Wirtschaft
Angriff auf den Euro bei einem Nachtessen geplant
Irgendwo hier muss dieses Dinner stattgefunden haben: Apartments in Manhattan.
Einer seiner Investoren soll die Spekulationswelle ausgelöst haben: Multimilliardär Steven A. Cohen. (Bild: Reuters)
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Leerverkäufe/Short Selling
Ein Leerverkauf beziehungsweise ein «Short» auf eine Währung funktioniert so: Wettet ein Spekulant – zum Beispiel ein Hedge-Fund – gegen eine Währung wie den Euro, leiht er sich grosse Summen davon zum Beispiel über Bankkredite. Darauf verkauft er diese Euro gegen eine andere Währung, zum Beispiel den Dollar. Da dieses Geld dem Verkäufer nicht wirklich gehört, spricht man von einem Leerverkauf oder einer «Short Position». Diese Verkäufe alleine setzen den Euro schon unter Druck. Wertet der sich deutlich genug ab, kauft der Spekulant die Euros wieder zurück und bezahlt damit die Kredite wieder zurück. Dank der Abwertung hat er aber jetzt für seine Dollars mehr Euros erhalten, die er – abzüglich der Kreditkosten – als Gewinn verbuchen kann. Das grösste Risiko für Leerverkäufer ist ein Wertzuwachs der attackierten Währung. In diesem Fall kann der Verlust für den Spekulanten dramatisch ausfallen.
Ein Leerverkauf auf ein Wertpapier wie zum Beispiel eine Staatsobligation oder auf Aktien funktioniert fast gleich. Der Unterschied besteht einzig darin, dass sich die Spekulanten in diesem Fall die Wertpapiere leihen und sie darauf ebenfalls in der Hoffnung verkaufen dass ihr Kurs genügend stark sinkt.
Im Zentrum der Wette auf den schwächelnden Euro steht laut «NZZ am Sonntag» die New Yorker Broker-Firma Monness, Crespi, Hardt. Diese Firma soll am 8. Februar bekannte Hedge-Funds-Vertreter zu einem Abendessen in einer New Yorker Privatwohnung eingeladen haben. Dies zu einem Zeitpunkt, als die europäische Gemeinschaftswährung bereits deutlich an Wert verloren hatte.
Ein Geldgeber des des Hedge-Funds von Multimilliardär Steven A. Cohen (SAC Capital Advisors) habe seine Kollegen an jenem Abend dazu gedrängt, auf einen weiteren Kursverlust zu setzen: Der Euro könne sogar die Parität zum Dollar erreichen. Weitere seien Gesandte von Greenlight Capital, Soros Fund Management und dem Paulson Hedge-Fund vor Ort gewesen. So berichtet die «NZZaS».
Idee hat sich schnell verbreitet
Monness, Crespi, Hardt habe das engagierte Plädoyer des SAC-Manns dann in einer Studie zusammengefasst. Man rate angesichts der hohen Verschuldung europäischer Staaten auf Wetten gegen den Euro, heisse es darin. Diese Strategie habe sich dann laufend schnell weiter verbreitet. «Es gab viele Telefonate zu den Euro-Wetten und auch weitere Treffen», sagt Charles Gradante, Gründer der Hennessee Group, der «NZZ am Sonntag». Beteiligt hätten sich grosse und kleinere Hedge-Funds, auch europäische Banken, Versicherungen – und Staatsfonds aus Dubai, Indonesien und Japan.
Die Reaktion der US-Aufsichtsbehörden liess diesmal laut dem Bericht aber nicht lange auf sich warten. Das US-Justizministerium habe gemäss verschiedenen US-Medien eine Untersuchung wegen Absprachen eingeleitet und die Teilnehmer Abendessens aufgefordert, ihren Handel zu dokumentieren und diesen nicht zu vernichten.
So läuft eine Wette gegen den Euro
Wie funktionieren Spekulationen auf eine schwächelnde Währung eigentlich? Dies hatte baz.ch/Newsnet bereits Mitte Februar folgendermassen erklärt: Staaten in Not ziehen Spekulanten an, wie Kuhfladen die Schmeissfliegen. Das zeigt sich auch wieder im Fall von Griechenland. Besonders beliebt sind Währungsspekulationen. Marktnahe Internetseiten berichten bereits von rekordverdächtigen Wetten gegen den Euro. In der Praxis geschieht das über sogenannte Leerverkäufe, bzw. «Short»-Positionen (siehe Box links).
Laut verschiedenen Quellen befinden sich die Wetten gegen den Euro auf rekordverdächtigen Niveaus. Gegenüber dem Vorjahr haben sie sich beinahe verdoppelt, im Vergleich zum Dezember haben sie um 10 Prozent zugenommen. Das weckt Erinnerungen an das grosse Vorbild aller Währungsspekulanten, den Hedge-Fund-Manager George Soros. 1992 hat er mit einer Wette gegen das britische Pfund mehr als eine Milliarde Dollar kassiert – auf Kosten der britischen Steuerzahler.
Spekulationen auf «Spreads»
Doch Leerverkäufe gegen Währungen sind nur die simpelste Methode, wie aus der Not eines Landes Profit geschlagen werden kann und im Fall des Euro noch dazu eine unpräzise: Schliesslich umfasst die Gemeinschaftswährung auch stabilere Staaten als Griechenland. Die Probleme des Balkanlandes können mit anderen Mitteln viel besser ausgenützt werden: In den Fokus sind sogenannte Spekulationen auf «Spreads» geraten – hier spekulieren Hedge-Funds oder Banken auf Unterschiede in den Bewertungen von Anleihen.
Wetten sie darauf, dass die Ängste um Griechenland zunehmen, werden Staatsanleihen von Griechenland stärker an Wert verlieren als jene von Deutschland. Das bedeutet, dass der Renditeunterschied (der «Spread») zwischen griechischen und deutschen Anleihen zunimmt. Hedge-Funds machen sich das zunutze, indem sie die griechischen Anleihen leer verkaufen und das Geld in deutsche Anleihen investieren. Die Folge für Griechenland: Die Anleihen geraten erst recht unter Druck und die Kosten für die Bedienung der Staatsschulden steigen an.
Profitieren von der Not
Besonders beliebt unter Spekulanten ist allerdings ein noch komplexeres «Spread»-Geschäft, jenes zwischen gehandelten Kreditversicherungen (Credit Default Swaps CDS) und Staatsanleihen von Griechenland. Laut verschiedenen Berichten sind hier eine Reihe grosser Hedge-Funds, aber auch Wallstreet-Banken wie Goldman Sachs involviert.
CDS eigenen sich als Absicherung für jene, die Staatsanleihen halten. Denn die CDS garantieren eine Entschädigung, wenn die Wahrscheinlichkeit eines Zahlungsausfalls steigt und die Anleihe deshalb an Wert verliert. Daher steigt aber auch der Preis eines CDS, wenn die Ängste zunehmen.
Damit eignen sich CDS genauso gut, um von Ängsten zu profitieren, wie Leerverkäufe von Staatsanleihen. Und auch diese Spekulation verschlimmert die Lage für die Griechen: Die spekulativ verteuerten CDS erhöhen die Absicherungskosten und werden auf den Märkten als Signal für ein höheres Risiko eines Staatsbankrotts gesehen. Die Griechen können ihre Staatspapiere so noch schlechter an Investoren bringen und müssen höhere Zinsen bieten.
Die perverse Versicherung
Das Schlimmste an diesem Geschäft ist allerdings, dass die Spekulanten jedes Interesse haben, Ängste zu schüren – auch zur Lage in anderen Ländern mit ähnlichen Problemen: Denn wenn der Leidensdruck steigt, profitieren die Spekulanten am meisten. Im Zusammenhang mit der Kreditversicherungen durch CDS ist das besonders pervers: «Mit dem Instrument haben wir der Wallstreet einen grossen Anreiz gegeben, Häuser niederzubrennen», schrieb in einem Kommentar in der «Financial Times» der Anlagespezialist James Rickards.
Rickards weiss aus eigener Erfahrung, wovon er spricht. Er selbst war für einen der berühmtesten Hedge-Funds tätig, der ebenfalls auf «Spreads» spekuliert hat: Long Term Capital Management (LTCM). Immerhin zeigt dessen Geschichte auch, dass die Spekulationen daneben gehen können: LTCM hat sich im Jahr 1998 an Wetten auf die russische Verschuldung übernommen. Als der russische Staat Bankrott ging, musste die US-Zentralbank einschreiten, um wegen dem Zusammenbruch von LTCM eine schwere Krise der gesamten Finanzindustrie zu verhindern. (sam/mdm)
Erstellt: 16.03.2010, 14:19 Uhr


