Wirtschaft
Das Finanzsystem hat den Test nicht bestanden
Von Philipp Löpfe. Aktualisiert am 12.09.2008 95 Kommentare
Wenn Finanzminister Hank Paulson über das Wochenende arbeitet, wird es für den amerikanischen Steuerzahler teuer: Die Hilfsaktion von Bear Stearns hat gegen 30 Milliarden Dollar gekostet, die Rettung von Fannie Mae und Freddie Mac könnte auf mehr als 200 Milliarden Dollar zu stehen kommen.
Angesichts des drohenden Kollaps der Investmentbank Lehman Brothers empfehlen deshalb Witzbolde Paulson, er solle sich an diesem Wochenende entspannen. Er solle seinem Hobby, dem Beobachten von Vögeln frönen, aber bitte, bitte, ja nicht arbeiten.
An Wallstreet ist inzwischen jedoch den meisten das Lachen vergangen. Die Entwicklung der Subprimekrise ist zu einer Krise des modernen Kapitalismus geworden. Das ist zum einen sehr teuer: Die ersten Schätzungen gingen von einem Schaden von 100 Milliarden aus. Inzwischen sind 500 Milliarden verloren.
Der Internationale Währungsfonds rechnet mit Kosten in der Höhe von 1000 Milliarden und der Crash-Prophet Nouriel Roubini ist bereits bei 2000 Milliarden angelangt. Dummerweise hat Roubini mit seinen Prognosen bisher stets Recht gehabt.
Krise zerstört Jobs en masse
Die Krise vernichtet zudem im grossen Stil Arbeitsplätze. Im ersten Halbjahr 2008 sind im Finanzsektor 83'000 Arbeitsplätze vernichtet worden. Die Übernahme von Bear Stearns durch JP Morgan allein hat 7000 Banker den Job gekostet, bei Lehman stehen jetzt nochmals 23’000 Arbeitsplätze auf dem Spiel.
Was doppelt bitter ist: Wer seine Stelle verliert, kann sich häufig auch noch seine Pension ans Bein streichen. Diese war nämlich zum grössten Teil in Aktien der eigenen Banken angelegt worden und diese Aktien sind praktisch wertlos geworden.
Die Krisen des 20. Jahrhunderts fanden an der Peripherie statt, in Mexiko, Indonesien oder Russland. Diesmal ist das Herz des Systems betroffen. Das wirft grundsätzliche Fragen auf: So erklärt der ehemalige Präsident der amerikanischen Notenbank, Paul Volcker: «Einfach gesagt, unser wunderschönes neues Finanzsystem mit all seinen talentierten Teilnehmern und seinen reichen Belohnungen – hat den Test im Markt nicht bestanden.»
Ende des Neoliberalismus
Dieses Marktversagen wird auf verschiedenen Ebenen politische Konsequenzen haben. Zum einen ist es eine Absage an den Neoliberalismus. Um eine langjährige Wirtschaftkrise wie in Japan zu verhindern, wirft die konservative US-Regierung ihre Überzeugungen über Bord und setzt den Staat ein, um den Kollaps der Wirtschaft zu verhindern.
Dabei nimmt sie keine Rücksichten auf die Staatsfinanzen: 150 Milliarden Dollar für ein Ankurbelungsprogramm, 200 Milliarden für die Sicherung der Hypotheken, etc.
Das weckt andernorts Begehrlichkeiten. Bereits will auch die notleidende Autoindustrie 50 Milliarden Dollar für die Entwicklung neuer Autos, das ist weit mehr als die Sanierung von Chrylser in den Achtzigerjahren gekostet hat.
Auswirkungen wird dies auch auf die Geopolitik haben. Militärisch sind die USA zwar noch lange die unbestrittene Nummer eins. Die Finanzkrise kratzt jedoch immer stärker am Image der Supermacht.
Wenn der Finanzminister jedes Wochenende eine Bank oder einen multinationalen Konzern retten muss, fördert das weder das Vertrauen noch den Respekt gegenüber den USA. So gesehen sollte sich Hank Paulson vielleicht wirklich ein freies Wochenende gönnen. (baz.ch/Newsnet)
Erstellt: 12.09.2008, 15:46 Uhr
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