Wirtschaft
«Ich wusste nichts von den Manipulationen»
Von Simon Schmid. Aktualisiert am 04.07.2012 44 Kommentare
(baz.ch/Newsnet)
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Kommentar
Der Mann hat nichts mehr zu verlieren. Denn Bob Diamond ist seinen Job seit gestern los: Die Bank Barclays entliess ihren langjährigen CEO, nachdem die britischen Regulierungsbehörden hinter der Kulisse Druck aufgebaut hatten. Diamond ist das erste grosse Opfer der Affäre um manipulierte Liborzinssätze.
Und doch verteidigt der Ex-Bankchef seinen ehemaligen Arbeitgeber mit allem, was er hat. Eine Gruppe britischer Politiker befragte Diamond heute zur Affäre. Anstatt den Parlamentariern zu geben, wonach sie dürsten – eine persönliches Schuldeinsicht, eine Eingeständnis der verrotteten Kultur in der Hochfinanz – stritt Diamond weiterhin alles ab, was über den Verantwortungsbereich einiger weniger Händler hinausgeht.
«Das Topmanagement hat nichts davon gewusst», sagt Diamond. Man kennt diese Arugmentation. Bereits im Handelsskandal bei der UBS, bereits bei J. P. Morgan hiess es, Einzelpersonen seien für die Verfehlungen verantwortlich. Es hiess, das Versagen sei «untentschuldbar» und alle personellen Konsequenzen gezogen.
Das Problem sei «industrieweit», er selbst trage keinerlei Schuld. Man wollte dem Banker nicht recht glauben. Londons «liebste Hassfigur» musste sich vom Untersuchungsausschuss harte Fragen zur Compliance bei Barclays anhören. Und fand darauf nichts als Ausflüchte, Verallgemeinerungen und unverbindliche Entschudligungen im Namen der Bank.
Im Zusammenspiel mit anderen Untersuchungsbehörden führt die britische FSA derzeit Ermittlungen gegen die grössten Banken der Welt über 2006 bis 2008 erfolgte Manipulationen des Libor - des wichtigsten Zinssatzes der Welt. Weitere Finanzhäuser dürften büssen, weitere Top-Manager dürften fallen.
Etwas anderers scheint unwahrscheinlich, nach dem heutigen Hearing noch etwas weniger als zuvor. Übers Fernsehen hörten Tausende den Ausführungen Diamonds zu. Dass er und seine Berufskollegen in den Teppichetagen der Grossbanken nichts von den Vorgängen wussten, ist schlicht und einfach nicht vorstellbar.
Auch wenn bei solchen Hearings immer viel Selbstinszenierung mitschwingt und mitunter wenig konkretes herausschaut: Das Komitee, das heute Bob Diamond in die Mangel nahm, stellte dem Ex-Bankchef die richtigen Fragen. Bob Diamond konnte – die «Liebe» zu Barclays hin oder her – im Namen der Bankergilde keine überzeugenden Antworten darauf geben. -
17:30 Uhr
«Werden Sie nun auf Ihren Bonus und ihre Aktien verzichten?» fragt ein Mitglied des Ausschusses den ehemaligen CEO. Offenbar hatte Diamond beim letzten Mal, als er vor dem Ausschuss ausgesagt hatte, gesagt, ein CEO müsse letzten Endes mit Job- und Aktienverlust die Konsequenzen tragen, wenn es zu schwerwiegenden Fehlern in der Firma käme. Diamond sieht dies heute offenbar anders und verweist wiederum auf ein «isoliertes, aber industrieweites Problem».
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16:55 Uhr
Der Untersuchungsausschuss spricht die Zeit vor der Finanzkrise an. 177 Beispiele von E-Mails seien bekannt, in denen Libor-Manipulationen bei Barclays besprochen wurden. Diese Emails erreichten auch die Compliance-Abteilung – aber nichts sei weiter geschehen, wie ein Mitglied des Komitees sagt. Es sei also nicht der Fall, dass bloss einzelne Händler an den Manipulationen beteiligt seien.
«Es war ein industrieweites Problem», entgegnet Diamond den Anschuldigungen. Niemand habe behaupten können, dass das Problem in Finanzkreisen nicht bekannt gewesen sei. Das «Wall Street Journal» habe darüber geschrieben, auch «Bloomberg» und weitere Publikationen. -
16:36 Uhr
«Sie ziehen viel zu weitreichende Schlüsse.» Ex-Barclays-CEO Bob Diamond verteidigt die Finanzindustrie gegen den Vorwurf, es herrsche «absolute Korruption» in den Handelsräumen, die vom Management stillschweigend geduldet werde.
Man müsse das alles jetzt sorgfältig untersuchen und dürfe nicht zu viele Regulierungen im Londoner Finanzplatz einführen, so Diamond. «Die Kultur einer Institution wird von oben bestimmt», sagt ein Mitglied des Ausschusses. Diamond, der sich einiges anhören muss an diesem Nachmitag, pflichtet der Frau bei. Bei ihrer nächsten Frage muss er lachen: «Traten Sie deshalb zurück?» -
16:28 Uhr
«Es ging nicht über das Level der Supervisor hinaus», sagt Diamond auf die Frage, warum die Compliance-Abteilung bei Barclays den Schwindel nicht meldete. Diamond schiebt alle Verantwortung auf die 14 Trader ab, die an den Meldungen beteiligt waren.
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16:23 Uhr
«Sie leben wohl in einem Paralleluniversum», sagt ein Mitglied zu Diamond. Die Kultur bei Barclays sei nicht der Grund, warum die Bank nun als erste bei der Untersuchung zum Libor-Skandal mitmache. Die Kultur sei der Grund, warum Barclays überhaupt erst in den Skandal verwickelt sei.
Diamond entgegnet, dass die verantwortlichen Händler von der Bank sofort entlassen worden seien. Ob es ein grösseres Problem mit der Kultur im Bankensektor gebe? Diamond geht nicht auf die Frage ein. -
16:15 Uhr
Das Komitee glaubt Diamond nicht, dass er nichts gewusst hätte. «Was für eine Art von Firma führten Sie, Herr Diamond?» fragt ein Mitglied. Offenbar hat die Untersuchung der FSA zutage gefördert, dass in der entsprechenden Abteilung bei Barclays laut und offen darüber diskutiert wurde, welchen Zinssatz man nun der BBA melden wolle. Verantwortliche hätten Dinge durch den Raum gerufen wie: «Ich werde diesen und diesen Zinssatz melden. Hat jemand ein Problem damit?»
Das Komitee wil konkret wissen, wer aus dem Management für die Manipulationen verantwortlich sei. Diamond sagt, er sei zu der Zeit nicht CEO gewesen. «Es ist ein industrieweites Problem», sagt Diamond. -
16:09 Uhr
«Fehlbare Banker sollten hart bestraft werden.» Diamond sagt, als er die E-Mails der in die Manipulationen involvierten Händler gelesen habe, sei er wütend und sogar physisch krank geworden. Eine Menge Leute bei Barclays seien wütend. «Es war falsch, das zu tun.» Diamond kann sich die Skepsis des Komitees, er habe nichts von den Manipulationen und vom Missverständnis del Missiers gewusst, nicht erklären.
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16:02 Uhr
«Erst während der Untersuchung wusste ich von den Manipulationen», sagt Diamond. Er habe erst diesen Monat davon gewusst. Bevor dieser Satz über seine Lippen geht, muss die Frage dreimal wiederholt werden. Diamond windet sich vor den Fragen der Kommission.
Laut der Anklageschrift der FSA lag beim geschassten Banker Jerry del Missier das Missverständnis vor, er solle Angestellte anweisen, tiefere Libor-Sätze gegenüber der BBA zu melden. Diamond bestreitet, del Missier solche Anweisungen gegeben zu haben. -
15:45 Uhr
«Ich zog im September gerade nach New York.» Diamond sagt, er habe sich regelmässig mit Regierungsvertretern wie Shriti Vadera (s. u.) getroffen. Zum Zeitpunkt des fraglichen Telefongesprächs habe Barclays gerade eine Kapitalaufstockung durchgeführt, sagt Diamond.
«Wir waren sehr besorgt», so Diamond. Es habe zu dieser Zeit Banken gegeben, die geheime Kredite erhielten. Banken seien nationalisiert worden. Diamond zufolge habe er Tuckers Worte in diesem Kontext auch als Warnung verstanden, dass die damalige Labourregierung auf die Idee kommen könnte, Barclays ebenfalls zu nationalisieren.
Andere Banken meldeten Zinssätze, die unserer Wahrnehmung gemäss klar zu tief waren», sagt Diamond. Damit sagt der ehemalige CEO durch die Blume, dass andere Banken schwerere Manipulationen beim Libor begangen haben als Barclays. «Barclays konnte sich im Gegensatz zu vielen stets am Markt finanzieren.» -
15:35 Uhr
«War es eine Anweisung oder ein Wink mit dem Zaunpfahl?» wird Bob Diamond von der Kommission gefragt. Diamond erklärt umständlich, wie die Liborzinsmeldungen von Barclays höher als diejenigen anderer Banken gewesen seien, unter anderem, weil die Bank sich immer noch auf dem freien Markt refinanzierte.
Nach den Anschuldigungen gegenüber der Bank of England spricht der ehemalige CEO nun in Rätseln. Er scheint anzudeuten, dass seine Bank damals unter den ehrlicheren Banken im Markt gewesen sei. Mehrmals fällt ihm der Vorsitzende ins Wort: Man wisse schon, was damals Sache gewesen sei. -
15:20 Uhr
«Ich kann mich an nichts erinnern.» Auf die Frage, ob sein Antritt als CEO bei Barclays mit der Hoffnung verbunden war, es werde eine neue Kultur des Risikomanagements einkehren, gibt Diamond den Unwissenden.
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15:12 Uhr
«Ich liebe die Barclays Bank» – Diamond eröffnet seine Aussage mit einer Rede über die Anständigkeit und Redlichkeit der Barclays Bank. Er wolle mit seinem Rücktritt seine Führungsverantwortung wahrnehmen. Ob es Druck von Seiten der Bank of England oder der Regierung gegeben habe, kann – oder will – Diamond nicht sagen.
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Shriti Vadera
Die ehemalige Ministerin Shiriti Vadera verneint, mit der Bank of England über den Libor und die eventuellen Vorzüge eines tieferen Zinssatzes gesprochen zu haben. Das sagte Vadera zu Radio BBC 4. Im Zuge der Libor-Affäre war die Rede davon, dass die damalige Regierung indirekt in die Absprachen verwickelt gewesen sein könnte.
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David Cameron
Keine goldenen Fallschirme für gefallene Manager wie Bob Diamond: Mit dieser Forderung schaltete sich heute auch der britische Premierminister David Cameron in die Libor-Affäre ein. «Unter diesen Umständen würde die Öffentlichkeit es nicht verstehen, wenn grössere Zahlungen erfolgen würden», sagte Cameron. Die Leute wollten sicher sein, dass Kriminaldelikte in Banken so hart bestraft würden wie Delikte auf der Strasse, so Cameron weiter.
Angaben eines Stimmrechtsvertreters zufolge darf der zurückgetretene Bankchef Bob Diamond mit einem Entschädigungspaket von zwischen 2 und 21 Millionen Pfund rechnen. Die Bank Barclays hat sich dazu noch nicht geäussert. Seit Diamond 2005 in die oberste Etage von Barclays aufstieg, verdiente er Angaben von Bloomberg zufolge mindestens 120 Millionen britische Pfund. -
Paul Tucker
In einem Statement, das der Vizechef der Bank of England heute verschickt hat, fordert Paul Tucker, selbst vom Parlament angehört zu werden. Er wolle so bald wie möglich klärende Beweise vorlegen bezüglich der fraglichen, von Bob Diamond erwähnten Telefonate. Diamond wirft Tucker vor, bei den Libor-Manipulationen mitgewirkt zu haben.
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Bob Diamond
Der Barclays-Chef wurde laut «Financial Times» gefeuert, nachdem der Gouverneur der Bank of England (BoE), Sir Mervyn King, sowie der Chef der Regulierungsbehörde Rinancial Services Authority (FSA), Lord Turner, am späten Montag in einem Telefonat mit Barclays-Präsident Marcus Agius seinen Kopf gefordert hatten.
Kurz vor der heutigen Anhörung vor dem Finanzausschuss des britischen Parlaments schoss Diamond zurück. Er bezichtigt den Vizegouverneur der Englischen Notenbank, Paul Tucker, die Praxis der Libor-Manipulationen während der Finanzkrise stillschweigend gutgeheissen, wenn nicht sogar mündlich angeregt zu haben.
Direkte Anweisungen seitens der BoE, beim Libor tiefere Zinskosten zu melden, hat es laut Diamond nicht gegeben. Die Manipluationen werden unter anderem damit erklärt, dass Jerry del Missier – bis gestern Leiter des operativen Geschäfts bei Barclays – die Gesprächsnotizen aus besagtem Telefonat falsch interpretiert und daraufhin seine Untergebenen zu Falschmeldungen angewiesen habe.
Am Tag, als Diamond und Tucker telefonierten, senkte die BoE ihre Schätzung bezüglich des Libor von 4 auf 3,4 Prozent. Die Finanzwelt spekulierte damals, ob Barclays im Zuge der Finanzkrise wohl auf Staatshilfe angewiesen sein könnte. -
Der Libor-Skandal
Der Streit um Manipulationen beim Libor-Zinsatz in der Londoner City weitet sich auf staatliche Stellen aus. Barclays legte am heutigen Mittwoch Unterlagen vor, die aufzeigen sollen, dass die Zentralbank von künstlich nach unten regulierten Zinssätzen gewusst hatte.
Die Unterlagen wurden just vor dem Auftritt des zurückgetretenen Barclays-Chefs Bob Diamond vor dem Finanzausschuss des Parlaments am Mittwochnachmittag publik gemacht. Die Anhörung ist auf 14 Uhr Lokalzeit (15 Uhr MESZ) angesagt.
Strittige Telefonate
In den Unterlagen heisst es, dass der stellvertretende Zentralbankchef Paul Tucker am 28. Oktober 2008 per Telefon eine Empfehlung des damals Labour-geführten Finanzministeriums an Diamond weitergegeben hat. Diamond war damals Chef des Investmentbankings.
Demnach soll Tucker gesagt haben: «...es muss nicht immer der Fall sein, dass wir so hoch erscheinen, wie wir das bisher waren...». Vom Tag des Gesprächs an fiel der Liborsatz rapide. Libor ist der Zinssatz, zu dem sich Banken untereinander Geld leihen.
Spannung vor dem Hearing
Mit Spannung wird erwartet, ob Diamond bei der Anhörung im Finanzausschuss weitere Vorwürfe gegen die damalige Regierung von Premierminister Gordon Brown und gegen die Zentralbank erhebt.
Der Skandal um die Zinsmanipulation hat auch Vorstandsmitglied Jerry del Missier den Job gekostet. Neben Barclays sind auch weitere Banken aus Europa, USA und Asien im Visier der Aufsichtsbehörden, darunter auch die UBS und die Credit Suisse. (sda)
Erstellt: 04.07.2012, 13:54 Uhr
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44 Kommentare
Ja, das waren noch Zeiten, als man „langweiligen“ Bankern und Vermögensverwaltern noch trauen durfte. Heute diskutieren wir über Kontrollinstanzen für Pensionskassenverwaltungen, als ob man mit stärkeren Kontrollen die grassierende Korruption (so nennt man dieses Verhalten, wenn nicht schlimmer) bekämpfen könnte. Soviel Kontrolle können wir nicht im entferntesten leisten, wie dazu nötig wäre... Antworten
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