Wirtschaft

Eskaliert der US-Budgetstreit, kommt es zum grossen Knall

Von Robert Mayer. Aktualisiert am 15.10.2013 22 Kommentare

Bei einem Zahlungsausfall gilt die grösste Sorge nicht den einbrechenden Aktienbörsen. Eine Austrocknung der Repo-Märkte wäre viel gravierender.

Blicken gebannt nach Washington: Händler an der New Yorker Wallstreet.

Blicken gebannt nach Washington: Händler an der New Yorker Wallstreet.
Bild: Richard Drew/Keystone

(Bild: TA-Grafik)

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Dass die Aktien- und Anleihenmärkte im Fall einer Zahlungsunfähigkeit der USA weltweit in schwere Turbulenzen geraten würden, steht ausser Zweifel. Dennoch richten sich die spezielle Aufmerksamkeit und Sorge von Beobachtern und Aufsichtsbehörden, besonders in Amerika, auf ein anderes Segment: den sogenannten Repo-Markt. Auf diesem Markt refinanzieren sich Banken, das heisst sie beziehen kurzfristige Kredite gegen Hinterlegung von als sehr sicher geltenden Wertpapieren. Gegenparteien, also Kreditgeber, sind beispielsweise Geldmarktfonds, Versicherungen oder anderweitige Investoren.

Dieser Repo-Markt stellt das Fundament des gesamten Finanzmarktes dar. Dementsprechend schwerwiegend und weitreichend sind die Folgen, wenn die Funktionsfähigkeit dieses Marktes oder wichtiger Marktakteure nicht mehr gewährleistet ist. Anschauungsunterricht hierfür lieferte der Zusammenbruch der US-Investmentbank Lehman Brothers im September 2008: Erst als am 16. jenes Monats auch noch der US-Geldmarktfonds Reserve Primary in eine schwere Schieflage geriet und ein «Run» auf weitere Geldmarktfonds drohte, war die Kernschmelze auf den Finanzmärkten zum Greifen nahe.

Die Geldmarktfonds sind nervös

Ein allfälliger Zahlungsausfall oder «default» der USA wäre ein ungleich grösserer Schock für den Repo-Markt. Kurzfristige Schuldscheine der USA, sogenannte Treasury Bills (T-Bills), die bei Repo-Geschäften als Sicherheiten hinterlegt werden, würden über Nacht ihren Status als risikofreie Wertpapiere verlieren. Marktteilnehmer wie Fidelity, Blackrock oder Charles Schwab, die unter anderem Geldmarktfonds betreiben, haben letzte Woche mitgeteilt, dass sie alle Treasury Bills veräusserten, deren Laufzeit Ende Oktober oder Anfang November endet. In diesem Zeitraum wird allgemein erwartet, dass der US-Regierung definitiv das Geld ausgeht, wenn der Kongress nicht vorgängig die Schuldenobergrenze für den Staat erhöht.

Der T-Bill-Ausverkauf bei den besagten Akteuren erfolgte aber nicht nur aus Angst davor, dass die dannzumal «technisch brankrotten» USA nicht imstande sein könnten, die Rückzahlung termingerecht vorzunehmen. Ist doch über kurz oder lang gewiss, dass die Gläubiger ihr Geld von der weltgrössten Wirtschaftsnation wiederbekommen. Das Abstossen der T-Bills ist deshalb vielmehr eine Vorkehrung, um nicht plötzlich auf illiquiden Wertpapieren zu sitzen, die zu entsprechend hohen Preisabschlägen gehandelt werden. Denn wenn bei einem Geldmarktfonds amerikanischer Bauart der Netto-Inventarwert (Net Asset Value, NAV) eines Fondsanteils unter 1 Dollar sinkt, muss er liquidiert werden. Diese Gefahr ist in Zeiten, in denen die Geldmarktzinsen nahe 0 Prozent liegen und die Fondsmanager kaum Zinserträge erzielen können, entsprechend grösser. Daher der präventive Verkauf von Treasury Bills, die nicht mehr über alle Zweifel erhaben sind.

Ahnungsloses Washington

Diese Dispositionen hinterlassen deutliche Spuren. Die Renditen von Treasury Bills, die ab Mitte Oktober fällig werden, sind sprunghaft gestiegen – wenngleich noch nicht auf ein akutes Krisenniveau. Die Aussicht, dass sich die Streithähne in Washington lediglich auf eine kurzfristige, provisorische Anhebung der Schuldenobergrenze einigen könnten, hat die Märkte nicht beruhigt. Im Gegenteil: Der Renditeanstieg (der einhergeht mit Kursverlusten) hat sich auf T-Bills mit längeren Laufzeiten ausgeweitet. Und die Verspannungen werden stärker werden, je näher der Zeitpunkt einer Zahlungsunfähigkeit der USA rückt.

Fatalerweise hat Washington den Repo-Markt überhaupt nicht im Blick, wie Experten bedauern. Wenn die Aktienbörsen einbrechen, kann dies zwar die Gesamtwirtschaft in den USA empfindlich treffen. Wenn aber die Repo-Märkte austrocknen, weil die verängstigten Akteure ihre Liquidität beisammenhalten und aus T-Bills flüchten, droht eine systemische Krise, die alle Finanzmarktsegmente erfasst. Es wäre der GAU. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 14.10.2013, 20:39 Uhr

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22 Kommentare

Pascal Padrutt

15.10.2013, 07:29 Uhr
Melden 94 Empfehlung 28

Einmal mehr erkennt man, wie fahrlässig und von der Gier getrieben die Finanzbranche stets an der Kernschmelze entlang balanciert. Irgendwann fliegt uns die ganze Finanzwirtschaft um die Ohren. Und das wird ein riesen Gaudi... Antworten


Peter Colberg

15.10.2013, 08:13 Uhr
Melden 66 Empfehlung 5

Die anstehende "Lösung" der US Regierung kann deutlich keine dauerhafte sein, vor allem in betracht des riesigen Schuldenbergs eines Landes, dessen wirtschaftliches Fundament unter der Globalisation d.h. insbesondere die Industrie, stark gelitten hat. Die ehemalige wirtschafliche US Hegemonie steht auf wackeligen Beinen, und damit auch der US Dollar. Was kommen muss wird kommen. Warm anziehen. Antworten