Wirtschaft
Das irische Drama
Von Markus Diem Meier. Aktualisiert am 09.11.2010 42 Kommentare
Morgan Kelly ist Professor für Volkswirtschaftslehre an der Universität von Dublin.
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- Die grüne Insel im Meer von Schulden
- Irland erhält schlechtere Bonitätsnote von Fitch
- Irland dreht jeden Euro um
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Noch vor wenigen Jahren hat man in der Schweiz ernsthaft debattiert, was wir hier falsch machen und die Iren richtig. Wirtschaftlich galten die «keltischen Tiger» als die Überflieger Europas. Jetzt ist genau das Gegenteil der Fall. Irland ist wirtschaftlich am Boden: «Nach einer plötzlichen Verschlechterung seines Zustandes wurde der irische Patient – einst bekannt als irische Republik – in die Intensivstation verlegt, wo er jetzt künstlich beatmet wird», schreibt der irische Ökonom Morgan Kelly in einem Anflug von Sarkasmus und fährt fort: «Während ein Sprecher des Spitals – genannt Jean-Claude Trichet – Optimismus zu verbreiten versucht, besteht keine Aussicht darauf, dass der Patient wieder gesund wird.»
Wirtschaftsprofessor Kelly ist in Irland vor allem dafür bekannt, dass seine Einschätzungen zur Krise bisher äusserst treffsicher waren. Daher hat ein Artikel, den er mit dem obigen Vergleich in der «Irish Times» eingeleitet hat, auch eine besonders grosse Bedeutung. Dort zeigt er sich überzeugt, dass Irland einen Staatsbankrott nicht werde vermeiden können, schon im nächsten Jahr werde das Land zahlungsunfähig sein. Insolvent sei der Staat bereits jetzt.
Nur die Steuerzahlen müssen bluten
Am Anfang des von Kelly beschriebenen Dramas stand, dass die irische Regierung für alle Schulden ihrer Banken die Garantie übernommen hat. Da die Institute nur unzureichend über ihre wahre Lage informiert haben, hätte sich der Staat laut Kelly um diese teure Absicherung scheren können. Letztlich sei sie erfolgt, weil irische Politiker davon ausgehen, am Ende durch EU-Gelder gerettet zu werden, denn nichts anderes würde schliesslich am Ende auch im Fall von Griechenland geschehen.
An einer Begleichung der Bankschulden war aber auch die Europäische Zentralbank (EZB) interessiert. Diese sorgt bisher dafür, dass die irischen Banken weiter mit Liquidität versorgt werden, was auch dem irischen Staat in den nächsten Monaten das Überleben noch ermögliche. Die EZB habe sich mit einem Beobachtungsposten im irischen Finanzministerium eingenistet, ihre Vertreter dort würden schlicht «die Deutschen» genannt. Mit ihrem Engagement will die EZB gemäss Kelly eine weitere europaweite Bankenkrise unter dem Deckel halten. Aus diesem Grund haben die vom irischen Staat gestützten Banken im September noch 55 Milliarden Euro an ihre Gläubigerbanken in Grossbritannien, Deutschland und Frankreich zurückbezahlt. Damit ist laut dem irischen Ökonomen die letzte Chance für das Land vertan worden.
Nur bei einem Zins von unter zwei Prozent überlebensfähig
Für die ausländischen Banken hat sich damit das riskante Geschäft mit ihren irischen Partnern gelohnt, ebenso für die einstigen Topmanager der irischen Finanzinstitute, die sich an den einst üppig erhaltenen Boni und Löhnen noch immer erfreuen können. Ganz anders sieht es für die irischen Steuerzahler aus, die müssen die Suppe jetzt auslöffeln. Allein um die Schulden der Banken zurückzubezahlen, müsste Irland laut Morgan Kelly in den nächsten rund 6 ½ Jahren die gesamten Einkommenssteuern verwenden. Sein Fazit: Das Land ist schon jetzt bankrott. An den Finanzmärkten hat Irland schon jetzt denselben Schuldnerstatus wie die Ukraine oder Pakistan. Sowohl der Zins für die Staatsverschuldung wie auch die Prämie auf Kreditausfallversicherungen des Landes (CDS) befinden sich aktuell auf einem neuen Rekordstand.
Der Ökonom hat ausgerechnet, dass Irland angesichts seiner düsteren Wachstumserwartungen nur bei Schuldzinsen von unter 2 Prozent langfristig der Schuldenfalle entkommen könnte. Doch damit ist nicht zu rechnen. Im Gegenteil: Die EZB und die europäischen Politiker wollen Schuldnerländer mit hohen Zinsen bestrafen, um alle Länder davor abzuschrecken, je in eine ähnliche Lage zu kommen.
Das Schlimmste kommt noch
Der Ökonomieprofessor prophezeit der irischen Bevölkerung überdies bald eine zweite und schlimmere Krisenwelle. Momentan würden die Immobilienpreise nur deshalb nicht vollkommen einbrechen, weil die staatlich gestützten Banken weniger Hypothekarzinsen verlangen würden, als sie selber für das Geld bezahlen müssen. Wenn, wie geplant, die Kontrolle dieser Banken zur EZB übergehe, werde dieser Subventionshahn geschlossen. Hunderttausende von Hypothekarschuldnern wären dann überschuldet. Als Folge davon würde auch der Immobilienmarkt weiter einbrechen, was die Spirale nach unten verstärkt.
Laut Morgan Kelly haben diese Entwicklungen auch Konsequenzen für das politische Klima in Irland. Grosse Spannungen seien eine zu erwartende Folge: Erste Aufwallungen von verbreiteter Wut und Verzweiflung seien bereits wahrzunehmen. Der Ökonom erwartet, dass sich die irische Politik in die gleiche Richtung wie die Tea Party in den USA bewegt und die traditionellen Parteien durch Bewegungen der äussersten Rechten verdrängt werden.
Kelly beantwortet schliesslich in seinem Artikel auch die Frage, was man denn jetzt noch tun könne, um eine solche Entwicklung abzuwenden: nichts. «Wir können nur noch auf die Freundlichkeit von Fremden hoffen.»
(baz.ch/Newsnet)
Erstellt: 09.11.2010, 13:33 Uhr
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42 Kommentare
Und ich hab mir immer gewundert wieso jedes Jahr der Stau in der Rushhour mehr wurde und während es im Bus immer gemütlicher wurde. Scheinbar haben die Iren den wirtschaftlichen Aufschwung mal als erstes in ein Auto investiert. Nun also die Erkenntnis dass die Bäume also auch in Irland nicht in den Himmel wachsen. Vielleicht wachsen ja die Bäume in China in den Himmel? Antworten
Was in dem Artikel verschwiegen wird: Irland hat jahrzehntelang über die Verhältnisse gelebt, weil einziger massiver Bezüger von EU-Geldern. Seit einigen Jahren ist diese Quelle aber versiegt, und das Land hat die Nagelprobe, auf eigenen Füssen stehen zu müssen, schlichtweg nicht geschafft. Antworten
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