Wirtschaft
«Auch Pimco ist nur ein kleiner Fisch»
Interview: Matthias Chapman, Simon Schmid. Aktualisiert am 29.06.2012 3 Kommentare
Zur Person
Richard Clarida ist Executive Vice President in der New Yorker Niederlassung von Pimco. Seit 2008 ist Clarida auch Co-Leiter des Geschäftsbereichs öffentliche Institutionen, der Zentralbank- und Staatsvermögensfondskunden betreut.
Davor war er in Washington als Wirtschaftsberater der Finanzminister Paul O'Neil und John Snow sowie als Vorsitzender des Wirtschaftsinstituts der Columbia University tätig. Clarida lebt mit seiner Frau und zwei Kindern in Connecticut, USA.
Berüchtigter Finanzfonds
Die Pacific Investment Management Company (Pimco) hat ihren Sitz in Newport Beach im US-Bundesstaat Kalifornien. Mit rund 1,7 Billionen an verwalteten Geldern ist sie einer der grössten Kapitalanleger weltweit. Spezialgebiet von Pimco ist das Fixed Income, das heisst festverzinsliche Wertpapiere.
Pimco befindet sich vollständig im Besitz der Deutschen Allianz Gruppe. Bekannt ist die Firma unter anderem durch Pimco Total Return, den derzeit grössten Rentenfonds der Welt, sowie durch dessen Fondsmanager William Gross.
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Herr Clarida, überlebt der Euro das Jahr 2012?
Ja – aber es wird ein holpriger Weg. Nach der Finanzkrise im Jahr 2009 gab es ein kleines Zeitfenster, während dessen Staaten ihre Banken mit vernünftigem Aufwand rekapitalisieren konnten. Die USA und England nutzten dieses Fenster – Europa tat dies nicht. Heute sind die Märkte weniger freundlich.
Was bedeutet das?
Der Umbau von Europas Institutionen wird kostspieliger und muss unter grossem Druck erfolgen. Das macht die Sache nicht leichter. Zumal der Prozess Zeit braucht und es in den meisten europäischen Ländern Volksabstimmungen brauchen wird, um Dinge wie Eurobonds einzuführen oder eine Bankenunion aufzubauen.
Noch sind Eurobonds Zukunftsmusik.
Europas Staatsführer könnten inzwischen den Rettungsmechanismen mehr Flexibilität geben (Anm. d. Red: Am EU-Gipfel in Brüssel wurden gestern Beschlüsse gefasst, die in diese Richtung weisen). Hätte der ESM etwa eine Bankenlizenz, so könnten darüber grössere Beträge fliessen. Von allein werden sich die Märkte jedenfalls nicht beruhigen: Spaniens Konjunktur ist am Boden, die wachstumsfördernden Reformen wirken erst mit zeitlicher Verzögerung. Bis Investoren Verbesserungen in den Daten sehen, werden sie skeptisch bleiben.
Wie beurteilen Sie die Leistung von Europas Politikern?
Europa schickt sich an, nach zehn Jahren Währungsunion eine Fiskalunion zu schaffen. Das ist eine Herkulesaufgabe. Angela Merkel ist eine fähige Politikerin – aber auch sie kann und sollte nicht alles allein entscheiden, auch wenn das manche gern sehen würden. Das muss das Volk auf demokratischem Weg tun.
In Brüssel geht nun schon das x-te Gipfeltreffen über die Bühne – ohne sichtbaren Erfolg.
Es sind ganz einfach unterschiedliche Interessen da. Früher bestiegen Staatschefs ein Flugzeug erst, wenn Beschlüsse bereits abgesprochen und Deklarationen abgefasst waren. Für die aktuellen Krisenmeetings gilt dies nicht, besonders seit François Hollande Präsident ist und es das Führungsduo Sarkozy/Merkel nicht mehr gibt. An den Gipfeltreffen wird hart und bis spät in die Nacht hinein verhandelt.
Und währenddessen spielen die Märkte verrückt.
Die Unsicherheit inmitten der Eurokrise ist nicht nur für Staaten, sondern auch für Anleger sehr schädlich. Viele der Faustregeln, an die man sich als Investor über lange Jahre halten konnte, sind ausser Kraft – etwa die Regel, dass Geldpolitik einfach über den Zinssatz funktioniert, dass Banken im Notfall gerettet werden oder dass Europas Staaten sichere Schuldner sind.
Wird Spanien seine Schulden zurückzahlen?
Die Investoren dürften ihr Geld zurückerhalten, davon gehen wir aus. Spaniens Schuldenstand vor der Krise war im Vergleich zu demjenigen anderer Länder sehr niedrig. Gelingt es, das Bankenproblem zu lösen, wird es auch mit Spanien wieder aufwärtsgehen.
Letztes Jahr gab Pimco öffentlich bekannt, aus US-Staatsanleihen auszusteigen.
Und prompt schnitten einige unserer Fonds schlechter ab als die Benchmarks. Unsere Vorhersage, dass die Zinsen steigen würden, erwies sich als falsch. Andere Investoren dachten anders und machten Gewinn. Der globale Bondmarkt ist 90 Billionen Dollar gross – auch Pimco ist im Vergleich dazu nur ein kleiner Fisch.
Trotzdem fürchtet sich die Öffentlichkeit vor der Macht grosser Anlagefonds.
Pimco kündigte letztes Jahr am Fernsehen an, nicht gegen die peripheren Euroländer zu spekulieren. Und tat es auch nicht. Ob die Märkte zu viel Macht haben? Die Wahrheit ist ganz einfach, dass es für Anlagefirmen heutzutage einfach nicht mehr so viele rentable und gleichzeitig sichere Investments gibt. Wir leben in einer Welt des «low return» – deswegen schauen sich Investoren nach Alternativen zu Staatenbonds um.
Ist die Ära des Wirtschaftswachstums für den Westen vorüber?
Man sollte niemals «niemals» sagen – auch nicht beim Wirtschaftswachstum. Es braucht Zeit, um die Exzesse aus dem System zu eliminieren. Deshalb erwarten wir für die nächsten drei bis fünf Jahre nur wenig Verbesserung.
Ein etwas weniger harter Sparkurs würde bereits helfen.
Leider ist eine langfristige Wachstumsagenda ohne Anfangsschmerz praktisch unmöglich zu haben. Man könnte die Produktionslücke in Europa schon durch weitere staatliche Stimulierung schliessen. Dann müsste man aber noch höhere Schulden und infolgedessen auch noch höhere Zinsen in Kauf nehmen. Es ist ein Abwägen in der Zeit: Entweder man fährt einen Sparkurs und verzichtet in der Gegenwart auf Wachstum, oder man spart nicht und schmälert das Wachstumspotenzial in der Zukunft.
Ein Wort zur SNB und ihrer Untergrenze gegenüber dem Euro.
Als die Grenze im letzten September eingeführt wurde, war es sicher die richtige Massnahme in Bezug auf die Verwerfungen an den Märkten. Als gut funktionierende Wirtschaft profitiert die Schweiz auch heute noch davon. Die Grenze macht zum aktuellen Zeitpunkt absolut Sinn. Langfristig sind die Gefahren sicher nicht zu vernachlässigen. Auf eine erhöhte Inflation deutet heute aber noch sehr wenig hin. (baz.ch/Newsnet)
Erstellt: 29.06.2012, 10:12 Uhr
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