Wirtschaft

«Das ist doch die Angst von Verwöhnten»

Interview: Olivia Kühni. Aktualisiert am 08.06.2011 115 Kommentare

Der Stadtentwickler von Basel bezeichnet die Debatte um die Personenfreizügigkeit als «Gejammer» – und er sagt, mit welchen Vorurteilen hoch qualifizierte Ausländer in die Schweiz kommen.

«Das wahre Problem ist nicht die Zuwanderung, sondern die Tatsache, dass wir alle zusammen auf viel zu grossem Fuss leben»: Passagiere am Bahnhof Basel.

«Das wahre Problem ist nicht die Zuwanderung, sondern die Tatsache, dass wir alle zusammen auf viel zu grossem Fuss leben»: Passagiere am Bahnhof Basel.

Thomas Kessler leitet seit drei Jahren die Abteilung Kantons- und Stadtentwicklung im Präsidialdepartement des Kantons Basel-Stadt.

Von 1998 bis 2008 war Kessler Integrationsbeauftragter in Basel-Stadt. In dieser Funktion führte er unter anderem ein, dass Eltern bei einem Fernbleiben von Elternabenden mit Bussen bestraft werden.

Kesslers Kritik

In einem Aufsatz für das «Magazin» kritisiert Thomas Kessler, Leiter der Kantons- und Stadtentwicklung Basel-Stadt, einen zunehmenden «hysterischen Symbolismus» der Schweizer Politik.

Als Beispiele nennt Kessler das Verbot von Hochdeutsch in Zürcher Chindsgis, das Bauverbot von Minaretten sowie das laute Klagen über volle Züge, knappe Wohnungen oder gar Atomabhängigkeit als Folge der Zuwanderung.

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Herr Kessler, Sie kritisieren die Debatte um die Personenfreizügigkeit scharf (siehe Box). Was stört Sie daran, wenn über Schattenseiten der Zuwanderung gesprochen wird?
Diese Debatte ist nicht ehrlich, das stört mich. Den Menschen in der Schweiz geht es gut. Und die Einwanderer haben dafür gesorgt, dass wir diesen Wohlstand halten können.

Vielleicht geht es eben gerade nicht um den Wohlstand. Sondern darum, dass offene Märkte zwar Wohlstand bringen, aber auch mehr Ungleichheit, mehr Konkurrenz, eine veränderte Gesellschaft. Haben Sie kein Verständnis dafür, dass das den Menschen Angst macht?
Nein, das habe ich nicht. Schlecht informierte Personen kann man mit Propaganda ängstigen, von Hochqualifizierten darf man aber mehr erwarten. Das ist doch die Angst von Verwöhnten. Von Menschen, die der Wohlstand bequem gemacht hat. Das beste Beispiel sind Akademikerstellen: Ich höre von den Universitäten immer wieder, dass sie auf ausländischen Nachwuchs angewiesen sind, weil sie in der Schweiz die Leute nicht finden.

Das hat damit zu tun, dass akademische Bildung in der Schweiz nach wie vor einen relativ geringen Stellenwert hat im Vergleich zur Berufsbildung…
…vor allem ist es anstrengende Arbeit zu einem bescheidenen Lohn. Wir müssten ehrlicherweise mal über das Thema Tüchtigkeit sprechen und schauen, auf welchem Niveau über die neue Konkurrenz gejammert wird. Gerade die Akademiker waren lange Zeit stark geschützt auf ihren Posten. Bis vor kurzem mussten Ausländer das Land nach dem Diplom sogar wieder verlassen, um die einheimischen Akademiker nicht zu konkurrenzieren.

Als junger Hochqualifizierter hat man das nicht so erlebt, dass alles ganz bequem ist und man Stellen nach ihrem Erholungswert aussucht.
Das ist auch so: Die junge Generation war nie so verwöhnt. Sie kennt internationalen Konkurrenzdruck, Unsicherheit und Praktika. Sie weiss auch, wie es ihren Freunden in anderen Ländern geht, in Spanien oder Italien etwa, wo selbst Hochqualifizierte keine Arbeit finden. Die schlimmsten Jammerer sind die mittlere Generation, die goldenen Jahrgänge. Sie sind sich den eisigen Wind, den offene Märkte mit sich bringen, nicht gewohnt.

Ist denn die Rückkehr in eine weniger gehetzte Welt nicht möglich?
Nur zum Preis von Armut. Wenn wir die Grenzen schliessen, dann müssen beispielsweise unsere grossen Player hier in Basel das Land verlassen, weil sie nicht mehr wirtschaften können. Armut ist das beste Mittel, um die Bevölkerung zu reduzieren: Dann kommt niemand mehr ins Land, und alle jungen Leute ziehen weg. Das ist kein gutes Szenario. Das wissen auch jene, die jetzt angeblich aus der Personenfreizügigkeit aussteigen wollen, und deshalb wollen sie das gar nicht wirklich.

Viele befürchten, dass sich hoch qualifizierte, wohlhabende Zuwanderer nicht um die Gemeinschaft scheren, in der sie doch nur vorübergehend leben. Liegen sie falsch?
Für Basel kann ich das beantworten. Da stellen wir genau das Gegenteil fest, dass nämlich insbesondere die Frauen von Expats sich überdurchschnittlich in Nachbarschaftshilfe und Freiwilligenarbeit engagieren. Für Basel also liegen sie tatsächlich falsch.

Die Zahlen sagen etwas anderes. Sowohl in Ihrem Kanton als auch landesweit engagieren sich laut den statistischen Ämtern halb so viele Zuwanderer wie Schweizer in der Freiwilligenarbeit. Eine neue Studie von Ecos hat festgestellt, dass viele Expats in ihren Unternehmen isoliert sind, die Kinder an separate Schulen schicken und kein Deutsch verstehen.
Das stimmt. Das sind die Hindernisse, die einem Engagement für die Gemeinschaft im Weg stehen. Wir haben darum jetzt in Basel angefangen, die Expats an Welcome-Veranstaltungen darüber aufzuklären, dass die öffentlichen Schulen hier gut sind. Und dass Kinder hier problemlos allein mit dem Bus fahren können. Darüber wissen viele hochqualifizierte Ausländer nicht Bescheid. Wenn die Mütter nicht mehr länger Chauffeuse für ihre Kinder spielen müssen, setzen sie sich stärker in der Freiwilligenarbeit ein als Einheimische.

Woher wissen Sie das? Das sind die Erkenntnisse, die wir im Gespräch mit den Diversity-Managern der grossen Unternehmen gewonnen haben. Wir sind auch dabei, das zu erheben. Doch das Programm muss sich erst etablieren.

Selbst wenn wir mit dem gesellschaftlichen Umbruch zu leben lernen: Offene Grenzen vergrössern nicht nur die Ungleichheit, sondern auch den Ressourcenverschleiss. Der freie Boden wird tatsächlich knapp.
Ja, das ist so. Und wenn wir ehrlich wären, würden wir sagen: Das wahre Problem ist nicht die Zuwanderung, sondern die Tatsache, dass wir alle zusammen auf viel zu grossem Fuss leben. Jeder von uns verbraucht zu viel Energie, wir pendeln zu viel, wir brauchen zu viel Boden. Darauf sollte sich die Politik konzentrieren: konsequenter Umstieg auf erneuerbare Energien und Schutz der heute unbebauten Bodenflächen ausserhalb der Städte, Förderung des Home Office.

(baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 07.06.2011, 16:39 Uhr

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115 Kommentare

Matthias Steiner

08.06.2011, 11:04 Uhr
Melden 124 Empfehlung

Wie schön, dass Einer, der mit einem fetten Staatspöstchen, den ihm seine linksgrünen Freunde besorgt haben, über die "Verwöhnten" spotten darf. Man könnte ihn ja auch mal am freien Markt anpreisen, wo er sich gegen Ausländer durchsetzen müsste, und man könnte ihn mal in überfüllten Zügen pendeln lassen. Wir "Verwöhnten" ahnen wer hier wahrlich verwöhnt wird, und noch gar nichts begriffen hat. Antworten


Michael Giger

08.06.2011, 11:16 Uhr
Melden 86 Empfehlung

Was für ein Pharisäer!! Wein trinken und Wasser predigen. Selber in der warmen Stube von einer Top Pensionskasse und einem sicheren Arbeitsumfeld profitieren und den anderen den harten Wettbewerb verordnen. Meine Güte, wieviel müssen wir uns eigentlich noch von diesen sogenannten Staatsprofiteuren gefallen lassen? Antworten



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