Wusste er wirklich nichts von den Zahlungen an den IS?

Eric Olsen wusste angeblich nichts von Lafarges Kooperation mit dem IS in Syrien. Dennoch tritt er als Konzernchef zurück.

Tritt wegen Lafarges Geschäftsgebaren in Syrien zurück, obwohl er angeblich nicht einmal davon wusste: LafargeHolcim-Chef Eric Olsen.

Tritt wegen Lafarges Geschäftsgebaren in Syrien zurück, obwohl er angeblich nicht einmal davon wusste: LafargeHolcim-Chef Eric Olsen. Bild: Walter Bieri/Keystone

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Verantwortung für die Schutzgeldzahlungen, die der Zementkonzern Lafarge an den IS zahlte, um von 2011 bis 2014 den Betrieb seiner Fabrik in Jalabiya im Norden Syriens aufrechtzuerhalten, trug Eric Olsen nicht. Zu jener Zeit war der heutige Chef des aus der Fusion der französischen Lafarge mit der schweizerischen Holcim entstandenen Konzerns in der Lafarge-Geschäftsleitung für Organisatorisches und Personalfragen zuständig. Und deshalb nicht direkt in Fragen rund um das Geschäft in Syrien involviert.

Nach offizieller Lesart soll er nicht einmal Kenntnis von den dortigen Geschehnissen gehabt haben. Dass er seinen Chefposten beim Zementriesen dennoch abgibt, legt nahe, dass seine Weste in der Angelegenheit doch nicht ganz rein ist. Das behauptet beispielsweise auch der Norweger Jacob Waerness in seinem kürzlich veröffentlichten Buch. Waerness war von 2011 bis 2013 für die Sicherheit im syrischen Lafarge-Werk zuständig. Gemäss seinen Angaben wurde die Konzernzentrale in Paris wöchentlich über die Lage in Syriens Norden informiert. Und die Informationen erhielt offenbar auch Olsen. Dass Olsen bei solchen Telefonkonferenzen zugegen war, bestätigten gegenüber der «SonntagsZeitung» auch Insider.

Jacob Waerness veröffentlichte auf Instagram einige Eindrücke aus der Zeit, als er für Lafarge in Syrien arbeitete.

In der offiziellen Verlautbarung zu Olsens Rücktritt, in der hauptsächlich seine Verdienste bei der Fusion von Lafarge mit Holcim hervorgehoben werden, wird derweil versucht, keinesfalls den Eindruck entstehen zu lassen, dass der Rücktritt des CEOs etwas mit dessen Rolle in der IS-Affäre zu tun haben könnte. Die Geschäftspolitik von Lafarge im Bürgerkriegs-Syrien, der eigentliche Rücktrittsgrund, taucht einzig in einem Zitat von Olsen auf: «Obwohl ich in keinerlei Fehlverhalten involviert war oder davon Kenntnis hatte, denke ich, dass mein Rücktritt dazu beitragen wird, Ruhe in ein Unternehmen zu bringen, das während Monaten diesbezüglich im Zentrum der Aufmerksamkeit stand.»

Nur Eindruck, keine Gewissheit

Der Rücken gestärkt wird Olsen auch vom Verwaltungsrat. Das Gremium hatte externe Rechtsberater damit beauftragt, abzuklären, mit welchen Mitteln die Jalabiya-Fabrik trotz Kriegs so lange hat betrieben werden können und ob dabei Zahlungen an die Terrormiliz IS geleistet wurden. Olsen sei für kein Fehlverhalten, welches im Zuge der Überprüfung festgestellt wurde, verantwortlich gewesen, hiess es in einer ebenfalls am Montag gleichzeitig mit Olsens Rücktritt veröffentlichten Mitteilung zum Abschluss der Untersuchungen. Dass der einstige Lafarge-Personalchef und gegenwärtige LafargeHolcim-Konzernchef nichts von den Geschäftsgebaren in Syrien wusste, schreibt der Verwaltungsrat indes nicht ausdrücklich. Stattdessen ist lediglich von einem «Eindruck», dass Eric Olsen davon keine Kenntnis hatte, die Rede.

Im vom Verwaltungsrat bestellten Bericht wird zwar Olsen entlastet, mit anderen Verantwortlichen wird dagegen weniger zimperlich umgegangen. Einige Massnahmen, die für die Weiterführung eines sicheren Betriebs des Werks in Syrien getroffen wurden, seien nicht akzeptabel, heisst es im Communiqué von LafargeHolcim. Zudem seien Fehleinschätzungen getroffen worden, die gegen den geltenden Verhaltenskodex verstiessen. Gemäss Bericht seien die nicht akzeptablen Massnahmen – sprich die Kollaboration mit Rebellengruppen – vom lokalen und regionalen Management getroffen worden. Bestimmte Mitglieder des Konzernmanagements hatten jedoch Kenntnis davon. Namen nennt LafargeHolcim keine – vom internen Bericht wurde lediglich eine Kurzfassung veröffentlicht.

Abschreibung unerwünscht

Wie gross das Interesse der Konzernleitung an einem Weiterbetrieb des Werks in Syrien gewesen war, zeigt ein Blick zurück: Zur Fabrik in Jalabiya kam Lafarge 2007, als sie den ägyptischen Zementkonzern Orascom übernahm. Lafarge investierte in den Jahren danach rund 680 Millionen Dollar – im Frühling 2010, rund ein Jahr bevor der Bürgerkrieg in Syrien begann, wurde das neue Werk eröffnet. Eine Aufgabe der Fabrik hätte dazu geführt, dass wohl auch die Investitionen ans Bein gestrichen werden hätten müssen.

Grosse Abschreiber gefallen Managern nie. Für Lafarge, die 2012 alle ausländischen Fachkräfte aus Syrien abzog, die Fabrik aber bis zu ihrer Evakuation im September 2014 weiterbetrieb, wären solche Verluste aber noch ungelegener gekommen. Denn im Frühling 2014 begannen die Gespräche mit Holcim über eine Fusion der beiden Konzerne – und Meldungen zu Abschreibungen hätten die Position von Lafarge damals definitiv geschwächt. (baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 24.04.2017, 13:24 Uhr

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