Wirtschaft
Sie irren, Herr Ermotti!
Eine Analyse von Bruno Schletti. Aktualisiert am 29.10.2012 209 Kommentare
Bruno Schletti ist Wirtschaftsredaktor beim Tages-Anzeiger.
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Wer handelt unverantwortlich – die Informanten des «Tages-Anzeigers» oder die Führung der UBS? (UBSN 17.32 -3.78%) UBS-Chef Sergio Ermotti beklagte sich in einer internen E-Mail an die 63'500 Mitarbeitenden am Samstag darüber, dass «es Leute in der Bank gibt, die unverantwortlich oder lediglich in ihrem eigenen Interesse handeln». Er meint damit jene Mitarbeiter, die den «Tages-Anzeiger» über ein Kostensenkungsprogramm informierten. Weltweit stehen Tausende Arbeitsplätze zur Debatte. Man muss sich vor Augen führen, was sich im Innern der UBS abspielt. Ermottis Position als Konzernchef ist alles andere als gefestigt. Er steht unter enormem Erfolgsdruck. Er hat die Aktionäre im Nacken, namentlich jene, die der Bank mitten in der Krise mit Milliarden aus der Patsche geholfen haben. Sie haben nicht aus Nächstenliebe investiert. Sie wollen auf ihrem Einsatz Rendite sehen.
Der Durchtriebenste überlebt
Ermotti sieht auch die Gebisse seiner Konkurrenten. Die Konzernleitung einer Grossbank ist keine Puppenstube. Sie ist ein Haifischbecken, in dem vielleicht der Stärkste, vielleicht der Klügste, am ehesten der Durchtriebenste überlebt. Dazu kommt ein Anreizsystem, das nach wie vor nicht den belohnt, der eine nachhaltige Wertordnung etabliert, der es schafft, die Bank aus fragwürdigen Geschäften und Skandalen herauszuhalten, der die Interessen der Aktionäre, der Angestellten und der Öffentlichkeit in Übereinstimmung bringt. Belohnt werden Ermotti und seine Kollegen an der Bankspitze auch heute noch, wenn sie die Erfolgszahlen hochtreiben.
Das ist die Ausgangslage, aus der heraus der Tessiner agiert – agieren muss, wenn er nicht als Verlierer vom Platz gehen will. Das ist der Nährboden, auf dem das Kostensenkungsprogramm heranwächst, das Ermotti demnächst präsentieren wird. Entscheidend ist nicht, ob am Ende 1000, 5000 oder 10'000 UBSler ihren Job verlieren. Entscheidend ist, dass es jene trifft, die für die Probleme der Bank nicht verantwortlich sind.
Man mag einwenden, dass die zwölf Konzernleitungsmitglieder nichts mit den Fehlern zu tun haben, welche die Bank vor fünf Jahren in die Krise stürzten. Direkt nicht, aber alle zwölf waren damals schon in führenden Positionen bei der UBS oder anderen Finanzinstituten. Alle zwölf pflegen abwesend zu sein, wann immer ein neuer Skandal ruchbar wird – Beispiel Adoboli. Alle zwölf sind zur Stelle, wenn einmal im Jahr die Gewinnverteilung winkt. 2011 vergab die Bank 70 Millionen Franken Gesamtvergütung an die Konzernleitung.
Wo ist die Gegenleistung?
«Ich nehme den Ärger über die hohen Löhne ernst», säuselt UBS-Präsident Axel Weber der Öffentlichkeit in die Ohren. Sagt es und kassiert selbst 4 Millionen im Jahr – die ersten 4 Millionen, bevor er sein Amt überhaupt antrat. Damit war seine Glaubwürdigkeit in dieser Debatte bereits dahin. Mit Ethos-Direktor Dominique Biedermann muss man sagen: «Man sollte Leute nicht bezahlen, ohne dass sie eine Gegenleistung erbracht haben.» Wo ist diese Gegenleistung? Die Bank reüssiert weder ökonomisch noch ist von der oft versprochenen neuen Wertehaltung viel zu sehen. Das ist das Umfeld, in dem UBS-Angestellte die Nase voll haben. Sie lassen dem «Tages-Anzeiger» Fakten zukommen – nicht Spekulationen, Herr Ermotti –, um die Öffentlichkeit aufzurütteln.
Was sich jetzt anbahnt, ist die altbekannte Geschichte von den privatisierten Gewinnen und den sozialisierten Kosten. Die Geschichte geht so: Die UBS bezahlt nach den gemachten Verlusten bis heute keine Gewinnsteuern und wird das auf Jahre hinaus nicht tun. Die UBS zahlt – siehe oben – ihren zwölf Konzernleitungsmitgliedern 70 Millionen Franken Entschädigung. Diese zwölf Konzernleitungsmitglieder sind im Begriff, ein Spar- und Stellenabbaupaket zu schnüren, das die bisherigen Massnahmen übertreffen wird. Auf Banker und Informatiker wartet zurzeit niemand. Die Betroffenen werden die Arbeitsämter fluten. Die Rechnung bezahlen die Steuerzahler und – über ihre Beitragszahlungen – die Arbeitnehmer. Leute, die so vorgehen, handeln – am besten lässt sich das mit den Worten von UBS-Chef Ermotti formulieren – «unverantwortlich oder lediglich in ihrem eigenen Interesse».
Ein Informant des «Tages-Anzeigers» sagte: «Wenn es mir auf diesem Weg gelingt, die Politiker dieses Landes aufzurütteln oder die Führung der UBS dazu zu bringen, ihr Vorgehen noch einmal zu überdenken, dann habe ich mein Ziel erreicht.»
Erstellt: 15.10.2012, 10:05 Uhr
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209 Kommentare
Ich glaubte meinen Augen nicht zu trauen als ich den Artikel las. Hat wirklich der Tagi endlich auch verstanden, dass es nicht um die 99.5% fleissigen und ehrlichen Bankangestellten geht welche die Probleme schaffen sondern um jene 0.5% welche überhöhte und ungerechtfertigte Saläre beziehen? Danke Tagi und hoffentlich merken all jene, die alle MA einer Bank als "Bankster" bezeichnen worum es geht. Antworten
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