Wirtschaft
Als wäre da nichts gewesen
Von Robert Mayer. Aktualisiert am 11.01.2010 28 Kommentare
Unter den Notenbankern wächst weltweit die Nervosität. Sorgen bereiten ihnen – erneut – die Geschäftsbanken. Anders als vor einem Jahr ist es aber nicht die Angst vor einem Kollaps einzelner Geldhäuser und einem drohenden Dominoeffekt, welche die Währungshüter umtreibt. Vielmehr befürchten sie, dass die Banken – kaum haben sie die Finanzkrise einigermassen überwunden – wieder zu früheren Handlungsmustern zurückkehren und auf ihrer erneuten Renditejagd übermässige Risiken eingehen.
Daran haben indes die Notenbanken selbst mit ihrer äusserst lockeren Geldpolitik gewichtigen Anteil. Deren Absicht ist es ja gerade, das Finanzsystem mit Geld vollzupumpen, auf dass es den Banken leichter fällt, Kredite an die Realwirtschaft zu vergeben, sprich: Risiken zu übernehmen. Doch die Institute haben mit dem Geld, das sie zu minimalen Zinsen aufnehmen können, anderes im Sinn. Sie erwerben damit höher rentierende Wertpapiere und streichen die Zinsdifferenz als Gewinn ein.
Notenbanken im Dilemma
Je mehr sich die Konjunkturaussichten verbessern und sich die Stimmung in der Wirtschaft aufhellt, desto grösser wird der Risikoappetit der Akteure an den Finanzmärkten. Noch etwas risikoträchtigere Anlagen bedeuten noch höhere Renditen, bedeuten noch mehr Gewinn. Hinzu kommt: Da die grossen und mittleren Banken weltweit faktisch unter Staatsgarantie stehen, können sie ihren Wetten an den Märkten relativ unbekümmert nachgehen.
Den Notenbanken wiederum sind die Hände gebunden. Natürlich könnten sie die enorme Liquidität im Finanzsystem wieder abschöpfen und den Banken dadurch die Geldversorgung verteuern. Dies wäre aber mit der Gefahr verbunden, dass die auf schwächeren Fundamenten stehenden Kreditinstitute von neuem ins Wanken geraten – mit allen daraus erwachsenden Rückkopplungseffekten auf das gesamte Bankensystem und die Realwirtschaft. Dieses Risiko ist den Notenbanken schlicht zu gross, weshalb sie bis auf Weiteres an ihrer Politik des extrem billigen Geldes festhalten (müssen).
Renaissance der Schrottpapiere
Die Währungshüter stecken offensichtlich in einem Dilemma. Das am Sonntag durchgeführte, jeweils im Januar anberaumte informelle Treffen zwischen den obersten Chefs der grossen internationalen Geschäftsbanken und den Notenbanken am Basler Sitz der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) hat dazu sicher einigen Gesprächsstoff geliefert. Schon in der Einladung sprach die BIZ das Thema in aller Deutlichkeit an: Die Banken seien dabei, zitierte die britische Zeitung «Financial Times» aus dem Schreiben, «zu dem aggressiven Geschäftsgebaren zurückzukehren, das vor der Krise vorgeherrscht hatte». Die Aussage hat umso mehr Gewicht, als die BIZ zu den wenigen Institutionen gehörte, die vorzeitig vor der Kreditkrise gewarnt hatten.
In der Tat erleben jene Finanzprodukte eine Renaissance, die den Geldhäusern nach Ausbruch der Krise Abschreibungen über Hunderte Milliarden Dollar beschert hatten und daher von den Investoren geächtet wurden. Dazu zählen mit Forderungen besicherte Wertpapiere (Asset-Backed Securities, ABS) oder sogenannte Collateralised Debt Obligations (CDO), bei denen ein Mix aus verschiedenen Klassen von ABS und anderen Schuldtiteln zur Unterlegung dient. Diese ABS und CDO werden in Tranchen mit unterschiedlichem Risikoprofil zerlegt und an institutionelle Anleger verkauft. Ihre Preise haben in jüngerer Vergangenheit deutlich angezogen, seitdem anlagesuchendes Kapital wieder in diese Märkte strömt.
Interessenten vorhanden
Davon beflügelt, haben sich Investmentbanker auf neue Kreationen verlegt. Eine davon nennt sich Re-Remic. Dabei handelt es sich im Wesentlichen um alte CDO, die im Zuge der Krise massiv an Wert verloren haben – und jetzt so neu verpackt und strukturiert werden, dass die Tranche mit dem geringsten Risiko wieder ein Top-Rating erhält. Der Besitzer des ursprünglichen CDO kann auf diese Weise seine Abschreibungen begrenzen, falls er für die übrigen, stärker risikobehafteten Schrott-Tranchen einen Käufer findet. Und die finden sich offenbar in genügender Zahl.
Selbst Produkte und Praktiken, die wegen ihrer hohen Risiken höchst umstritten waren und sind, finden wieder auf Rendite getrimmte Interessenten. So etwa Kredite mit minimalen oder gar keinen Konditionen oder Kreditvereinbarungen, bei denen Schulden oder Dividenden mit (noch mehr) Schulden bezahlt werden. Insbesondere Private-Equity-Unternehmen bedienen sich solcher Instrumente. Ihr neuerliches Aufkommen vor allem werten Beobachter als Vorboten einer Marktüberhitzung. Basieren diese Vehikel doch meist auf Annahmen, die von der besten aller möglichen Welten ausgehen. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 11.01.2010, 10:09 Uhr
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28 Kommentare
Finanzmarkt ist eine Branche ohne Zukunft. Es geht längst nicht mehr um Kapitalvergabe an Unternehmen. Eine seriöse, gesellschaftlich sinnvolle und nützliche Kapitalvergabe wäre für die Wirtschaft überlebenswichtig. Aber das Faustrecht im Finanzmarkt entzieht sich selbst jede Legitimation. Kapitalvergabe sollte demokratisch geschehen, je nach gesellschaftlichem Sinn und Nützlichkeit einer Firma. Antworten
Frau Binsberger kann man nur zustimmen. Die Banken haben eine volkswirtschaftliche Bedeutung aber nicht der Casino-Kapitalismus. In diesem wird heisse Luft als Investition verkauft (bonusberechtigt). Aber kann man von den Banken mehr Einsicht verlangen als von den Aufsichtsbehörden. Beispiel FINMA. Antworten
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Sonia Uhlmann ist keine typische Studentin. Dank Fernstudium hat sie den Master trotzdem geschafft.



