Erst die Freiheit, dann die Wirtschaft

Die Ökonomin Karen Horn über Donald Trump und das Ende des Liberalismus.

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Zehn Tage nach der amerikanischen Präsidentschaftswahl wissen wir immer noch wenig darüber, mit wem Donald Trump zu regieren gedenkt. Kaum schärfer geworden ist das Bild des Regierungsprogramms, das über den ganzen Wahlkampf hinweg nur sehr vereinzelt einigermassen konkrete Umrisse erhalten hat. Umso mehr scheinen wir um die längerfristigen Folgen von Trumps neuer Politik zu wissen: Landauf, landab verkünden Kommentatoren «das Ende des liberalen Zeitalters». Man begrüsst uns in der Ära des «Postliberalismus», wo sich der «neue Konservatismus» bereits bequem eingerichtet habe. Die US-Wahl künde schlicht und einfach vom «Ende der Aufklärung».

Aber was halten Liberale selber von der Prophezeiung, dass ihre Weltanschauung dabei sei, vom freien Markt der Ideen zu verschwinden? «Nichts», sagt Karen Horn, und das ist nicht wenig. Ihre Stimme hat Gewicht im liberalen Lager. Bis im Sommer 2015 amtierte sie in Deutschland als Vorsitzende der Hayek-Gesellschaft, eines Clubs liberaler Gesinnungs­genossen, benannt nach dem österreichischen Ökonomen und Nobelpreisträger Friedrich August von Hayek.

Horns Vorstellungen von Liberalismus sind so klar, dass sich daran sogar die Hayek-Gesellschaft gespalten hatte. Und dies geschah zu einem Zeitpunkt, als zumindest in Europa noch niemand an Trumps Wahl glauben konnte. Das britische Plebiszit für den Brexit war damals in den oberen Kreisen von Politik und Wirtschaft bestenfalls eine intellektuelle Gedankenspielerei. Horn warnt schon lange vor «Ablehnung und Ausgrenzung», vor dieser Tendenz, «Menschen nach Rasse oder Religion pauschal einzugruppieren», vor Hass und Hetze. Das seien «zutiefst illiberale Haltungen», die sich eben auch am rechten Rand des liberalen Lagers eingenistet hätten und dort auf keinen Fall hingehörten, sagt sie im Gespräch.

Auf den Streit in der Hayek-Gesellschaft mag die in Zürich lebende Intellektuelle nicht mehr länger eingehen. Vermutlich musste sie erfahren, dass in einer solchen Auseinandersetzung die wichtigen Argumente schnell durch den Verweis auf persönliche Animositäten entwertet werden. Und Karen Horn will wirklich über die Sache reden, das wird in der Diskussion klar, lange bevor der Tee erkaltet ist. Ja, nach allem, was Donald Trump im Wahlkampf zum Besten gegeben habe, müsse man sagen: «Der Mann steht für Diskriminierung, für die Ausgrenzung von Minderheiten, für die Abschottung der Märkte und für den Abschied von der Globalisierung. Ein solches Programm lässt jedem Liberalen die Haare zu Berge stehen, ganz egal, ob sich jemand mehr im linken oder im rechten Lager zu Hause fühlt.»

«Bürgerrechte unter Beschuss»

Die promovierte Ökonomin, die über Jahre als Journalistin bei der Frankfurter Allgemeinen Zeitung tätig war, spricht viel über humanistische Ideale und auffallend wenig über Wirtschaft. Ist der Liberalismus, wie ihn Friedrich von Hayek und viele andere berühmte Ökonomen vertreten haben, womöglich gar kein ökonomisches Konzept? «Liberalismus ist ein umfassendes Konzept mit vielen Facetten. In meiner Überzeugung geht liberales Denken vom Individuum aus, das es zu schützen gilt. Dessen Leben hat ökonomische Seiten, aber nicht nur. Sondern jeder von uns ist auch Bürger und bewegt sich im politischen Raum. Deshalb haben wir Liberalen nicht nur die Marktfreiheit, sondern auch die Bürgerrechte zu verteidigen. Beides ist durch Trump unter Beschuss geraten. Aber eigentlich steht der Liberalismus nicht nur in Amerika, sondern in der ganzen westlichen Welt unter Druck.»

Wenn Karen Horn nicht in Zürich ist, weilt sie meistens im Osten Deutschlands, wo sie an der Humboldt-Universität zu Berlin und an der Universität Erfurt wirtschaftliche Ideengeschichte lehrt, immer mit dem Brückenschlag zu Philosophie und Ethik. Dieser thematische Hintergrund schimmert in ihren Gedanken deutlich durch: «Wenn wir die Frage hinter dem Wohlstand und der Wirtschaft nicht mehr stellen, verlieren wir die wichtigsten Dinge aus dem Blick», sagt sie. Das passiere umso leichter, als man Werte wie die Bürgerfreiheiten in unseren Breitengraden zunehmend als feste und unverrückbare Grössen verstanden habe. Aber nichts sei unverrückbar in dieser Welt.

Die wirtschaftliche Entwicklung nach dem Zweiten Weltkrieg sei für die Verbreitung des Liberalismus sehr wichtig gewesen, erklärt sie. Das wirtschaftliche Wachstum habe geholfen, die Menschen in aller Welt zu vernetzen. So seien gemeinsame Interessen und letztlich dieser lang währende Frieden in der ganzen westlichen Welt entstanden. «Wer bekriegt schon den anderen, wenn er ihn braucht? Die Wirtschaft hat so Freiheit und Rechtsstaatlichkeit befördert. Aber offensichtlich haben wir aufgehört, darüber zu reden, weshalb wir diese Vernetzung über den Weltmarkt überhaupt wollen. Dabei könnte der Eindruck entstehen, Wirtschaft sei ein Selbstzweck. Aber Wirtschaft per se ist kein Wert.»

«Liberales Opferdenken»

Liberalismus hat im Verständnis von Karen Horn zunächst und vor allem etwas mit der Würde des einzelnen Menschen zu tun. Ein Individuum, das ernst genommen wird, trägt für sich selber auch Verantwortung. «Das ist vielleicht nicht immer angenehm, und ich muss auch das Vertrauen haben können, mit einer allfälligen Panne nicht alleingelassen zu werden. Aber ebenso selbstverständlich muss die Gewissheit sein, dass Selbstverantwortung einen enormen Gewinn an Freiheit bedeutet. Das ist etwas Schönes, etwas zum ­Feiern. Wir müssen rauskommen aus diesem Zirkel, dass Verantwortung vor allem anstrengend und Wettbewerb nur nötig, aber nicht primär belebend ist.»

Hier spricht die Liberale, die nicht glaubt, dass ihre Bewegung mit Trump und Brexit dem Untergang geweiht ist. «Ich erwarte ganz im Gegenteil, dass wir jetzt mehr Zuspruch und Engagement erhalten werden. Jetzt gibt es einen sehr konkreten Anlass mehr, den Liberalismus zu verteidigen.»

Es fehlt an Selbstbewusstsein, sagt Horn. «Es gibt so etwas wie eine Opfermentalität im liberalen Lager. Man fühlt sich von allen Seiten angegriffen. Dieses Opferdenken hat sich verselbstständigt. Viele liberale Geister denken, sie hätten nur noch zweieinhalb Gleichgesinnte um sich. Sie übersehen, wie stark das liberale Denken in den vergangenen Jahrzehnten in andere politische Kreise diffundiert ist. Statt sich darüber zu freuen, zeigt man lieber mit dem Finger auf die vielen kleineren und bisweilen auch grösseren Sünden in der konkreten Umsetzung liberaler Ideen. Man zieht sich in eine Art Sekte zurück und denkt, man sei allein und klein und hässlich und gezwungen, sich ein Leben lang immer nur zu verteidigen, Unsinn.»

Der «neue Konservatismus», das «Ende des liberalen Zeitalters»: Diese Entwicklungen sind seit 15 Jahren im Gang. Auf der Suche nach rationalen Gründen kommt man allzu schnell auf die Wirtschaft und die Frage, ob der Neoliberalismus nicht doch ein Fehler war. Nach Horn ist das ein Fehlschluss. «Es gibt so etwas wie eine sozialpsychologische Dynamik. Mit gezielter Propa­ganda, mit dem manipulativen Verschieben von sprachlichen Grenzen ist es möglich, die Menschen aufzuhetzen und Stimmungen zum Kippen zu bringen. Ich glaube, es ist bei vielen noch gar nicht angekommen, dass ein solcher Prozess bereits am Laufen ist.»

Kürzlich sass Karen Horn in der Frankfurter Paulskirche, als der frühere Schweizer Finanzminister Kaspar Villiger den Freiheitspreis der Friedrich-­Naumann-Stiftung in Empfang nehmen durfte. Dafür war Horn als Vorsitzende der Jury mindestens mitverantwortlich. «Er denkt langfristig und solide, ist offen und flexibel und ein Freund von Reformen», begründete die Jury die Wahl.

Villiger diagnostiziert der Welt drei Problemfelder: Es gebe eine Krise der Werte, der Demokratie und der Marktwirtschaft. «Die Liste finde ich gut, gerade was den Wert der Freiheit angeht», sagt Karen Horn. «Viele von uns glaubten, die Freiheit auf immer gewonnen zu haben. Doch das ist nicht der Fall.» (Basler Zeitung)

Erstellt: 21.11.2016, 10:50 Uhr

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