar immer mehr Superreiche befürchtet er das Ende der heutigen Staaten.

Seasteading, die Besiedelung des Meeres, würde bedeuten, dass in den internationalen Gewässern, ausserhalb der Reichweite heutiger Staaten, private Gesellschaften entstünden. Wie die schwimmenden Städte auf hoher See funktionieren sollen, beschreibt ein neues Buch, das Victor Tiberius herausgegeben hat. Der Autor will nicht von einer Utopie, sondern von einer Vision reden, die realisierbar sei. Der Bau künstlicher Städte auf dem Meer, so glaubt er, würde den Aufbau einer neuen Zivilisation von null auf ermöglichen. Die verkrusteten gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Strukturen der heutigen Staaten seien nicht reformierbar, die Menschen würden zusehends unzufriedener, man müsse ganz neu beginnen.

Futuristische Inselsiedlungen

Neu soll fast alles sein auf den künstlichen Inseln. Insbesondere möchten Tiberius und seine Mitstreiter kleine, überblickbare Gesellschaften schaffen, die sich für Experimente eignen. Die Mitglieder wären sich einig über die Wertvorstellungen und ihre persönlichen Ziele. Anders als in den grossen Demokratien mit ihrer gemischten Bevölkerung wären sie agil und fortschrittlich. Alternative Wirtschaftsmodelle wären möglich, wobei die niemals realisierten Vorstellungen von Silvio Gesell aus der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts zu Freigeld und Freiwirtschaft doch noch eine Zukunft haben sollen.

Eine neue Art von Gerichtsjustiz wird ebenfalls diskutiert. Sogar für das Heiraten sollen neue Modelle entwickelt werden, mit Informatikverfahren wie beim elektronischen Zahlungsverkehr würde geprüft, wer mit wem verheiratet ist und ob er oder sie immer noch verheiratet ist. Victor Tiberius und seine Mitautoren und Mitautorinnen glauben nicht an die Zukunft der heutigen Staats- und Gesellschaftsformen, sie wollen Insellösungen, auch wenn es künstliche Inseln sind. Ganz wichtig: Die schwimmenden Städte sind keine Staaten, sondern Privatunternehmen, und jeder kann die Adresse und seine Inselnachbarn selber wählen. Dass dabei ganz verschiedene Gruppen, jede auf ihrer Insel, entstehen, gehört zum Konzept.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 12.04.2017, 19:09 Uhr

Buch zum Thema

Victor Tiberius (Herausgeber): Seasteads.
VDF-Hochschulverlag, Zürich; 2017; 244 Seiten, Englisch, ca. 48 Fr.

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