Verkäuferin des schönen Scheins

Elizabeth Holmes sah sich als weiblichen Steve Jobs. Eine Zeit lang hatte sie Erfolg. Jetzt steht sie vor dem Ruin.

Sie wollte schon als Jugendliche «die Welt retten»: Elizabeth Holmes. Foto: Brendan McDermid (Reuters)

Sie wollte schon als Jugendliche «die Welt retten»: Elizabeth Holmes. Foto: Brendan McDermid (Reuters)

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Es passte alles zusammen: Hochschulaussteigerin wie Bill Gates und Mark Zuckerberg, Weltverbesserin wie Larry Page und Sergey Brin, Visionärin wie Steve Jobs. Selbst die uniforme Kleidung des Apple-Gründers kopierte sie. Vor 13 Jahren wollte Elizabeth Holmes «das nächste grosse Ding» im Silicon Valley erfinden. Heute laufen Betrugsermittlungen gegen sie.

Aufstieg und Fall der heute 32-jährigen Unternehmerin Elizabeth Holmes sind selbst für das vom Hype um Personen und Innovationen lebende Silicon Valley beispiellos. Ihr Vermögen ist in nur einem Jahr von über 4 Milliarden Dollar auf null geschrumpft und spiegelt den Kollaps ihres Unternehmens Theranos. Tief ist auch ihr Fall im öffentlichen Ansehen. Letzte Woche verschwand sie sang- und klanglos von der Liste der erfolgreichen Jungunternehmer des Landes, die Präsident Barack Obama zu «Botschaftern» ernannt und als Vorbilder für die Jugend bezeichnet hatte. Auf der Website dieser «Presidential Ambassadors for Global Entrepreneurship» gibt es noch eine Gruppenaufnahme mit dem Präsidenten, auf der sie ganz am Rand stehend in ihrem typischen schwarzen Anzug mit Rollkragenpullover zu sehen ist.

Eine bestechende Idee

Wer den Ehrgeiz der Unternehmerin verstehen will, muss ihre Familie kennen. Holmes wuchs in einer Umgebung auf, in der nur Erfolg zählte. Scheitern war nicht erlaubt. Schon als Jugendliche wollte sie «die Welt retten», wie sie einmal sagte. Dabei konnte sie sich auf den Reichtum und die politischen Beziehungen der Familie verlassen. Ihr Grossvater wanderte in den 1890er-Jahren aus Dänemark in die USA ein und heiratete die aus einer vermögenden Unternehmerfamilie stammende Bettie Fleischmann (Fleischmann Yeast Company). Ihre Mutter heiratete in eine prominente Unternehmerfamilie in San Francisco ein, und ihr Vater entwickelte als Diplomat schon früh gute Beziehungen zur Verlegerfamilie Hearst.

Dieses Beziehungsnetz erlaubte Elizabeth, den Theranos-Verwaltungsrat mit grossen alten Namen zu besetzen: Henry Kissinger, Ex-Aussenminister George Shultz, Ex-General James Mattis und Ex-Senator Bill Frist. Diese Namen wiederum zogen prominente Investoren an: neben Oracle-Gründer Larry Ellison auch Don Lucas und Tim Draper, zwei Grossväter des Start-up-Kapitals im Silicon Valley. Mehr als 750 Millionen Dollar flossen ins Unternehmen und trieben die Bewertung von Theranos bis Mitte 2015 auf astronomische 9 Milliarden Dollar hoch.

Umfassendes Bild des Gesundheitszustands

Die Grundidee von Theranos war so simpel wie bestechend. Patienten sollte nur ein Blutstropfen an der Fingerspitze entnommen werden statt der üblichen drei bis vier Ampullen Blut aus dem Unterarm. Von einem Theranos-Mess­gerät analysiert, sollte dieser Tropfen dann ein umfassendes Bild des Gesundheitszustands liefern, Allergien aufzeigen oder auch die Wirksamkeit von Arzneien aufdecken. Das Wunderding wurde entsprechend benannt: Edison. Dessen Resultate sollten direkt über eine App abrufbar sein, womit Arzt und Spital ausgeschaltet wären und das «Gesundheitssystem revolutioniert» würde.

Entsprechend waren die Erwartungen hoch, als Holmes ihre Geräte zu verkaufen versuchte. Als Erstes kontaktierte sie grosse Pharmakonzerne. 2008 etwa traf sie in Zürich eine Delegation von Novartis. Hier wollte sie gemäss dem «Wall Street Journal» beweisen, dass ihr Blutanalysegerät Proteine messen kann, die auf eine Entzündung hinweisen. Die Maschine aber zeigte wiederholt nur Fehlermeldungen an, was Holmes nicht zu irritieren schien – sie ging darüber hinweg und machte später geltend, jemand sei über das Stromkabel gestolpert.

Die Novartis-Leute waren offenbar nicht beeindruckt: Eine Kooperation kam ebenso wenig zustande wie später mit Pfizer, GlaxoSmithKline oder Celgene. Wiederholt fiel den Fachleuten auf, dass Holmes viel und schnell sprach, kritischen Fragen aber aus dem Weg ging und sich weigerte, die wissenschaftliche Basis ihrer Technologie zu erklären. Ebenso fiel auf, dass sie nicht wie in der Medizinalindustrie üblich ihre Forschungsresultate publizierte. Harte Fragen im Verwaltungsrat musste sie nicht fürchten. Die älteren Herren im Gremium hatten bis auf wenige Ausnahmen keine Ahnung von der Thematik.

An der Nase herumgeführt

Frank Partnoy, Rechts- und Finanzprofessor an der Universität in San Diego und Autor eines Buches über falsche Führungsentscheide, fasst es wie folgt zusammen. «Diese Leute sind fasziniert von einer 30-jährigen Frau und ihrer zauberhaften Prozedur. Sie glauben ihr, wenn sie angeblich die Cleveland Clinic auf ihrer Seite hat, und meinen, alles sei in bester Ordnung.» Doch dieser Vorgang sei nicht neu und wiederhole sich oft in Start-up-Firmen. «Wirklich intelligente und reiche Leute glauben total unglaubliche Dinge, und dies mit hundertprozentiger Überzeugung.»

Holmes nutzte dieses blinde Vertrauen schamlos aus, wie frühere Angestellte berichten. Die wissenschaftlichen Anforderungen der Branche hätten sie nie wirklich interessiert, sagt David Philippides, ein früherer Theranos-Inge­nieur. Sie führte auch die staatlichen Aufseher in die Irre. Theranos betrieb deswegen zwei Labors. Eines mit den eigenen Wundergeräten und eines mit handelsüblichen Maschinen, unter anderem von Siemens. Bei Inspektionen wurden nur diese problemlos funktionierenden Geräte gezeigt. Das andere Labor mit dem Decknamen «Normandy» – in Anlehnung an die Landung der Alliierten in der Normandie und ihre Pläne zur Welteroberung – blieb mit Verweis auf Geschäftsgeheimnisse verschlossen.

Noch gibt sich Holmes nicht geschlagen. Vor einer Woche stellte sie wiederum ein neues Gerät vor und bat die wissenschaftliche Gemeinschaft um ihre Mitarbeit. Das Echo war bescheiden. Die Zweifel, dass sie mehr ist als eine Verkäuferin eines schönen Scheins, sind inzwischen zu gross geworden.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 07.08.2016, 22:31 Uhr

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