Wirtschaft

Bund verdirbt Bauern die Ernte

Von Niklaus Bernhard. Aktualisiert am 22.07.2010

Die Getreidebranche ist über Landwirtschaftsministerin Doris Leuthard verärgert. Das Volkswirtschaftsdepartement habe ohne Ankündigung den Mehlzoll gesenkt. Die Branche fürchtet sich nun vor Importen.

Schwarze Binde als Zeichen

Die Schweizer Getreideproduzenten wollen die vom Bund beschlossene Senkung des Mehlzolles nicht kampflos hinnehmen. Während der nun beginnenden Erntezeit tragen sie deshalb schwarze Armbinden und hängen schwarze Schleifen an die Traktorenrückspiegel.

Bei einer Veranstaltung in Busswil bei Büren BE wurden gestern die ersten Traktoren mit Schleifen ausgerüstet und Armbinden an die Landwirte verteilt. Diese Armbinden tragen die Bauern während der kommenden drei Wochen, wenn sie ihr Getreide ernten und in einer der rund hundert Sammelstellen in der Schweiz abliefern.

Die Getreideproduzenten befürchten, dass künftig Mehl aus dem Ausland importiert und so der Anbau von Getreide in der Schweiz verschwinden wird.

Organisiert wurde die Protestaktion vom Schweizerischen Getreideproduzentenverband (SGPV) und von den Bauernverbänden der Kantone Zürich und Bern.

Die Getreideernte 2010 ist in der Schweiz im vollen Gang. Damit hätten die Getreideproduzenten eigentlich schon genug zu tun, doch diese beschäftigt derzeit auch noch ein anderes Thema.

Die Getreideproduzenten sowie die Müller wehren sich vehement gegen den neuen Zollansatz beim Mehl. Auf den 1. Juli 2010 senkte das Eidgenössische Volkswirtschaftsdepartement (EVD) den Mehlzoll von 65 auf rund 51 Franken pro 100 Kilo. Das EVD will mit der Mehlzollsenkung erreichen, dass die Margen der Getreidemüller sinken. Doch die Müller wollen die Zollsenkung an die Produzenten weitergeben. Das ist auch der Grund, warum die Preisverhandlungen für die Ernte 2010 zwischen den Getreideproduzenten und den Müllern scheiterten. Die Müller argumentierten, dass sie den Schweizer Bauern für das Getreide weniger zahlen könnten, weil Importe sonst zu attraktiv würden. Das wollten die Getreideproduzenten nicht hinnehmen, denn bereits von 2008 auf 2009 sank der Weizenpreis in der besten Klasse um 10 Franken von Fr. 61.50 auf 51 Franken pro 100 Kilo.

Die Empörung der Getreidebranche über die neueste Zollsenkung hat aber auch mit dem Zeitpunkt der Ankündigung zu tun. Dass der Mehlzoll gesenkt wird, hat die Branche erst am 29.Juni erfahren, also nur zwei Tage vor dem Inkrafttreten. «Ohne Ankündigung hat Bundesrätin Leuthard exakt zu Beginn der Getreideernte den Mehlzoll gesenkt», sagte Fritz Glauser, Präsident des Schweizerischen Getreideverbandes, gestern im bernischen Busswil an einer Veranstaltung. Weiterer Druck auf die Preise würde den Anbau von Getreide in der Schweiz gefährden, so Glauser.

Senkung schon lange klar

Doch aus dem heiteren Himmel kam die Zollsenkung nicht. Der Bundesrat wollte die neuen Zollansätze für Agrarimporte eigentlich schon auf den 1.Juli 2009 einführen. Doch die Getreidebranche setzte sich schon damals zur Wehr und erwirkte damit eine Aufschiebung der Inkraftsetzung. Der neue Termin setzte das Bundesamt für Landwirtschaft (BLW) auf den 1. Oktober 2009 an. Doch auch dieser Termin verstrich, weil die Branche erneut intervenierte. Von diesem Zeitpunkt an nahm Bundesrätin Doris Leuthard das Geschäft selbst in die Hand und entzog dem BLW damit die Befugnis, über den Einführungstermin zu befinden. Leuthard informierte die Branche im Dezember 2009, dass der Mehlzoll auf Beginn eines der kommenden Quartale gesenkt würde. Dies hielt sie dann ein und führte den neuen Tarif auf den 1.Juli 2010 ein. Doch selbst in der Verwaltung ist man sich einig, dass die Kommunikation in dieser Sache besser hätte funktionieren müssen. Mit einer frühzeitigen Ankündigung des Einführungstermins hätte sich Bundesrätin Leuthard einen Teil des Ärgers ersparen können.

Brotpreis sinkt nicht

Wer sich nun durch die Mehlzollsenkung tiefere Brotpreise erhofft, wird enttäuscht. Denn die Ausgaben für Mehl machen nur gerade 16 Prozent der Produktionskosten von Brot aus (siehe Grafik). 90 Prozent des Mehls in der Schweiz wird aus hiesigem Getreide hergestellt. An dieser Situation wird sich so schnell nichts ändern, denn selbst mit der Senkung ist der Mehlzoll immer noch so hoch, dass sich Importe nur in Ausnahmefällen lohnen. (Berner Zeitung)

Erstellt: 22.07.2010, 15:10 Uhr

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