Theresa geht nach Washington

Heute trifft Premierministerin May den neuen amerikanischen Präsidenten. Sie spricht von einem «globalen Grossbritannien», aber davon kann keine Rede sein.

Für sie ist es essenziell, zu zeigen, dass Grossbritannien auch nach dem Brexit mächtige Verbündete hat: Premierministerin Theresa May.

Für sie ist es essenziell, zu zeigen, dass Grossbritannien auch nach dem Brexit mächtige Verbündete hat: Premierministerin Theresa May. Bild: Reuters

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Wenn Theresa May am heutigen Freitag in Washington empfangen wird, bringt sie Geschenke mit. Melania Trump erhält einen Picknickkorb, in dem sich Apfelsaft, Marmelade und weisse Schokolade befinden. Für Präsident Donald Trump hat die Premierministerin einen gravierten Quaich dabei. Das ist ein schottisches Trinkgefäss zum Verzehr von Whisky. Womöglich weiss man in Downing Street nicht, dass Trump keinen Alkohol trinkt.

Ebendort herrschte zuletzt Verunsicherung, nachdem Barack Obama in seinen letzten Tagen als Präsident gesagt hatte, die deutsche Kanzlerin Angela Merkel sei seine wichtigste Partnerin in Europa gewesen. In London findet man, dass diese Rolle traditionell dem Vereinigten Königreich zufalle. Wieder und wieder haben die Konservativen zuletzt die Special Relationship beschworen, die besonderen Beziehung zu den USA. Es war May daher ausgesprochen wichtig, als erste Regierungschefin nach Trumps Amtseinführung empfangen zu werden.

Der Brexit eint die beiden Länder

Durch den Austritt aus der EU bekommt die Beziehung zu den USA eine noch grössere Bedeutung. Für May ist es essenziell, zu zeigen, dass Grossbritannien auch nach dem Brexit mächtige Verbündete hat. Deshalb wollte sie rasch nach Washington, und deshalb wird sie dort alles tun, um Trump bei Laune zu halten. Ins Manuskript für ihre erste Rede in den USA hat May geschrieben, die britische Entscheidung für den Brexit und die amerikanische für Trump habe beide Länder erneuert. Sie hätten nun ein gestärktes Selbstbewusstsein und die Pflicht, gemeinsam zu führen.

In diesem Zusammenhang ist es interessant, zu wissen, dass May gegen den Brexit war. Und von Trump hat sie vor dessen Wahlsieg auch nicht viel gehalten. May sagt, die enge Beziehung zu den USA zeige die neue Stärke des «globalen Grossbritannien». In Wahrheit aber ist selten ein Premier in einer schwächeren Position nach Washington gereist.

Ob der dünnhäutige Trump weiss, wie man in Westminster bis vor kurzem über ihn gesprochen hat? May nannte einige seiner Äusserungen «polarisierend, nicht förderlich und falsch». Noch vor einem Jahr debattierten die Parlamentarier darüber, ob man Trump die Einreise nach Grossbritannien verbieten müsse. Das ist die Basis der neuen Special Relationship.

Noch vor einem Jahr debattierten die Parlamentarier darüber, ob man Trump die Einreise nach Grossbritannien verbieten müsse.

Winston Churchill hat den Begriff 1946 erstmals benutzt. Seither hat die Beziehung einige Krisen überstanden. Dass die Briten 1956 in der Suezkrise Ägypten angriffen, ohne die Vereinigten Staaten zu informieren, war eine echte Belastung. Dass die USA wiederum 1983 in Grenada einmarschierten, einem Mitglied des Commonwealth, erzürnte Premierministerin Margaret Thatcher sehr. Dennoch gilt ihr freundschaftliches Verhältnis zu Ronald Reagan als beispielhaft für die Verbundenheit zwischen beiden Staaten.

Tony Blair war die Special Relationship so wichtig, dass er an der Seite George W. Bushs in den Irakkrieg zog, was ihm den Spitznamen «Bushs Pudel» einbrachte. In Washington und in London entstand der Eindruck, dass dies nicht länger eine Beziehung unter ebenbürtigen Partnern sei. Das änderte sich erst wieder, als Barack Obama und David Cameron einen fast lässigen Umgang zueinander entwickelten. Dass Trump und May Freunde werden, ist nicht sonderlich wahrscheinlich. Hier der aufbrausende Präsident, der sich als Macher stilisiert. Dort die stets prüfende Premierministerin. Als Problem für May könnte sich herausstellen, dass Trump weiss, dass sie ihn braucht. Dieses Wissen wird er in Verhandlungen über ein Handelsabkommen genüsslich einsetzen. Doch May hat keine Wahl, durch den Brexit kann sie es sich nicht erlauben, Trump zu verprellen.

Theresa May kann hart und bestimmt sein, und Angst hat sie vor dem Präsidenten sicherlich nicht. Dennoch besteht die sehr reale Möglichkeit, dass sie es Tony Blair gleichtut und zu Trumps Schosshündchen verkommt. So oder so ist klar, dass die Beziehung zwischen diesen beiden Politikern eine ganz besondere sein wird – wenn auch keine besonders nahe. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 26.01.2017, 18:52 Uhr

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