Eskaliert der US-Budgetstreit, kommt es zum grossen Knall

Bei einem Zahlungsausfall gilt die grösste Sorge nicht den einbrechenden Aktienbörsen. Eine Austrocknung der Repo-Märkte wäre viel gravierender.

Blicken gebannt nach Washington: Händler an der New Yorker Wallstreet.

Blicken gebannt nach Washington: Händler an der New Yorker Wallstreet. Bild: Richard Drew/Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Dass die Aktien- und Anleihenmärkte im Fall einer Zahlungsunfähigkeit der USA weltweit in schwere Turbulenzen geraten würden, steht ausser Zweifel. Dennoch richten sich die spezielle Aufmerksamkeit und Sorge von Beobachtern und Aufsichtsbehörden, besonders in Amerika, auf ein anderes Segment: den sogenannten Repo-Markt. Auf diesem Markt refinanzieren sich Banken, das heisst sie beziehen kurzfristige Kredite gegen Hinterlegung von als sehr sicher geltenden Wertpapieren. Gegenparteien, also Kreditgeber, sind beispielsweise Geldmarktfonds, Versicherungen oder anderweitige Investoren.

Dieser Repo-Markt stellt das Fundament des gesamten Finanzmarktes dar. Dementsprechend schwerwiegend und weitreichend sind die Folgen, wenn die Funktionsfähigkeit dieses Marktes oder wichtiger Marktakteure nicht mehr gewährleistet ist. Anschauungsunterricht hierfür lieferte der Zusammenbruch der US-Investmentbank Lehman Brothers im September 2008: Erst als am 16. jenes Monats auch noch der US-Geldmarktfonds Reserve Primary in eine schwere Schieflage geriet und ein «Run» auf weitere Geldmarktfonds drohte, war die Kernschmelze auf den Finanzmärkten zum Greifen nahe.

Die Geldmarktfonds sind nervös

Ein allfälliger Zahlungsausfall oder «default» der USA wäre ein ungleich grösserer Schock für den Repo-Markt. Kurzfristige Schuldscheine der USA, sogenannte Treasury Bills (T-Bills), die bei Repo-Geschäften als Sicherheiten hinterlegt werden, würden über Nacht ihren Status als risikofreie Wertpapiere verlieren. Marktteilnehmer wie Fidelity, Blackrock oder Charles Schwab, die unter anderem Geldmarktfonds betreiben, haben letzte Woche mitgeteilt, dass sie alle Treasury Bills veräusserten, deren Laufzeit Ende Oktober oder Anfang November endet. In diesem Zeitraum wird allgemein erwartet, dass der US-Regierung definitiv das Geld ausgeht, wenn der Kongress nicht vorgängig die Schuldenobergrenze für den Staat erhöht.

Der T-Bill-Ausverkauf bei den besagten Akteuren erfolgte aber nicht nur aus Angst davor, dass die dannzumal «technisch brankrotten» USA nicht imstande sein könnten, die Rückzahlung termingerecht vorzunehmen. Ist doch über kurz oder lang gewiss, dass die Gläubiger ihr Geld von der weltgrössten Wirtschaftsnation wiederbekommen. Das Abstossen der T-Bills ist deshalb vielmehr eine Vorkehrung, um nicht plötzlich auf illiquiden Wertpapieren zu sitzen, die zu entsprechend hohen Preisabschlägen gehandelt werden. Denn wenn bei einem Geldmarktfonds amerikanischer Bauart der Netto-Inventarwert (Net Asset Value, NAV) eines Fondsanteils unter 1 Dollar sinkt, muss er liquidiert werden. Diese Gefahr ist in Zeiten, in denen die Geldmarktzinsen nahe 0 Prozent liegen und die Fondsmanager kaum Zinserträge erzielen können, entsprechend grösser. Daher der präventive Verkauf von Treasury Bills, die nicht mehr über alle Zweifel erhaben sind.

Ahnungsloses Washington

Diese Dispositionen hinterlassen deutliche Spuren. Die Renditen von Treasury Bills, die ab Mitte Oktober fällig werden, sind sprunghaft gestiegen – wenngleich noch nicht auf ein akutes Krisenniveau. Die Aussicht, dass sich die Streithähne in Washington lediglich auf eine kurzfristige, provisorische Anhebung der Schuldenobergrenze einigen könnten, hat die Märkte nicht beruhigt. Im Gegenteil: Der Renditeanstieg (der einhergeht mit Kursverlusten) hat sich auf T-Bills mit längeren Laufzeiten ausgeweitet. Und die Verspannungen werden stärker werden, je näher der Zeitpunkt einer Zahlungsunfähigkeit der USA rückt.

Fatalerweise hat Washington den Repo-Markt überhaupt nicht im Blick, wie Experten bedauern. Wenn die Aktienbörsen einbrechen, kann dies zwar die Gesamtwirtschaft in den USA empfindlich treffen. Wenn aber die Repo-Märkte austrocknen, weil die verängstigten Akteure ihre Liquidität beisammenhalten und aus T-Bills flüchten, droht eine systemische Krise, die alle Finanzmarktsegmente erfasst. Es wäre der GAU. (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 14.10.2013, 20:39 Uhr)

(Bild: TA-Grafik)

Artikel zum Thema

«Den USA ist klar, dass sie sich eine Staatspleite nicht leisten könnten»

An der Jahrestagung des Internationalen Währungsfonds sprachen die Bundesräte Schneider-Ammann und Widmer-Schlumpf mit ihren Kollegen über Steuerstreitigkeiten – und die Krise in den USA. Mehr...

Die Anleger bleiben unbeeindruckt vom Stillstand in Washington

Die USA stehen nun ohne Budget da, der Weltwirtschaft droht Schaden. Dies lässt den Dollar in den Keller rasseln, der Franken gewinnt an Wert. An der Schweizer Börse sind Bankaktien und Roche gesucht. Mehr...

Was nun der Weltwirtschaft droht

Hintergrund Kein Budget in den USA: Nun stehen nicht nur Hunderttausende Amerikaner ohne Job da, der «Shutdown» wird sich auch rund um den Erdball auswirken. Mehr...

US-Bürger befürchten Rückkehr der Wirtschaftskrise

Werbung

Kommentare

Das Immobilien-Portal für Basel und die Region

Die Welt in Bildern

Smoke on the Water: Rauch steigt auf über einer Fabrikanlage in einem Vorort von Lille (5. Dezember 2016).
(Bild: Denis Charlet) Mehr...