Wirtschaft

Zuerst der Bonus, danach die Kündigung

Wie Entlassene ihr Kündigungsgespräch erlebten und was Vorgesetzte daraus lernen können.

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Es stand nicht gut um den Betrieb, in dem Hanspeter W.* angestellt war. Die Finanzkrise machte dem mittelgrossen Industrieunternehmen zu schaffen. Um zu sparen, mussten die Angestellten ihre Überstunden kompensieren und die aufgelaufenen Ferienguthaben abbauen. So auch Hanspeter W.* Der 57-jährige gelernte Blechspengler hatte sein ganzes bisheriges Arbeitsleben in derselben Firma verbracht, hatte sich hochgearbeitet, war inzwischen zuständig für das Einrichten der Maschinen. «Ich hatte eine kleine Kaderstellung.» Und somit bestand Anspruch auf einen Bonus, der in der jährlichen Qualifikation festgelegt wurde. «Doch das Bonusgespräch wurde immer wieder hinausgezögert.»

Hanspeter W. weilte gerade in den Zwangsferien, als ihn sein Vorgesetzter anrief. «Er sagte:‹Du weisst ja, wir müssen noch das Bonusgespräch führen›, und bot mich gleich für den nächsten Morgen zu einem Termin auf.» Das Gespräch sei normal verlaufen, wie immer, und auch den Bonus bekam Hanspeter W. zugesprochen.

Aus den Ferien gelockt

Der Hammer folgte erst am Schluss: «Da sagte mein Chef, er müsse jetzt noch den Direktor holen, und als der kam, teilte er mir mit, dass ich per sofort freigestellt würde. Ich fragte dann, wieso, und bekam als Antwort, ich wüsste ja, dass es finanzielle Probleme gebe. Daraufhin wusste ich nicht, was sagen. Das Bonusgespräch war also nur ein Vorwand gewesen, um mich aus den Ferien in den Betrieb zu locken. Wenn man sowieso vorhatte, mich zu entlassen, dann hätte man mir das doch gleich sagen können», sagt Hanspeter W., und eine leise Empörung ist ihm noch Monate nach dem Ereignis anzuhören.

Das Ganze höre sich an, als ob man den Entlassenen zuerst besänftigen wollte, bevor man ihn in die Wüste schickte, sagt Catherine André, langjährige Trainerin von Führungskräften. «Wer so mit den Leuten umspringt, braucht sich nicht zu wundern, wenn er nachher entsprechende Mitarbeiter hat.» Eine Kündigung gehöre grundsätzlich nicht ins Qualifikationsgespräch.

Als «menschlich brutal» empfand Hanspeter W., dass man ihn nach über 40-jähriger Tätigkeit sofort vor die Tür stellte. Er habe nicht einmal mehr allein in sein Büro gehen dürfen, beim Packen wurde er begleitet, und sein PC sei bereits ausgeschaltet gewesen.

Nebenbei ein laues Danke

Entwürdigend, so urteilt auch Lorenz P.* über sein Entlassungsgespräch. Der Journalist ist einer von mehreren Hundert Mitarbeitern, die beim Personalabbau auf verschiedenen Schweizer Zeitungsredaktionen im letzten Jahr ihre Stelle verloren. Dass es ihn treffen könnte und er mit seinen 61 Jahren auf eine Frühpensionierung gefasst sein sollte, darauf hatte ihn sein Vorgesetzter vorbereitet. «Doch von einem vorzeitigen Altersrücktritt war schliesslich in dem Gespräch gar nicht die Rede. Es war eine ganz normale Kündigung. Mein Vorgesetzter erwähnte zu Beginn kurz, dass es ihm leidtue, mich aus wirtschaftlichen Gründen entlassen zu müssen. Danach übernahm die Personalverantwortliche. Wie ein Roboter, ohne jegliche Empathie hat sie die Fakten von einer Liste abgelesen. Ich hab mich dann erkundigt, was man mir biete; daraufhin erwähnte sie einen Computerkurs und ein persönliches Coaching, man habe gute Erfahrungen damit gemacht. Ich hätte natürlich etwas erwartet, das meiner Situation angepasst war. Irgendwann kurz vor Schluss hat sie offenbar realisiert, dass ich schon lange im Betrieb war und sagte dann:‹Und im Übrigen danken wir Ihnen für Ihre Leistung.›»

Besonders verärgert ist Lorenz P. darüber, «dass ich mir all dies von einer Person sagen lassen musste, die keine Ahnung von der Sache und von meiner Situation hatte». Zu Recht, wie Führungsexpertin André sagt. Was Lorenz P. erlebt habe, sei ein «No Go». Sich für die geleistete Arbeit eines Entlassenen zu bedanken, ist Sache des direkten Vorgesetzten und nicht der Personalfachfrau. Und es muss überzeugend sein.

Offene Kommunikation

Anders erlebte Jürg S.* seine Kündigung. Der 37-jährige Sozialwissenschafter war bis letzten Sommer in der Marketingabteilung einer Bank tätig. Die Entlassungen waren angekündigt, lange bevor sie ausgesprochen wurden. «Das hat unser Team zusammengeschweisst, inklusive unseren Vorgesetzten. Er hat uns laufend über den Stand der Dinge orientiert, das war schon ein Vorteil, so waren wir gewappnet.»

Das Gespräch selber sei professionell abgelaufen: «Das Bedauern meines Chefs war ehrlich und daher glaubhaft. Danach übernahm die Personalverantwortliche: Sie hat sich nach meinen Bedürfnissen erkundigt und mir dann die entsprechenden Angebote des Arbeitgebers präsentiert.» Daraus zu schliessen, die Banken gingen grundsätzlich professioneller mit ihrem Personal um, ginge jedoch zu weit. Jürg S. verweist darauf, dass es im Jahr davor bereits zu Kündigungen gekommen sei, welche für viele Entlassenen gar nicht angenehm verliefen. «Doch offenbar hat das Personalmanagement die richtigen Lehren aus dieser Erfahrung gezogen.»

* Namen geändert (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 25.01.2010, 10:24 Uhr

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