Wirtschaft
«Das sieht nach einer freundlichen Behandlung grösserer Länder aus»
Interview: Bernhard Fischer. Aktualisiert am 10.11.2011 11 Kommentare
Zur Person
Professor Karl Aiginger (63) ist Vorstand des Wirtschaftsforschungsintituts (Wifo) in Wien. Er ist ausgebildeter Industrieökonom und lehrt an den Universitäten Wien, Linz sowie an der Wirtschaftsuniversität Wien.
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EU-Kommissar Olli Rehn droht den Ländern Belgien, Malta, Polen, Ungarn und Zypern mit einem Defizitverfahren. Italien und Frankreich aber nicht. Wissen Sie, warum?
Das sieht ein bisschen nach einer freundlichen Behandlung grösserer Länder aus. Eine ökonomische Begründung dürfte sein, dass gegen kleine Länder leichter spekuliert werden kann und dass grosse Banken relativ grössere Löcher in die Budgets reissen können, wenn sie in Schwierigkeiten geraten. Wie zum Beispiel in Zypern.
In grösseren Ländern nicht?
Grössere Länder sind im Vergleich weniger angreifbar und haben oft auch eine höhere Inlandsverschuldung. Da dieses Kriterium aber nicht in den EU-Programmen vorgesehen ist, dürften noch andere Gründe mitspielen.
Welche?
Zum Beispiel, dass die Anstrengungen zur Senkung des Budgetdefizits der Kommission nicht engagiert genug waren. Jedenfalls sind der Schuldenstand Italiens oder das laufende Defizit Frankreichs höher als in einigen der genannten Länder. Zudem haben Frankreich und Italien im Vergleich zu den erwähnten Ländern eine sehr starke inländische Kapitalbasis.
Haben wir in Europa nun eine Rezession oder nicht?
Ich erwarte im nächsten Jahr in der EU ein geringes Wachstum von 0,5 Prozent. Das hiesse, dass wir uns nicht in einer Rezession befinden. Nun könnte es aber sein, dass es in der EU dazu kommt, dass wir über ein oder zwei Quartale ein Minus sehen werden. Und das jedenfalls auch in dem einen oder anderen grossen EU-Land. Das würden manche wohl als Rezession bezeichnen. Gemäss US-amerikanischer Berechnung bräuchte es für eine Rezession wiederum mindestens zwei oder drei Quartale nacheinander. Was man aber sagen kann: Das Konjunkturwachstum ist von einer Aufwärtsbewegung klar zu einer Seitwärtsbewegung übergegangen. Und es besteht die Labilität, dass in einigen europäischen Ländern die Bewegung auch nach unten gehen kann.
Was würden Sie den Unternehmen raten?
Denen würde ich raten, sich auf eine Periode langsamen Wachstums einzustellen. In so einer Periode ist es aber wichtig, trotzdem weiter zu investieren und die Produkte zu verbessern. Denn auch bei einem Rückgang der Wirtschaftsleistung oder einem nur sehr leichten Plus braucht man die Forschung und qualifizierte Arbeitskräfte.
Wenn schon die Euroländer keinen Plan B haben, wie könnte der für die Unternehmen aussehen?
Die anderen Weltmärkte wachsen deutlich stärker. Sollte es in Europa etwas schlechter werden, würde ich einem Unternehmen empfehlen, sich noch stärker an den Wachstumsmärkten in Asien zu orientieren.
Wie sieht das kommende halbe Wirtschaftsjahr in Europa aus?
Die nächsten Monate sind von dem Unsicherheitsfaktor bestimmt, ob es Italien gelingen wird, unter den Rettungsschirm zu schlüpfen oder nicht. Die derzeitigen Wachstumsprognosen fussen darauf, dass Europa wettbewerbsfähig ist und die meisten Staaten auf den Weltmärkten Erfolge verbuchen und der Wirtschaftsraum insgesamt stärker wettbewerbsfähig ist als jener der USA, vor allem im Hinblick auf das US-Handelsdefizit. Der Nachteil für Europa ist nur die innenpolitische Unentschlossenheit einzelner Länder, das Fehlen einer koordinierten europäischen Wirtschaftspolitik und damit die Angreifbarkeit des jeweils augenblicklich schwächsten Gliedes. Während Spekulanten Kalifornien nicht angreifen können, gelingt das im Fall von Italien schon.
Österreich wird in den deutschen Medien zum Titel des Tages, dessen Triple A sei in Gefahr. Sehen Sie das auch so? Und heisst das, dass das Lauffeuer auch vor sogenannten Kernländern wie Deutschland nicht mehr Halt macht?
Österreich ist nicht in Gefahr. Der Budgetvollzug ist dieses Jahr besser als erwartet und das Wachstum ist das neunte Jahr in Folge höher als in der Europäischen Union, Österreich hat einen hohen Leistungsbilanzüberschuss. Ein gewisses Problem sind die ausserbudgetären Schulden und die Frage, ob das zum Schuldenstand dazugerechnet wird oder nicht. Dann steigt auch die Verschuldungsquote. Das gilt aber dann für viele andere EU-Länder. Bei einem Rating sollte daher auch die Wachstumsdynamik berücksichtigt werden und die stark gestiegene Forschungsquote sowie die Qualifikation der Facharbeiter und die Exporterfolge. Dringend ist aber, dass die langfristigen Kostentreiber wie für Infrastruktur und Krankenversorgung im Rahmen bleiben sollten. Daran arbeitet das Finanzministerium.
Wird die Schweiz früher oder später in den Sog der Eurokrise hineingerissen?
Ich glaube nicht. Die Wirtschaftsentwicklung in der Schweiz ist im Grunde sehr gut. Was dem Land bekanntlich zu schaffen macht, ist die Kursentwicklung der Landeswährung. Gleichzeitig hat die Schweiz ein ausgeprägtes Konsolidierungsbewusstsein. Die Kantone üben sich in Budgetdisziplin. Die Schweiz hat wenig Ballast in punkto Schuldenabbau zu tragen und eine exzellente Forschungsquote.
Wie könnte sich Europas Wirtschaft neu aufstellen?
Europa muss noch mehr zum Spezialitätenladen werden und auf den Weltmärkten reüssieren. Es kann nicht nur an der Wachstumsdynamik und dem Wachstum der Einkommen gemessen werden, sondern an der Wohlfahrtsentwicklung. Dazu zählen der soziale Zusammenhalt, eine niedrige Armutsquote sowie eine ökologische Vorreiterschaft. Verglichen mit den Modellen in den USA und in Asien entspricht das europäische Modell am ehesten dem Zielbündel eines wohlhabenden Landes, das nicht nur materielle, sondern auch soziale, kulturelle und ökologische Ziele hat.
Nähert sich die EU auf diesem Weg der Schweiz an?
Wenn Sie so wollen, ja.
Wird es bald einen Befreiungsschlag für die Eurozone und die EU geben?
Das wird ein längerer Prozess und es geht nicht nur um Italien. Die EU-Länder müssen alle sparen und die Union muss eine gemeinsame Wirtschaftspolitik einführen. Bildung und Forschung müssen aber gleichzeitig verstärkt werden, Doppelgleisigkeiten in der Administration dagegen abgebaut werden. Es muss also eine wachstumsbewusste Konsolidierung sein und zwar mit einer Doppelstrategie: das sind der Abbau von vergangenheitsorientierten Ausgaben und Investitionen in die Zukunft.
(baz.ch/Newsnet)
Erstellt: 10.11.2011, 14:19 Uhr
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11 Kommentare
Ich hab die Nase so voll von diesen allgegenwärtigen Keynesianern/Sozialingenieuren/Umweltlobbyisten... Wie wärs mal mit einem Interview mit einem Frank Schäffler, Philipp Bagus, Roland Baader, Thorsten Polleit, Jesus Huerta de Soto, Eamonn Butler, etc.? Antworten
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