Die Landwirte schielen auf die Dächer

Agrarkonzern Fenaco will die Leistung eines halben AKW auf Scheunen, Ställen und Bauernhäusern produzieren.

Ursula und Hans Peter Schneider mit Sohn Gian-Levin und Tochter Seline im Gespräch mit Joël Pauli von Solvatec,
der beim Wiederaufbau der abgebrannten Scheune (im Hintergrund) eine moderne Fotovoltaik-Anlage auf das Dach installiert hat. Foto: Kurt Tschan

Ursula und Hans Peter Schneider mit Sohn Gian-Levin und Tochter Seline im Gespräch mit Joël Pauli von Solvatec, der beim Wiederaufbau der abgebrannten Scheune (im Hintergrund) eine moderne Fotovoltaik-Anlage auf das Dach installiert hat. Foto: Kurt Tschan

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Zwar machen die Beschäftigten in der Landwirtschaft nur noch drei Prozent der Schweizer Bevölkerung aus. Wenn es um Sonnenenergie geht, wollen die Schweizer Landwirte aber wieder zulegen. Der Agrarkonzern Fenaco, dem unter anderem die Detailhändler Landi und Volg gehören, setzt die Messlatte bewusst hoch. «Wir betrachten es als realistisch, dass mittelfristig mindestens 1200 Gigawattstunden Strom pro Jahr allein in landwirtschaftlichen Solarstromanlagen produziert werden», sagt Fenaco-Geschäftsleitungsmitglied Daniel Bischof. Dies würde annähernd der halben Stromproduktion des Atomkraftwerks Mühleberg entsprechen. Und als ob dies nicht schon genug wäre, glaubt der Leiter des Departements Energie, könnten es je nach technologischer Entwicklung durchaus auch mehr sein.

Bis es so weit ist, dürfte es aber noch dauern. Beim Einsatz der Fotovoltaik (PV) steckt die Landwirtschaft in der Schweiz noch in den Kinderschuhen. Der Grossteil der Dächer ist unbenutzt. Im Jahr 2013 wurden lediglich 24 Gigawattstunden Strom produziert. Gezählt wurden in den 26 Kantonen rund 1000 installierte Solar-Anlagen bei insgesamt rund 55'000 Bauernbetrieben. Um die Solar-Offensive in der Landwirtschaft so richtig zu lancieren, hat Fenaco in diesem Frühjahr die Mehrheit am Basler PV-Pionier Solvatec übernommen. Reich sei er durch den Verkauf seiner Aktien nicht geworden, sagt Solvatec-Gründer Dominik Müller. Allerdings fühle er sich im Hinblick auf ein Abflachen des Solar-Booms unter dem Dach der grossen Fenaco etwas sicherer. Dies sei insbesondere für die 40 Beschäftigten des Unternehmens wichtig.

Fenaco selbst erhofft sich durch den Kauf «einen weiteren Schritt, um sich im Geschäftsfeld Energie als nachhaltige Anbieterin für Produzenten und Konsumenten im ländlichen Raum zu positionieren», wie Bischof betont. Die Fenaco-Tochter Agrola als Betreiberin eines der grössten Tankstellennetzes der Schweiz habe sich in den vergangenen Jahren bereits die Marktführerschaft im Verkauf von Holz-Pellets gesichert. Mit Solvatec hole man sich «nun eine umfassende Kompetenz im Solargeschäft an Bord». Auch sie soll letztlich zur Marktführung verhelfen.

Stattliche Investitionen

Der Nutzen für die Bauern nach diesem – wie in solchen Fällen üblich – nicht näher bezifferten Deal ist vorerst aber nicht absehbar. Gegenwärtig laufen drei Pilotprojekte in Landi-Genossenschaften, wie Bischof bestätigt. Mittelfristig, sagt er, sollen die Solvatec-Angebote zu einer neuen Möglichkeit führen, landwirtschaftliche Betriebe wirtschaftlich weiterzuentwickeln. Mit der Unterstützung der lokal verankerten Landi Genossenschaft könnten die Landwirte kosteneffiziente Anlagen erwerben und damit die Abhängigkeit von fremdem Strom aus der Steckdose reduzieren.

Bauer Hans Peter Schneider hat den Schritt zum Stromerzeuger bereits gewagt. Soeben hat er auf seinem Hof in Rubigen eine zweite Anlage auf einer neu gebauten Scheune montieren lassen. Diese war im vergangenen Dezember nach einem Maschinendefekt vollständig niedergebrannt. Die 14 Mutterkühe, die in unmittelbarer Nachbarschaft in einem Freilaufstall untergebracht sind, wurden vom Feuer glücklicherweise ebenso verschont wie der daran angrenzende Wohntrakt.

Die Berner Bauernfamilie hatte bereits vor zwei Jahren das Hauptgebäude mit einer PV-Anlage ausgestattet. Beim Wiederaufbau der abgebrannten Scheune wurde das Dach mit Solarpanels ergänzt. «Auf grossen, südseitig ausgerichteten Dächern sollte es mit Blick auf die Energiewende selbstverständlich sein, auch Energie zu produzieren», sagt Schneider.

Stolz ist er besonders auf seine neue Anlage, die aus Dünnschichtmodulen besteht. Bei diesen führt ein Schattenwurf nicht zu einem Gesamtverlust auf dem ganzen Strang, sagt Joël Paul, der für Solvatec die Anlage gebaut hat. Rund 80'000 Franken hat sich Familie Schneider den Nebenerwerb Solarstrom bis jetzt kosten lassen. Mit dem Entgelt aus der Kostendeckenden Einspeisevergütung (KEV), so Pauli, sollte der Break-even in zwölf Jahren erreicht sein. Von diesem Zeitpunkt an sollten die Investitionen Gewinn abwerfen.

Eine wahre Durststrecke

Dennoch plagen Schneider auch Zweifel. Seine Anlagen sind noch nicht in das Förderprogramm des Bundes aufgenommen worden. Es ist unklar, wie lange er auf der Warteliste verbleiben wird. Das Gesuch wurde anderthalb Jahre vor dem Bau der ersten Anlage eingereicht. Deshalb ist Geduld gefragt. Das Bundesamt für Energie sprach Ende Juni «aufgrund der sehr hohen Nachfrage» von einer langen Warteliste bei den KEV-Gesuchen. Bei der Betreiberin des Hochspannungsnetzes Swissgrid, wo die KEV-Gesuche behandelt werden, heisst es, dass die Nachfrage aktuell grösser sei als die zur Verfügung stehenden Fördermittel.

Als Folge davon habe das Bundesamt für Energie einen Bescheidstopp verfügt. Konkret gab es bis Ende des zweiten Quartals des laufenden Jahres insgesamt 61'887 Anmeldungen. Positive Bescheide und damit die Freigabe erhielten nur 16'910 Gesuchsteller. Nicht weniger als 38'309 Anlagen befanden sich auf der Warteliste. Hinzu kamen negative Bescheide (62), Rückzüge (1605) und Einmalvergütungen (1605). Angesichts der zur Verfügung stehenden Mittel, die den Strombezügern in Form von Gebühren abgezwackt werden, war die KEV im zweiten Quartal 2015 um 411,6 Millionen Franken überbucht, obwohl seit Januar 2014 in der KEV-Kasse jährlich rund 750 Millionen Franken bereitliegen.

Familie Schneider kommt das Warten einer eigentlichen Durststrecke gleich. Die Bernischen Kraftwerke (BKW) müssen den Strom zwar abnehmen und in ihr Netz einspeisen. Der Preis, den sie dafür zahlen, sinkt aber stetig. Deshalb liegen die im Businessplan prognostizierten Einnahmen deutlich unter den Erwartungen. Ungeachtet der offenen Probleme bei der KEV treibt die Fenaco ihre Solar-Offensive aber fort und will auch einen Teil ihrer eigenen Gebäude mit PV-Anlagen ausstatten. In diversen Fällen sei dies bereits geschehen, sagt Bischof. Noch offen ist, ob bei Landi, Volg oder den Agrola-Tankstellen dereinst auch E-Zapfsäulen aufgestellt werden. «Es bestehen viele verschiedene Ideen, die sich aber noch in einem frühen Stadium befinden», sagt Bischof. Ob dereinst auf Schweizer Äckern und Wiesen auch elektrisch betriebene Traktoren unterwegs sein werden, will Fenaco der unternehmerischen Freiheit der Landwirte überlassen.

Kontroverse unter den Bauern

Während Bauer Schneider überlegt, angesichts der tiefen Entgelte durch den Energieversorger BKK, die er für seinen Solarstrom erhält, in Zukunft einen Teil der produzierten Energie selber zu nutzen und zu speichern, gibt er aber auch zu, dass die Meinungen unter den Bauern zu den neuen erneuerbaren Energien geteilt sind. «Es wird kontrovers diskutiert», sagt er.

Es gebe klare Befürworter und Gegner. Insbesondere die Unsicherheit über die KEV bremse die Erwartungen. Auch Solvatec spürt das Misstrauen der Bauern. Nur rund jede neunte PV-Anlage, die das Basler Unternehmen baut, wird auch auf einen landwirtschaftlichen Betrieb geliefert.

(Basler Zeitung)

Erstellt: 30.07.2015, 23:58 Uhr

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