Wirtschaft

Anleger machen immer wieder die gleichen Fehler

Von Fredy Gilgen. Aktualisiert am 19.05.2009

Ist es der Herdentrieb, welcher die Aktienkurse jetzt seit Wochen wieder in die Höhe treibt? Auf jeden Fall profitieren Clevere von der Massenbewegung der anderen.

Das Schaf und der Investor an der Börse haben eines gemeinsam: Sie folgen der Herde und machen gleichzeitig die gleichen Fehler.

Das Schaf und der Investor an der Börse haben eines gemeinsam: Sie folgen der Herde und machen gleichzeitig die gleichen Fehler.
Bild: Keystone

Eins und eins sind selten zwei. Über die meist fehlende Logik der Börsianer hat sich der 1999 verstorbene Börsenaltmeister André Kostolany immer wieder mokiert: «Die weitaus schwächste Aktie der Welt ist jene der Logik AG, denn ihre Gesetze werden von der Börse nie befolgt.»

Behavioural Finance

Seit einigen Jahren versucht nun die Wissenschaft, der lange vernachlässigten Psychologie des Anlegers auf den Grund zu gehen und Erklärungen für dessen wenig rationales Verhalten zu finden. Daniel Kahneman, einem der Hauptvertreter der Wissenschaft von der Anlegerpsychologie, Behavioural Finance genannt, ist im Jahr 2002 der Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften verliehen worden.

Kahneman und andere Wissenschaftler wie Werner De Bondt, Richard Thaler (Chicago) oder Torsten Hens (Zürich) haben Einsichten der psychologischen Forschung in die Wirtschaftswissenschaften und damit auch in die Finanzmarkt-Theorie integriert.

Selbstüberschätzung

Welches sind nun die wichtigsten psychologisch bedingten Fehler der Anleger? Ein Grundproblem ist die Selbstüberschätzung: Es ist ähnlich wie bei den Autofahrern: Auch hier halten sich 95 Prozent für überdurchschnittlich gute Lenker. Vermeintlich gut informierte Investoren sind nach den Erkenntnissen der Verhaltensökonomie sogar noch mehr gefährdet, sich zu überschätzen, als völlig Ahnungslose. Typischerweise tun dies auch Männer häufiger als Frauen.

Die Folge dieser Fehleinschätzung ist etwa ein übertrieben rasches Reagieren auf Tagesaktualitäten. Exemplarisch etwa das Beispiel des Roche-Titels. Nachdem Probleme mit dem Krebsmittel Avastin bekannt wurden, kam es zu massiven Verkäufen. Nach dem Ausbruch der Schweinegrippe waren die Papiere wenige Tage später dann wieder heiss begehrt. Tamiflu sei Dank.

Lohnenswert ist solcher Aktivismus für die Allerwenigsten. Deutlich besser wäre es, auf mittel- und längerfristige Trends zu setzten. Diese werden aber häufig unterschätzt, und gegenüber dem Risiko wird eine inkonsequente Haltung eingenommen. Gewinne werden deshalb immer wieder vorschnell mitgenommen, bei Titeln mit Verlusten hat man dagegen fast unendlich Geduld. Der Stolz gibt es vielen Anlegern nicht zu, eine Aktie unter dem Einstandspreis zu verkaufen.

Nach Ansicht der Verhaltensökonomen hat der Anleger sodann mit systematischen Wahrnehmungsproblemen zu kämpfen. Etwa die Behauptung, die Branche X oder Y sei die neue Wachstumsbranche oder das Management der Firma Z sei besonders dynamisch. Der Herdentrieb der Börsianer ist geradezu sprichwörtlich. Die Wissenschaft spricht hier von sozialer Ansteckung.

Aus Fehlern nichts gelernt

Anleger ziehen aus ihren Fehlern kaum Lehren. Zwischen den Anlageentscheiden und ihrer Auswertung vergeht nämlich regelmässig viel Zeit. Und weil diese Entscheide von Privatanlegern nicht dokumentiert werden, weiss man später kaum mehr, warum man gerade diese oder jene Aktie gekauft hat.

Den institutionellen Anlegern, die sonst grundsätzlich etwas rationaler vorgehen als Privatanleger, kommt der Gruppendruck in die Quere. Innerhalb eines Anlagekomitees ist es üblich, sich nicht auf die Äste hinaus zu lassen. Man kann sich hinter der Gruppe verstecken.

Clevere Anleger müssten aus dem Wissen über solche Schwächen eigentlich Nutzen ziehen können. «Das ist durchaus möglich», sagen die Verhaltensökonomen. Sie empfehlen Privatanlegern, eine einmal festgelegte Anlagestrategie konsequent durchzuhalten und die von Zeit zu Zeit nötigen taktischen Anpassungen ebenfalls nach bewusst festgelegten Regeln vorzunehmen.

Ferner sollten Anlageentscheide schriftlich begründet werden, um aus Fehlern zu lernen. Der Investor sollte sich gut überlegen, in welchen Bereichen er sich eine überlegene Prognosefähigkeit zutraut. Grundsätzlich ist aber eine passive Strategie vorzuziehen, also der Kauf von Indexprodukten, um den beiden Hauptfehlern der Börsianer vorzubeugen: der mangelnden Diversifikation und der allzu starken Konzentration auf den Heimmarkt. (Berner Zeitung)

Erstellt: 19.05.2009, 12:44 Uhr

Wirtschaft

Populär auf Facebook Privatsphäre


Live @ Sunset

11. bis 22. Juli - Zürich Dolder u.a. mit B.B. King, Elton John und Alanis Morissette!

Familie, Beruf und Studium

Sonia Uhlmann ist keine typische Studentin. Dank Fernstudium hat sie den Master trotzdem geschafft.