Wirtschaft
«Sie wissen ja nicht, was ich persönlich mit dem Geld mache»
Von Arthur Rutishauser und Bruno Schletti. Aktualisiert am 27.04.2010 36 Kommentare
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Am Freitag ist die Generalversammlung. Was für ein Bauchgefühl hat der Präsident im Vorfeld?
Ich verspüre gute Gefühle in meinem Bauch, vor allem weil wir auf ein erfolgreiches Jahr zurückblicken. Wir haben auf die Krise reagiert. Unser Management ist ein sehr gutes Team. Wir haben einen sehr guten Verwaltungsrat . . .
Und trotzdem werden die Aktionäre Sie wegen der Entlöhnungsfrage mit viel Kritik eindecken.
Wir sind uns dessen bewusst. Wir befinden uns in einem Zielkonflikt – auf der einen Seite die internationale Konkurrenzfähigkeit, auf der andern die nationale Befindlichkeit. Es ist aber so, dass der Standort Schweiz davon profitiert, dass wir international orientiert sind. Nur hat das auch Konsequenzen in Bezug auf unsere Entschädigungen. Die absoluten Zahlen sind hoch . . .
Zu hoch?
In Relation zu andern sind sie nicht zu hoch. Von acht oder neun vergleichbaren Banken sind es lediglich zwei, die gut durch die Krise gekommen sind – das sind die JP Morgan und die Credit Suisse.
(CSGN
19.09
-1.39%)
Wir haben bessere Resultate erzielt und mussten nie eine Staatsgarantie beanspruchen. Darauf sind wir stolz.
Die geschwächte UBS sagt, sie müsse gute Löhne bezahlen, damit ihr die Leute nicht davonliefen. Die starke Credit Suisse sollte also die Boni herunterholen.
Wir haben als erste die internationalen Regeln übernommen, und wir haben 2009 als einzige Bank den Bonus der Mitarbeiter in der Investmentbank teilweise mit toxischen Papieren bezahlt. Wir sind Pioniere in Lohnfragen . . .
Sie sind darin Pionier, jedes Jahr ein neues, noch raffinierteres System zu erfinden.
Wir sind flexibel in Bezug auf unsere Geschäftspolitik und die Anpassung unseres Geschäftsmodells. Das hat natürlich Konsequenzen für die Entschädigungen. Sie haben aber recht: Die Modelle sind tatsächlich immer komplex.
Nochmals: Weshalb senkt nicht die stark positionierte CS die Löhne?
Halt, halt! Wir sind ja die erste Bank, die weltweit mit einem Malus operiert. Wir haben die Möglichkeit, die variable Entschädigung bei schlechtem Geschäftsgang nach unten zu korrigieren. Wir können also die Bonuszahlungen faktisch rückgängig machen.
Das fordert weltweit jeder Regulator.
Dann sagen Sie mir: Welche andere Bank hat das eingeführt? Bei uns müssen Resultate über drei, vier Jahre erbracht werden, damit sie sich bei den variablen Vergütungen auszahlen.
Am Freitag werden Sie nicht nur von Kleinanlegern ein Donnerwetter hören. Neu treten auch US-Berater auf, die ihnen die Leviten lesen.
Ich habe noch keine Generalversammlung ohne Donnerwetter erlebt.
Das nehmen Sie gelassen?
Wir nehmen es ernst.
Sagen Sie.
Ja. So wahr ich hier sitze: Ich nehme solche Sachen ernst. Interessanterweise hat man gerade in den USA kaum auf die Krise reagiert. Die Bilanzen und damit die Risiken wurden erhöht. Reaktionen in Bezug auf die Entschädigungen gibt es keine. Und jetzt kritisieren uns ausgerechnet amerikanische Berater.
Selbst der FDP-Vorstand empfiehlt den CS-Aktionären, den Vergütungsbericht abzulehnen.
Die CS hat als erste Bank weltweit die G-20-Regeln übernommen, wir haben als erste Bank einen Malus eingeführt. Unsere Programme sind darauf ausgerichtet, langfristig Leistung zu belohnen. Darüber wird an unserer GV abgestimmt. Über den PIP-Plan, der zum 71-Millionen-Bonus an Konzernchef Dougan führte, wird nicht abgestimmt. Er stammt aus dem Jahr 2005, und hat eine im Vergleich zur Konkurrenz ausgezeichnete Leistung belohnt, die auch den Aktionären zugutekam. Zudem hat die CS unter den vergleichbaren Banken die stärkste Kapitalstruktur. Aus all diesen Gründen habe ich für die Kritik der FDP wenig Verständnis.
Das Problem ist doch die absolute Höhe ihrer Löhne. 71 Millionen für Brady Dougan, das begreift niemand.
Jetzt müssen wir schon unterscheiden zwischen dem PIP-System, das wir vor fünf Jahren eingeführt haben . . .
Die PIPs waren ein Unfall?
Wir haben gelernt, dass es verbesserungsfähig ist. Wir sind aber eine Bank, die Wort hält. Wir wollen uns nicht gegenüber den Angestellten mit nachträglich revidierten Regeln durchschlängeln. Sonst können die Leute, wenn das Geschäft weniger gut läuft, genauso eine Anpassung der Regeln verlangen.
Ein PIP-Programm, das Konzernchef Dougan 71 Millionen beschert, würden Sie so nicht mehr lancieren?
Nein.
Wirklich? Ihr neues Bonusprogramm SISU kann der elfköpfigen Geschäftsleitung in vier Jahren eine Milliarde Franken bescheren.
Entschuldigung, nur wenn der Aktienpreis jährlich um 34 Prozent steigt und wir eine Eigenkapitalrendite von 27,5 Prozent erzielen – über vier Jahre im Durchschnitt. Wenn Sie das annehmen, wäre unsere Marktkapitalisierung etwa 220 Milliarden Franken. Wir wären damit wahrscheinlich die grösste Bank weltweit. Das ist unrealistisch. In den besten vier der letzten zehn Jahre hatten wir im Durchschnitt eine Eigenkapitalrendite von 19 Prozent. Im Übrigen ist es so, dass auch die Aktionäre verglichen mit anderen Banken besser gefahren sind mit der Credit Suisse.
Und das alles mit dem neuen Verwaltungsratspräsidenten Doerig.
Das habe ich nicht gesagt. Das kann nie das Verdienst eines Einzelnen sein.
2009 haben Sie 6,5 Millionen Franken erhalten. Würden Sie den Job auch zum halben Tarif machen?
Das kann ich nicht beurteilen, weil es nicht eingetreten ist. Ich arbeite gern für die CS, weil ich stolz bin auf die Unternehmung. Zudem wissen Sie ja nicht, was ich persönlich mit dem Geld mache.
Erzählen Sie ruhig, das Mikrofon ist offen.
Ich rede nicht gern über das, was man persönlich für die Gesellschaft macht. Ich bin ehrenamtlich in verschiedensten Institutionen und Gremien: Bei verschiedenen Stiftungen mit Bezug zu Erziehungsfragen, bei dem Rotkreuzmuseum in Genf, im Universitätsrat der Uni Zürich. Bis vor kurzem war ich auch im Spitalrat des Uni-Spitals. Es wird uns vorgehalten, wir hätten nur das nächste Quartal im Kopf. Das stimmt einfach nicht. Wir haben verschiedene Leute, ich bin nur einer von ihnen, die sich sehr für die Gesellschaft einsetzen.
Wegen der Bankgeheimnisfrage ist der Schweizer Finanzplatz in der Krise. Welche Schritte führen daraus heraus?
Uns in der Schweiz geht es ja nicht so wahnsinnig schlecht, wenn ich uns mit dem Ausland vergleiche. Wichtig ist, dass wir jetzt die Doppelbesteuerungsabkommen durchbringen, dass wir das Problem mit unversteuerten Geldern, die hier sind, lösen können.
Wie lange haben wir dafür Zeit?
Ein bis zwei Jahre.
Und wie halten wir uns neues unversteuertes Geld vom Leib?
Eine Kundenbeziehung beginnt mit einem Vertrag. Die Steuerfrage könnte Teil dieses Vertrages sein, indem sich der Kunde verpflichtet, seinen steuerlichen Pflichten nachzukommen. Wir als Credit Suisse sind nicht interessiert an unversteuertem Geld.
Sie haben mit keinem Wort die Erfüllung des UBS-Vertrages mit den USA erwähnt. Messen Sie dem keine grosse Bedeutung bei?
Natürlich ist das wichtig, vor allem für die Beziehung zwischen der Schweiz und den USA. Deshalb bin ich dafür, dass der Vertrag zustande kommt, auch wenn er in erster Linie die UBS angeht.
Das klingt ziemlich gelassen.
Ich bin grundsätzlich gelassen. (Lacht.) Nein, der Vertrag ist wichtig. Als Staatsbürger bin ich daran interessiert, dass die Schweiz mit den USA auch in Zukunft eine gute Beziehung hat.
Will man der UBS glauben, sind bei einem Scheitern des Vertrages auch andere Schweizer Banken in den USA bedroht. Auch die CS?
Wir haben diesbezüglich absolut keine Indizien. Sicher ist: Das grenzüberschreitende Geschäft aus der Schweiz mit Amerikanern war bei uns nie besonders gross, und wir haben es schon vor Jahren sehr restriktiv gehandhabt.
Bundesrätin Widmer-Schlumpf äusserte gegenüber dem «TagesAnzeiger» die Meinung, dass Banken künftig Boni nicht mehr vom Unternehmensgewinn absetzen dürfen sollen. Können Sie damit leben?
Ich hoffe, dass wir uns damit nicht in die eigenen Füsse schiessen.
Warum?
Eine Schweizer Bonussteuer kann dazu führen, dass wir verschiedenste Jobs nicht mehr in der Schweiz ansiedeln. Wir wollen aber weiterhin auch in der Schweiz erfolgreich sein. Und ich hoffe, dass vermehrt anerkannt wird, dass wir unseren Beitrag in Bezug auf die grösste Krise seit 100 Jahren geleistet haben.
Nicht nur freiwillig. Peter Siegenthaler, Präsident der vom Bund eingesetzten Banken-Expertenkommission, sagte, die Grossbanken hätten die Regulierungspläne zähneknirschend geschluckt.
Glauben Sie, dass neue Regeln, auch in andern Branchen, einfach mir nichts, dir nichts angenommen werden? Ich bin froh, dass wir einen harten Dialog geführt und uns zu einer gemeinsamen Lösung durchgerungen haben. Am Tatbeweis der Credit Suisse gibt es nichts zu rütteln.
Also gewissermassen konstruktives Zähneknirschen?
Ja. Für den Regulator wäre es am einfachsten, wenn wir . . . (zögert) gar keine Geschäfte machen würden. (Lacht.) Dass da die Meinungen nicht immer in die gleiche Richtung gehen, ist normal.
Was kostet es denn die CS überhaupt, wenn sie all die Regeln, über die geredet wird, einführen muss?
Nehmen Sie als Beispiel das viel strengere Liquiditätsregime, auf das wir uns in den letzten zwei Jahren vorbereitet haben. Wir finanzieren uns heute langfristiger und bezahlen dafür wesentlich höhere Zinsen. Das hat uns schon mehrere Hundert Millionen Zusatzkosten beschert. Jedes Regulativ, das Sie einführen, hat Risiken und Nebenwirkungen. Potenziell werden Kredite teurer und rarer. Das kann zur Kreditklemme führen. Deshalb müssen wir aufpassen, dass wir das Fuder nicht überladen.
Herr Doerig, sind Sie eigentlich immer gelassen, oder kann man Sie auch ärgern?
(Lacht laut und denkt lange nach.) Mich ärgert, wenn die guten Resultate, die man erreicht, nicht im gleichen Mass gewürdigt werden wie schlechte Aspekte.
Sind Sie wirklich so gut? Die Analysten beurteilten den Quartalsgewinn als im Vergleich schwach.
Manchmal verstehe ich die Welt nicht mehr. Wir sind weniger Risiken eingegangen als die andern, haben den Eigenhandel eingeschränkt und dafür etwas weniger verdient. Das sind die Lehren aus der Finanzkrise. Jetzt soll das plötzlich schlecht sein.
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 27.04.2010, 09:50 Uhr
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36 Kommentare
....nichtsdestotrotz: Boni in dieser Grössenordnung sind nicht zu rechtfertigen! D. Büttiker schlägt mit seinem Kommentar den Nagel auf den Kopf. Nachhaltigkeit in der Wertentwicklung sieht da anders aus. Aktienkurs vor der Krise 90.- und nun 51.-. In der Zwischenzeit garniert die Garde exorbitante Boni und geht dabei von einem Tiefstkurs von 20.- aus. Der langjährige Aktionär ist entzückt... Antworten
@Erich Brunner: genau! Dazu kommt, dass auf den Boni auch noch die Sozialversicherungsbeiträge (AHV, ALV etc.) von min. 11 % entrichtet werden müssen, und dies auf nach oben unbeschränkten Beträgen! Von den hohen Boni profitiert also nicht nur der Fiskus, sondern auch die Sozialwerke. Ein Umstand, der in der Diskussion immer wieder "vergessen" geht...... Antworten



