Wirtschaft
Barrosos Brandbrief
Aktualisiert am 05.08.2011 28 Kommentare
«Die Märkte wollen eine klare Linie»: Finanzanalyst Christoph Rieger.
Barrosos Brandbrief «fahrlässig»
FDP-Fraktionschef Rainer Brüderle wirft EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso «fahrlässiges» Handeln in der Schuldenkrise vor. «Um den Euro zu festigen, brauchen wir einen wirksamen und durchsetzungsstarken Stabilitäts- und Wachstumspakt 2 – und keinen leichtfertigen Brief aus Brüssel. Es ist unüberlegt und fahrlässig, jetzt etwas in Frage zu stellen, worauf sich die Staats- und Regierungschefs erst vor kurzem geeinigt haben», sagte er der «Bild»-Zeitung.
Barroso hatte sich inmitten der ohnehin schon nervösen Märkte für eine Neubewertung des Euro-Rettungsfonds EFSF ausgesprochen. (dapd)
Aufstockung des Euro-Rettungsfonds
EU-Währungskommissar Olli Rehn hat am Freitag eine Aufstockung des Euro-Rettungsfonds EFSF angedeutet. Man müsse gegebenenfalls Anpassungen vornehmen, um effektiver und glaubhafter zu sein, sagte er in Brüssel. Er äusserte sich nicht, wann und um welche Summe der Fonds aufgestockt werden könnte. Er werde in dieses Zahlenspiel nicht einsteigen, erklärte Rehn.
Rehn war nach Brüssel gereist, nachdem EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso in einem am Vortag veröffentlichten Schreiben an die Staats- und Regierungschefs eine Neubewertung des EFSF gefordert hatte. (dapd)
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Erst vor zwei Wochen haben europäische Politiker den Euro-Gipfel weitgehend als Erfolg gefeiert und sich anschliessend etwas beruhigter in die Sommerpause verabschiedet. Nun spitzt sich die Euro-Krise wieder zu und EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso regte inmitten der ohnehin schon nervösen Märkte eine Debatte über eine Aufstockung des Euro-Rettungsfonds an. Die Nachrichtenagentur dapd hat mit Christoph Rieger, Leiter Zinsstrategie bei der Commerzbank, gesprochen.
EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso hat eine Neubewertung des Euro-Rettungsfonds EFSF verlangt - zu Recht?
Barroso hat damit sicherlich noch einmal Öl ins Feuer der Märkte gegossen und das Gegenteil von dem bewirkt, was er erreichen wollte - nämlich, die Märkte zu beruhigen. Vor zwei Wochen hat er das Gipfel-Paket als grosses, glaubwürdiges Paket verkauft und jetzt sagt er, dass das alles nichts Richtiges ist. Damit hat er den Märkten einen Bärendienst erwiesen und sicher nicht zur Beruhigung beigetragen, sondern weitere Unsicherheit geschürt.
Hätte man den Euro-Rettungsfonds nicht gleich auf ein angemessenes Volumen aufstocken sollen statt jetzt den «piecemeal approach» zu wählen, also stückchenweise aufzustocken?
Ein Volumen von ein oder zwei Billionen hätte die Märkte sicherlich mehr beeindruckt. Die 440 Milliarden Euro reichen momentan für Portugal, Irland und Griechenland, aber wenn Italien und Spanien unterstützt werden sollen, sind wir schnell an der Kapazitätsgrenze. Allerdings ist eine grosszügigere Aufstockung in einigen Ländern politisch schwer vermittelbar.
Unter anderem auch in Deutschland?
Ja.
Barroso hat also den Zeitpunkt schlecht gewählt, um eine neue Debatte zu den Gipfel-Beschlüssen anzuregen?
Die Märkte wollen eine klare Linie. Das wäre das Beste, um sie zu beruhigen, und nicht, die Gipfel-Beschlüsse infrage zu stellen.
EZB-Chef Jean-Claude Trichet sagte bei der Pressekonferenz am Donnerstag, sobald die Beschlüsse vom Gipfel vollständig umgesetzt seien, könnte die EZB mit der Intervention am Anleihemarkt aufhören. Glauben Sie daran?
Das Problem ist, dass der EFSF nicht nur die rechtliche Möglichkeit, sondern auch die Mittel haben muss. Selbst wenn die EFSF-Reform im Schnelldurchgang umgesetzt wird und der Rettungsfonds am Sekundärmarkt intervenieren darf, hat er nicht die Mittel. Dazu muss der EFSF Geld am Markt aufnehmen, also selbst Anleihen begeben, und das dauert sicherlich länger als nur ein paar Monate. Ein Ausweg könnte darin bestehen, wenn der EFSF die Interventionen im Repo (Anm. d. Red.: Repos sind Rückkaufvereinbarungen, Repo-Satz ist der vereinbarte Zins) bei der EZB finanzieren könnte. Die EZB kann als Zentralbank die Mittel selbst kreieren. Sie befürchtet allerdings zu Recht, dass sie da ein Fass ohne Boden aufmacht. Denn die Marktteilnehmer könnten die Interventionen nutzen, um ihre Beteiligungen abzustossen.
Bei welchem Volumen lagen die Interventionen der EZB in den vergangenen Tagen?
Ich vermute, dass das Volumen war nicht allzu gross war, da auch die Liquidität nicht vorhanden war. Der EZB ging es darum, ein Signal zu setzen.
Aber dieses Signal ist bei den Märkten doch offensichtlich nicht angekommen?
Es war eben nur ein halbherziges Signal, weil jeder an den Märkten weiss, dass die EZB nur Portugal und Irland gekauft hat, wo die Spreads (Anm. d. Red.: Zinsaufschläge) auch schon vorher reingekommen waren.
Was ist nötig, damit sich die Anleihemärkte beruhigen?
Solange die Märkte sehen, dass die EZB nur portugiesische und irische Staatsanleihen kauft, werden sie sich nicht nachhaltig beruhigen. Die EZB müsste dazu Fakten schaffen und spanische und italienische Anleihen kaufen. Und es hängt natürlich davon ab, was die Politik jetzt entscheidet.
Barroso hat ja in seinem Schreiben deutlich gemacht, dass er Diskussionsbedarf sieht.
Bundeskanzlerin Angela Merkel, der französische Präsident Nicolas Sarkozy und der spanische Regierungschef José Luis Rodríguez Zapatero wollten noch am (heutigen) Freitag telefonieren.
Wann wird weiter gegipfelt?
Sollten die Märkte heute nicht zur Ruhe kommen, würde es mich nicht überraschen, wenn noch am Wochenende ein kleiner Krisengipfel stattfindet - als Beruhigungspille für die Märkte, also noch vor Eröffnung der asiatischen Börsen am Montag.
Einige Experten spekulieren bereits über eine drohende Grosse Depression. Wie schätzen Sie die Krise ein?
Wir rechnen nicht damit, dass die Krise so aus den Fugen gerät, wie es damals nach der Lehman-Pleite der Fall war. Es ist allerdings schwierig, eine nachhaltige Beruhigung auf absehbare Zeit vorherzusagen. Es kommt jetzt darauf an, was die Politik entscheidet. Die Risiken haben jedenfalls zugenommen, dass die Finanzkrise wieder stärkere Spuren in der Realwirtschaft hinterlassen wird. (Alexandra Regner, dapd)
Erstellt: 05.08.2011, 13:44 Uhr
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28 Kommentare
Barroso und seine Kollegen sollten mal ihre Konti, ihre Verbindungen zur Finanzindustrie, zu den Cayman Islands, zu Familienangehörigen und Freunden offenlegen müssen ... er weiss genau dass er mit seinen Worten Milliarden auf den Märkten bewegt und er weiss auch auf welche Zahl er im internationalen Roulette setzten muss. So etwas ist Insiderwissen - aber als Politiker geniesst er Immunität. Antworten
Wie gestern ein anderer Kommentator richtig bemerkte: Barosso hat in den guten Zeiten unter anderem als Ministerpräsident in Portugal mitgeholfen, dass Portugal heute in den schlechten Zeiten, eines der Haupsorgenkinder der EU ist. Indem die EU auf solche Leute baut, schaufelt die EU sich endgültig ihr eigenes Grab. Antworten
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