Ökonom: «Italien ist das nächste grosse Risiko»

Was bedeutet die Macron-Wahl für Devisen und Aktien? Und warum ist der Euro weiter in Gefahr? Dazu Burkhard Varnholt, von der CS Schweiz.

Der Euro wird zum Franken schwächer: Macron-Anhänger feiern seinen Wahlsieg in Paris.

Der Euro wird zum Franken schwächer: Macron-Anhänger feiern seinen Wahlsieg in Paris. Bild: Christophe Petit Tesson/Keystone

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Für die Schweizer Exportwirtschaft war die Wahl gut. Der Euro-Franken-Kurs hat sich schon nach dem ersten Wahlgang auf 1.08 abgeschwächt. Wie geht es nun weiter?
Burkhard Varnholt: Die Abschwächung des Frankens wird nicht ungebremst so weitergehen. Zu Beginn des nächsten Jahres finden in Italien Wahlen statt. Solange nicht klar ist, ob dort Euro-Skeptiker an die Macht kommen, kann sich der Euro nicht weiter erholen.

Wieso?
Die Gefahr in Frankreich ist zwar gebannt, doch nun ist Italien das nächste grosse Risiko. Es ist offen, ob sich dort eine populistische, euroskeptische Partei durchsetzt, die mit dem Feuer spielen will. So wie das die unterlegene Marine Le Pen wollte. Weiter unklar ist zudem, wie die Bankenkrise in Italien entschärft werden soll.

Was sind die Folgen aus dieser Ungewissheit?
Italien schränkt die Handlungsoptionen der Europäischen Zentralbank ein. Sie kann etwa die Zinsen nicht anheben. Dies obwohl andere grosse europäische Volkswirtschaften wie Deutschland und Frankreich stark wachsen. Ohne höhere Zinsen kann der Euro gegenüber dem Franken nicht an Wert gewinnen.

Welches Szenario droht in Italien?
Ein Austritt aus der Währungsunion wäre fatal. Sowohl für Italien als auch für die Eurozone. Italien ist die drittgrösste Volkswirtschaft im Euroraum. Es sieht derzeit nicht so aus, als ob die oppositionelle Fünfsternbewegung den Austritt aus dem Euroraum unbedingt will. Für starke Schwankungen an den Finanzmärkten und einen schwächeren Euro könnte ihre Wahl aber dennoch sorgen. Solange es da keine Klarheit gibt, wird der Euro unter Druck bleiben.

Welche Konsequenzen hat die Wahl in Frankreich für den Kurs der Europäischen Zentralbank und denjenigen der Schweizerischen Nationalbank?
Der Wahlausgang in Frankreich ist für SNB und EZB hochwillkommen. Le Pen hat sich mit ihrem Anspruch, Frankreich aus der Eurozone zu führen, ein Eigentor geschossen. Das wäre katastrophal für die Eurozone, Frankreich und die SNB gewesen. Der Euro wäre implodiert.

Wie ist Ihr wirtschaftlicher Ausblick für Frankreich unter der neuen Regierung des designierten Staatspräsidenten Emmanuel Macron?
Es ergibt sich eine einmalige Chance. Macron hat viel politisches Kapital. Das braucht man, wenn man Strukturreformen angehen will. Frankreich hat mit einer verfehlten Wirtschaftspolitik zwei Jahrzehnte verpasst. Die Folge davon sind eine hohe Arbeitslosigkeit und eine tiefe Wettbewerbsfähigkeit. Die französische Volksseele ist verletzt, weil sich die eigene Wirtschaft im Vergleich zu denjenigen der grossen Nachbarländer, wie Deutschland, sehr schlecht entwickelt hat.

Was muss Macron leisten?
Die Arbeitslosigkeit muss sinken und das Pensionskassensystem reformiert werden. Das kann Macron schaffen, weil der Zeitpunkt gut ist. Die globale Wirtschaft läuft rund, er hat dadurch konjunkturellen Rückenwind. Ich bin auch sonst zuversichtlich. In den vergangenen Jahrzehnten hat immer wieder ein europäisches Land wirtschaftlich überrascht. In den Achtzigerjahren war es Grossbritannien, in den Neunzigern Schweden, danach Deutschland und zuletzt Spanien. Vielleicht ist nun Frankreich an der Reihe. Kein Mensch traut es dem Land zu, doch es ist möglich.

Der Schweizer Leitindex SMI hat vor wenigen Tagen die 9000-Punkte-Marke geknackt. Legt er weiter zu?
Geht es Europa gut, geht es der Schweiz gut – und umgekehrt. Die Schweiz ist mit der EU eng verbunden. Die Wirtschaft entwickelt sich gut. Davon profitieren auch die Aktienmärkte. Das wird auch in der zweiten Jahreshälfte noch der Fall sein. Wie es im nächsten Jahr weitergeht, ist offen. Sollte Italien den Euro-Kurs stützen, wird der Franken schwächer, und davon profitiert der hiesige Aktienmarkt.

Video – Einschätzungen von Ökonomen zu den Auswirkungen der Macron-Wahl:

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 08.05.2017, 12:30 Uhr

Burkhard Varnholt, Chefökonom CS Schweiz.

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