Wirtschaft
Der Preis der Ungleichheit
Eine Analyse von Philipp Löpfe. Aktualisiert am 26.06.2012 113 Kommentare
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In der Schweiz steigen gemäss einer Studie von Travailsuisse die Löhne der Manager nun auch bei mittleren Firmen. Nicht nur die Topbanker und Pharma-Bosse kassieren ein Hundertfaches des Lohnes eines einfachen Arbeitnehmers, auch bei Unternehmen wie Lindt & Sprüngli und Swatch hält diese Unsitte Einzug. In der «Financial Times» konnte man gestern lesen, dass die Gehälter des Spitzenpersonals bei den globalen Banken trotz massiver Kritik auch von den Aktionären weiter steigen. Warum lassen sich die Abzocker nicht zähmen?
Zwei unterschiedliche Weltanschauungen
Die Weltwirtschaftskrise hat zu zwei sehr unterschiedlichen Weltanschauungen geführt. Für Neoliberale und Konservative ist die Krise die Bestätigung dafür, dass der Sozialstaat ein missglücktes Experiment war. Griechenland, Spanien und Italien sind der Beweis dafür, dass wir uns diesen Luxus definitiv nicht mehr leisten können und den Gürtel enger schnallen müssen.
Ein vermeintlich ausufernder Sozialstaat bedroht in dieser Sicht das System als Ganzes: Das Kapital versickert in der Finanzierung von zu grosszügigen Sozialversicherungen und einem viel zu üppigen Gesundheitswesen. Für wirtschaftliche Innovation bleibt kein Geld mehr übrig. Deshalb gilt es, die Topmanager und die Superreichen zu schützen. Sie garantieren Innovation und Fortschritt und verhindern so den Absturz in den Sumpf eines nicht mehr finanzierbaren Sozialstaates.
Die zweite Sicht lässt sich wie folgt zusammenfassen: Dank starken Gewerkschaften und verantwortungsvollen Patrons hat die Marktwirtschaft in den 30 Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg sehr gut funktioniert. Die Produktionsfortschritte der Wirtschaft kamen auch den Arbeitnehmern zugute, sei es in Form von mehr Lohn oder weniger Arbeitszeit. Das Resultat war ein breiter, wohlhabender Mittelstand und sozialer Friede. Neoliberalismus und zunehmend die Globalisierung haben diesen Zustand zerstört. Das Resultat sind das Entstehen einer neuen Oligarchie und Verarmung des Mittelstandes.
Globalisierung führt zu Erpressung
Wer hat recht? Dieser Frage ist der Ökonom und Nobelpreisträger Joseph Stiglitz in seinem neuen Buch «The Price of Inequality» nachgegangen. Die Antwort ist eindeutig: Es gibt keinen Beweis dafür, dass Superreiche und grosse Einkommensunterschiede Innovation und Wohlstand fördern. Die Innovationen der neuen Finanzoligarchie sind volkswirtschaftlich gesehen bedeutungslos oder gar schädlich. Gerade die jüngste Krise ist ja massgeblich von den «Innovationen» der Zauberlehrlinge in der Finanzbranche mit verursacht worden.
Die fortschreitende Globalisierung hat dazu geführt, dass die Arbeitnehmer und auch der Staat von den multinationalen Konzernen erpresst werden können. Weil sich das Kapital problemlos rund um den Globus verschieben kann, können Löhne und Steuern mit der Drohung der Abwanderung immer weiter gedrückt werden.
Superreiche sind trotzdem nicht zu beneiden
Volkswirtschaftlich gesehen ist die Lage klar: Die Zeiten von relativer Gleichheit waren auch die Zeiten von gesundem Wachstum. Die US-Wirtschaft beispielsweise hat in den 1950er- und 1960er-Jahren deutlich kräftiger zugelegt als heute. Gleichzeitig war die soziale Mobilität viel grösser. Damals hatte der Vom-Tellerwäscher-zum-Millionär-Traum noch eine gewisse Berechtigung, heute braucht man reiche Eltern, wenn man reich werden will. Es gibt zudem keine Beweise für die volkswirtschaftliche Nützlichkeit einer sozialen Elite. Im Gegenteil: Gerade die sozial vernünftigen Staaten wie etwa die skandinavischen meistern die Krise am besten.
Die Kritik an der wachsenden Einkommensungleichheit wird meist mit dem stupiden Argument des Neids abgetan. Unsinn: Das Leben der Superreichen ist meist alles andere als beneidenswert. Vielmehr besteht das Problem darin, dass die neue Finanzoligarchie eine zerstörerische Wirkung für die bürgerliche Gesellschaft hat. Sie führt in den Worten von Stiglitz zu einer Gesellschaft, die «gespaltener ist, gezeichnet von tieferem Wirtschaftswachstum und hoher sozialer, politischer und wirtschaftlicher Instabilität».
Erstellt: 26.06.2012, 11:38 Uhr
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113 Kommentare
Das mühsamste ist, dass, falls man etwas gegen die Feudalisierung unserer Gesellschaft sagt, von den "Liberalen" sogleich als Neider und fauler Sack beschimpft wird. Dabei hat die Forderung nach mehr Verteilungsgerechtigtkeit durchaus ihre Berechtigung. Antworten
Es gäb auch noch eine dritte Position, die allemannische: Redlich, fleissig und bescheiden leben, der Gesellschaft, dem Staat und der nachfolgenden Generation etwas weitergeben; nicht immer vom Staat etwas erwarten, sondern von sich selbst; auf seine eigenen Fähigkeiten vertrauen. Offensichtlich kann sich das niemand mehr vorstellen, so habgierig und eingenommen von uns selbst sind wir geworden. Antworten
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