Wirtschaft
Die grösste Krise der Eurozone
Von Robert Mayer. Aktualisiert am 10.02.2010
Einheitliche Geldpolitik für Euro-Raum: Europäische Zentralbank in Frankfurt. (Bild: Keystone)
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Was sich derzeit an Spannungen auf den Finanzmärkten der Eurozone aufbaut, erinnert zusehends an den Herbst 1992. Damals musste Grossbritannien dem geballten Druck der Märkte nachgeben und aus dem Europäischen Währungssystem ausscheiden, nachdem das Land zuvor etwa ein Drittel seiner Währungsreserven verausgabt und die Leitzinsen auf über 10 Prozent angehoben hatte. Doch all diese Stützungsmassnahmen für das Pfund waren am Ende vergeblich: Die Lage stabilisierte sich erst, als sich die britische Währung aus dem Fixkurssystem (mit definierten Schwankungsbandbreiten) verabschiedete und zum freien Floating überging.
Die Eurozone wird sich selbst stützen
Heute richtet sich das Augenmerk spekulativ ausgerichteter Investoren in erster Linie auf Griechenland, Portugal und Spanien, die «weiche» Südflanke der Eurozone. Diverse Analysten, vorab solche mit Domizil jenseits des Atlantiks, entwerfen bereits das Bild eines marktgetriebenen Austritts einzelner Länder aus der Europäischen Währungsunion oder gar des völligen Zusammenbruchs der Eurozone.
Ob es je so weit kommt? Wohl kaum. Was angelsächsische Beobachter gerne übersehen, ist der dezidierte politische Wille der Europäer - genährt aus traumatischen historischen Erfahrungen -, ein Scheitern ihres Einigungsprozesses unter allen Umständen zu verhindern. Ein Bruch der Währungsunion käme einem Scheitern sehr nahe - entsprechend vehement wird sich der 16 Länder umfassende Euro-Verbund dagegenstemmen.
Die strukturellen Schwächen
Die Eurozone erlebt gegenwärtig die schwerste Belastungsprobe ihrer elfjährigen Geschichte. Ihre strukturellen Schwächen, auf die Kritiker von Anfang an hingewiesen hatten, treten jetzt zutage:
Während die Europäische Zentralbank (EZB) eine einheitliche Geldpolitik für den Euro-Raum betreibt, ist die Finanzpolitik weiterhin Sache der einzelnen Mitgliedsländer. Dementsprechend gross ist ihre Versuchung, es mit der Haushaltsdisziplin nicht allzu genau zu nehmen, zumal die dadurch verursachten Kosten - in Form einer geringeren Kreditwürdigkeit und höheren Zinskosten für die Eurozone - auf alle Mitglieder zurückfällt. Dem wollten die Gründungsväter des Euro mit dem Stabilitäts- und Wachstumspakt entgegenwirken, der die Mitglieder zu einer sparsamen Finanzpolitik verpflichtet. Im Laufe der Jahre ist dieser Vertrag aber, unter Beihilfe aller Euroländer, zunehmend ausgehöhlt worden.
Währungsunion rettete den «Club Med» in der Krise
Die Eurozone ist faktisch eine Zweiklassengesellschaft: Den wettbewerbsstarken, stabilitätsorientierten und Aussenhandelsüberschüsse generierenden Ländern im Norden steht der strukturschwache und defizitäre «Club Med» gegenüber. Dieses Gefälle ist mit der Währungsunion und ihrer allzu starken Ausrichtung auf fiskalische Konvergenz der Mitglieder nicht kleiner, sondern grösser geworden. Einerseits haben die Südeuropäer an Wettbewerbskraft verloren, weil die Löhne dort stärker gestiegen sind als die Produktivität ihrer Wirtschaft. Auf der anderen Seite ist insbesondere Deutschland nicht bereit, seine Exportlastigkeit zu korrigieren und dafür den privaten Binnenkonsum stärker anzukurbeln.
Diese strukturellen Bruchstellen innerhalb des Euro-Raumes blieben während des wirtschaftlichen Aufschwungs von 2003 bis 2007 weitgehend unbeachtet. Auch nach Ausbruch der Finanzkrise zeigte sich die Währungsunion stabil. Sie bewahrte Europa, namentlich den Süden, vor Turbulenzen, die ohne Gemeinschaftswährung ebenso unausweichlich wie heftig gewesen wären.
Unglaubwürdiges Griechenland
Dies änderte sich, als das Überschuldungsproblem der Staaten in der entwickelten Welt in den Fokus rückte und nach dem Fall Dubai gar ein Staatsbankrott als nicht mehr ausgeschlossen galt. Schon bald zählte Griechenland zu den grössten Wackelkandidaten - ein Land, das seit Jahren über seine Verhältnisse lebt und nicht davor zurückschreckt, die Wirtschaftsstatistiken zu frisieren. Der Schock folgte nach den Wahlen im letzten Oktober, als die neue Athener Regierung eingestehen musste, dass das Staatsdefizit für 2009 nicht 6 Prozent, sondern 12,7 Prozent des Bruttoinlandprodukts (BIP) betragen werde.
Dieses Land, das seine Glaubwürdigkeit gründlich verspielt hat, ist in nächster Zeit ganz besonders auf die Gunst der Finanzmärkte angewiesen: Rund 60 Milliarden Euro an Schulden muss Griechenland 2010 aufnehmen, davon etwa 40 Milliarden in der ersten Jahreshälfte, um den Finanzbedarf zu decken. Schon jetzt bezahlt der griechische Staat rund doppelt so hohe Zinsen für seine Anleihen wie Deutschland, und je prekärer seine Finanzlage wird, desto grösser wird die Belastung aus dem Schuldendienst.
Im Grunde ist Griechenlands Bedeutung für die Eurozone mit einem BIP-Anteil von 2,5 Prozent irrelevant. Was die Euro-Politiker allerdings umtreibt, ist das Ansteckungsrisiko: Geht Griechenland in die Knie, droht der gesamten Südflanke das gleiche Schicksal. Grosse Investoren wie etwa Hedge-Funds wetten längst auf dieses Szenario. Mit ihren Engagements in den Kreditmärkten testen sie aus, wie belastbar die Nord-Süd-Bruchstelle im Euro-Raum tatsächlich ist. Jetzt rächt sich, dass die Währungsunion es so weit hat kommen lassen. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 10.02.2010, 07:07 Uhr
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