Das Verhängnis des frühen Erfolgs

Von Markus Diem Meier. Aktualisiert am 16.03.2010 15 Kommentare

Die aktuelle Krise um den Euro lässt vergessen, dass die Gemeinschaftswährung noch vor Kurzem als Grosserfolg gefeiert wurde. Für einen Abgesang ist es auch jetzt zu früh. Lesen Sie den zweiten Teil der Euro-Serie auf baz.ch/Newsnet.

1/6 Die vergangene Euro-Euphorie
Erst mit der Einführung des Euro als Münzen und Noten Anfang 2002 wurde die Gemeinschaftswährung greifbar. Ein junger Mann lässt sich am 28. Dezember 2001 im Belgischen Deinze das Eurosignet in die Haare schneiden.
Bild: Keystone

   

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Euro in der Krise: Die Serie



baz.ch/Newsnet berichtet in einer losen Serie während den kommenden Tagen über die Probleme der europäischen Währung, über einen möglichen Währungsfonds, drohende Staatsbankrotte sowie Gewinner und Verlierer der Euro-Krise.

Im nebenstehenden zweiten Teil lesen sie heute: Das Verhängnis des frühen Erfolgs. Warum der Euro erst zur Erfolgsgeschichte wurde und weshalb sich gerade deshalb wesentliche Schwächen verschärft haben.

Im dritten Teil lesen Sie am Donnerstag, warum der Euro nie zu einer Weltwährung wird.

Im ersten Teil haben sie gelesen: Der wahre Grund für die Euro-Krise – Die aktuelle Krise beruht auf Fehlentscheiden, die vor Jahrzehnten gefällt wurden.

Das Projekt Euro ist gescheitert, das weitere Überleben der Gemeinschaftswährung nur noch eine Frage der Zeit. Diese Schlussfolgerung kann sich einem aufdrängen, wenn man die jüngste Debatte zur Währungsunion verfolgt. Die deprimierte Stimmung steht in einem krassen Kontrast zur Euphorie, die noch bei der Einführung der Euronoten und Münzen Anfang 2002 vorgeherrscht hat.

In vielen Ländern war das Geld das erste wortwörtlich greifbare Resultat der europäischen Vereinigung. Immerhin haben die Länder des Kontinents bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs fast ununterbrochen blutige Kriege gegeneinander geführt. Bis zur jüngsten Krise galt das Euro-Projekt als beeindruckendes Erfolgsmodell. Allein die relativ problemlos vollzogene Ablösung der nationalen Währungen war ein logistisches Meisterwerk. Die Sorgen zum mangelhaften institutionellen Aufbau des Euro-Projekts, die bis zu seiner Einführung als Buchgeld im Jahr 1999 die Schlagzeilen bestimmt haben, sind rasch in den Hintergrund geraten. Die düsteren Prognosen der Skeptiker haben sich bald als falsch herausgestellt.

Die Glanzzeit der Gemeinschaftswährung

Statt dass die Gemeinschaftswährung aus mangelndem Vertrauen abgestürzt ist, haben Exporteure schon bald über ihre hohe Bewertung geklagt. Gegenüber der Konkurrenzwährung Dollar hat sie seit dem Sommer 2001 zu einem Höhenflug angesetzt, der erst sechs Jahre später in der Finanzkrise abrupt enden sollte. Im Juli 2008 mussten die Amerikaner 1,60 Dollar für den Euro hinblättern, im Juli 2001 war es nur halb so viel. Der Höhenflug des Euro an den Devisenmärkten wurde begleitet von der Aussicht, dass die Gemeinschaftswährung dereinst sogar den Dollar als dominierende Weltwährung ablösen könnte. Der Euro hat damit nicht nur den inneren Zusammenhalt der Europäer gestärkt, sondern auch ihr Selbstvertrauen.

Selbst wenn der Euro in Tat und Wahrheit nie die Stellung des Dollars als weltweite Reservewährung oder als Referenzwährung auf den Kapitalmärkten erreicht hat, ist er doch die einzige ernst zu nehmende weltweite Konkurrenz, die die US-Währung überhaupt hat. Der chinesische Yuan Renmimbi, der als potenzieller Dollar-Konkurrent ebenfalls immer wieder genannt wird, kommt dafür schon deshalb nicht infrage, weil die Währung nicht frei konvertierbar ist.

Keine Umtauschkosten, kein Währungsrisiko

Schliesslich haben die Länder der Eurozone auch ganz konkret von der neuen Währung profitiert. Der grenzüberschreitende Handel mit Gütern und Dienstlungen sowie der Kapitalverkehr wurde ohne Umtauschkosten und Wechselkursrisiko wesentlich vereinfacht. Doch die Arbeitskräfte haben die Landesgrenzen kaum überschritten. Solche Wanderbewegungen würden die Beschäftigungslage ausgleichen, wenn die einheitliche Geldpolitik in einem Land zu einer Rezession und in einem anderen zu einer Überhitzung führt. Diese Wanderung findet innerhalb der USA statt, sie sorgt dort für einen gewissen Ausgleich, wenn Einzelstaaten in die Krise geraten.

Die Währungsunion hatte für ihre Mitglieder aber auch Vorteile, die das gesamte System instabiler gemacht haben. Vor allem Länder des Südens mussten vor der Währungsunion für ihre Staatsschulden deutlich höhere Zinsen bezahlen: Die Investoren wollten angesichts höherer Budgetdefizite für das Risiko von Zahlungsausfällen und für eine ständig drohende Währungsabwertung entschädigt werden.

Verlockungen des billigen Geldes

Nach der Währungsunion schrumpften die Zinsen für die Staatsschulden dieser Länder beinahe auf das Niveau jener des reichen Nordens, allen voran Deutschlands. Die Investoren gingen entweder davon aus, dass die Defizitländer künftig ihr Budget besser unter Kontrolle bringen – wie es die Konvergenzkriterien vorsehen – oder dass die reicheren Länder am Ende für die Schulden der Ärmeren aufkommen.

Befreit von der Peitsche der Kapitalmärkte haben einige Länder des Südens die neuen Möglichkeiten genutzt und ihre Verschuldung kräftig ausgeweitet. Das Paradebeispiel ist Griechenland. Die Stabilitätskriterien wurden mit Tricks umgangen. Ausserdem hielten sich auch die reichen Länder des Nordens nicht an die Vereinbarungen. Seit ihrem Eintritt in die Währungsunion wurde allein die Defizitregel (Budgetdefizit nicht höher als 3 Prozent des Bruttoinlandprodukts) durch die Euroländer 43-mal verletzt. 2005 wurde das Defizitkriterium dann sogar aufgeweicht.

Erdrückt von der deutschen Wirtschaftskraft

Auch Deutschland als mächtigste Wirtschaftsmacht des Euroraums und damals Exportweltweltmeister profitierte auf Kosten der anderen Mitglieder vom Euro. Die Länder des Südens konnten einst ihre Wettbewerbsfähigkeit auf den Weltmärkten durch die Abwertung ihrer Währungen wieder einigermassen herstellen. Damit konnten sie auch die deutsche Konkurrenz ausbremsen.

Seit dem Euro ist das vorbei. Mit der viel höheren Produktivität der Deutschen können die schwächeren Euroländer nicht mithalten. Die einzige Möglichkeit, um bei den Preisen konkurrenzfähig zu bleiben, sind jetzt dort brutale Lohneinbussen. Kein Wunder forderte jüngst die französische Wirtschaftsministerin Christine Lagarde, die Deutschen sollen ihre Wirtschaft etwas weniger auf den Export ausrichten. Die höheren Staatsdefizite in den Ländern des Südens sind auch eine Konsequenz ihrer wirtschaftlichen Schwäche, die sie mit einer Abwertung nicht mehr wettmachen können.

Das Ende der Flitterwochen

Bis zur weltweiten Finanz- und Wirtschaftskrise hatten all die Ungleichgewichte wenig Bedeutung. Vom Konsumrausch der USA hat die ganze Weltwirtschaft profitiert. Risiken wurden ganz generell kaum beachtet. Seither ist alles anders und der eben noch hoch gelobte Euro gilt vielen kaum mehr als überlebensfähig. Dabei geht vergessen, dass im Vergleich zur gewaltigen wirtschaftlichen Katastrophe, zu der ein Ausstieg aus dem Eurosystem führen würde, alle aktuellen Probleme Kleinkram sind. Der einzige Ausweg bleibt daher, das System zu verbessern.

Die Griechenland-Krise zeigt, wohin der Weg gehen könnte: Die Euroregion benötigt ein wirtschaftspolitisches Gegenstück zur Europäischen Zentralbank. Eingriffe in die Budgethoheit der Nationalstaaten sind unumgänglich. Dann führen auch finanzielle Nothilfen durch andere Staaten nicht zum Anreiz, sich erst recht zu verschulden. Die Stabilitätskriterien sind noch immer unrealistisch streng. Wenn sie niemand einhalten kann, müssen sie weiter gelockert, dann aber auch tatsächlich durchgesetzt werden.

Das Eurosystem braucht Anpassungen. Wenn diese gelingen, kann die Währungsunion wieder zurück auf die Erfolgsschiene gebracht werden. (baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 16.03.2010, 17:18 Uhr

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15 Kommentare

Norbert Brestel

16.03.2010, 14:49 Uhr
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Der Erfolg wurde doch in erster Linie politisch gefeiert, neutrale Experten haben diese Probleme kommen sehen, es hat einfach etwas gedauert. Nun allen Ernstes von Deutschland zu verlangen, man möge doch bitteschön etwas an Wettbewerbsfähigkeit aufgeben, ist ja schon fast surreal. Deutschland wird aus dem Euro austreten müssen. So wie GB, DK, S und die Schweiz (!) erst gar nicht dabei sind. Antworten


Jean Monnet

16.03.2010, 14:50 Uhr
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Weder ist die Verschuldung in Italien noch in Spanien oder Irland mit der Einführung des Euro gestiegen. Vor der Finanzkrise lag die Verschuldung Spaniens oder Irlands bei ca. 35% des BIP und damit niedriger als in der CH oder in D. Diese Staaten wurden von der Finanzkrise nur sehr hart getroffen. Es stimmt aber dass die EU eine gemeinsame Fiskalpolitik braucht. In der Hand des EU Parlaments. Antworten



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