Wirtschaft

Die Wallstreet glänzt nicht mehr

Von Philipp Löpfe. Aktualisiert am 02.10.2012 46 Kommentare

Die Abgänger der Eliteuniversitäten verlieren das Interesse an einer Karriere als Investmentbanker.

Unbeeindruckt: Die Banken haben mit Imageproblemen zu kämpfen. Ein Mann geht am Wallstreet-Stier vorbei. (16. September 1999)

Unbeeindruckt: Die Banken haben mit Imageproblemen zu kämpfen. Ein Mann geht am Wallstreet-Stier vorbei. (16. September 1999)
Bild: Doug Kanter/AFP

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Neue Realitäten: Investmentbanking scheint seine besten Tage gesehen zu haben. Ein Mann mit Transparent vor dem Neubau der Europäischen Zentralbank in Frankfurt. (29. September 2012) (Bild: Keystone Arne Dedert)

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Filme wie «Wall Street» von Oliver Stone und Bücher wie «Lügenpoker» von Michael Lewis waren lange der Renner bei den Studenten der US-Eliteuniversitäten wie Harvard oder der Wharton School at the University of Pennsylvania. Das war jedoch entgegen der Absicht der Autoren. Sie wollten die Dekadenz und Gier des Investmentbanking aufzeigen. Doch viele Leser sahen nur die Macht und den Reichtum der neuen Master of the Universe der Wallstreet und erfuhren, wie man schon als Jungbanker unglaubliche Summen verdienen konnte. Kein Wunder, stapelten sich bei Goldman Sachs, (GS 159.7652 1.00%) Morgan Stanley (MS 25.37 0.71%) & Co. bald die Bewerbungen der Besten und Klügsten der Elitehochschulen aus aller Welt.

Die jüngsten Statistiken zeigen nun stark veränderte Zahlen: Nur noch 16 Prozent der Wharton-Abgänger, ein klassischer Wallstreet-Zubringer, bewerben sich um einen Job bei den Banken. 2008 waren es noch 25 Prozent. In Harvard sank die Zahl der MBA-Absolventen von zehn auf sieben Prozent. Umgekehrt verlieren auch die Banken die Lust an den Star-Studenten. Goldman Sachs, die begehrteste Investmentbank für ehrgeizige Jungbanker, hat ihr zweijähriges Ausbildungsprogramm für Hochschulabsolventen eingestellt.

Massives Imageproblem

Der Grund für das gegenseitig gesunkene Interesse ist banal: Investmentbanking scheint seine besten Tage gesehen zu haben. Beispiel Goldman Sachs: Beim Börsengang im Jahr 1999 konnte der Musterschüler an der Wallstreet auf eine Eigenkapitalrendite von über 40 Prozent verweisen. Bis zum Ausbruch der Krise sank dieser Wert nie unter 25 Prozent. Goldman-Sachs-Banker waren die modernen Könige Midas. Alles, was sie berührten, verwandelte sich in Gold. Seit der Krise sind sie mehr als normalsterblich geworden. Goldman Sachs plagt sich mit einem massiven Imageproblem herum, und die Zahlen sind miserabel. Letztes Jahr sank die Eigenkapitalrendite auf ein bis vor kurzem noch undenkbares Niveau von 3,6 Prozent. Seither purzeln die Löhne, und die Boni schmelzen wie Schnee an der Sonne.

Nicht nur die Banker von Goldman Sachs müssen sich neuen Realitäten anpassen. Das Investmentbanking durchläuft eine schwierige Phase. Auch UBS (UBSN 17.82 1.65%) und CS setzen in dieser Sparte den Rotstift an, entlassen Tausende von Angestellten und kürzen die Boni. Die Banken reagieren auf die veränderten Rahmenbedingungen. So muss die Eigenkapitaldecke wegen der neuen Vorschriften von Basel III verstärkt werden. Das drückt auf die Rendite. Auf allen Finanzplätzen werden Gesetze und Vorschriften verschärft. Eine Auftrennung von Investment- und Geschäftsbanking wird gar ernsthaft in Erwägung gezogen. Generell war der Ruf der Banken, und vor allem der Investmentbanken, noch nie so schlecht wie heute. Das hinterlässt Spuren: Viele ehrgeizige Studenten streben heute eine Karriere als Jungunternehmer an.

Ideenflaute im Investmentbanking

Investmentbanking ist zudem eine reife und damit etwas langweilige Industrie geworden. In den letzten Jahrzehnten haben zuerst die Junkbonds und später die Derivate für Sex-Appeal und fette Boni gesorgt. Jetzt aber herrscht eine Ideenflaute. «Wir warten auf ein neues Bankenmodell. Ich bin überrascht, dass nicht mehr Innovationen erzwungen wurden», erklärt der langjährige Investmentbanker John Studzinski von Blackstone in der «Financial Times».

Allerdings sind Innovationen im Investmentbanking nicht immer gewünscht. Die jüngsten Erfahrungen mit den Wunderwaffen aus dem Labor der sogenannten Quants, der hoch bezahlten Mathematiker und Physiker im Dienste der Banken, haben volkswirtschaftlich mehr Schaden als Nutzen angerichtet. Deshalb hat der ehemalige Präsident der US-Notenbank, Paul Volcker, einst mürrisch erklärt: «Die letzte wirklich sinnvolle Innovation der Finanzindustrie war die Erfindung des Bancomaten.» So gesehen dürfte das Investmentbanking noch länger langweilig bleiben. (baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 01.10.2012, 19:57 Uhr

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46 Kommentare

Paul Weder

01.10.2012, 20:09 Uhr
Melden 224 Empfehlung 31

Eine Gesellschaft, welche den Sinn in den Banken, den Börsen und dem Geld sucht, ist eine für den Fortschritt, die Innovation und die Weiterentwicklung verlorene Gesellschaft. Mit anderen Worten, unser Geldadel verhindert nachhaltig den gesellschaftlichen Fortschritt, dauerhaft. Kauft keine Wertpapiere mehr, sondern investiert direkt in Produkte aus Forschung und Entwicklung. Nur so geht es. Antworten


Nadine Binsberger

01.10.2012, 20:56 Uhr
Melden 160 Empfehlung 7

"Investement" hat eine völlig falsche Bedeutung bekommen. Wer ernsthaft investiert, tut dies nicht für ein paar Sekunden oder Tage oder Wochen oder Monate lang, sondern für allermindestens 1 Jahr. Alles andere ist "volatiles Eigentum". Antworten



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