Wirtschaft
«Das wirkliche Problem ist noch nicht gelöst»
Der Staat soll die Eigenkapital-Vorschriften verschärfen: Hans-Werner Sinn. (Bild: Keystone)
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«Die Banken sind noch lange nicht über dem Berg», sagt der Ökonom Hans-Werner Sinn im Interview mit der «Sonntagszeitung». «Das Finanzsystem liegt nach wie vor in Scherben.» Der grössere Teil der Abschreibungen, den die Wertverluste auf Papieren nötig machen, sei noch nicht verbucht. Die bisher in Europa abgeschriebenen 700 Milliarden machen laut dem Leiter des Münchener Ifo-Instituts für Wirtschaftsforschung gerade mal 42 Prozent der gesamthaft notwendigen Abschreibungen aus.
Eine grosse Gefahr sieht Sinn jetzt insbesondere in einer Kreditklemme. Die Wirtschaft laufe Gefahr, dass der Aufschwung abgewürgt werde. Die Banken hätten wegen Abschreibern Eigenkapital verloren, würden daher schrumpfen und entsprechend nur noch wenige, teure Kredite vergeben. «Die Finanzierung der für den Aufschwung nötigen Investitionen ist damit gefährdet.»
Schweiz stark betroffen
Auch wenn Banken und Politik nichts von einer Kreditklemme wissen wollten, es gebe sie. Das zeige sich an der der hohen Spanne zwischen Zinsen auf Ausleihungen und den viel tieferen Zentralbankzinsen. Gerade die Schweiz sei «in enormer Weise» von dieser Kreditklemme betroffen: «Der Abschreibungsverlust der Schweizer Banken relativ zum Sozialprodukt war der höchste auf der ganzen Welt nach den Bahamas.»
Sinn fordert eine Zwangskapitalisierung der Banken. Der Staat müsse die Banken zwingen, Eigenkapital aufzunehmen, indem sie Aktien ausgeben. Gebe es dafür keine Käufer, müsse er einspringen. Die Banken müssten mit diesem höheren Eigenkapital «in die Lage versetzt werden, mehr Kredite zu vergeben». Die derzeitig international empfohlene Kernkapitalquote von 4 Prozent sei zu tief.
Die Forderung der Schweizerischen Nationalbank nach kleineren Bilanzen sei hingegen der falsche Weg. «Jede Massnahme, die die Banken zwingt, die Bilanz zu reduzieren, ist absolut kontraproduktiv in dieser Krise», sagt Sinn der «Sonntagszeitung».
Staatsschulden als einzige Wahl
Als Folge einer Kreditknappheit befürchtet Hans-Werner Sinn eine langjährige Stagnation wie in Japan. «Wir brauchen dringend Massnahmen, die das verhindern.» Daher müsse sich der Staat weiter verschulden, fordert der Ökonom. «Man darf jetzt nicht meinen, wir können uns das nicht mehr leisten.»
«Wir haben keine andere Wahl, auch wenn die Staatsverschuldung wie ein Damoklesschwert über der Gesellschaft schwebe. «Denn es ist immer noch besser, den Kindern eine grosse Staatsschuld zu vererben, als ihnen abermals einen Scherbenhaufen zu hinterlassen.» Dies sei im Zuge der Finanzkrise 1929 geschehen, als die Staaten nicht intervenierten, die Wirtschaft zusammenbrach und «es politische Umwälzungen gab, die tatsächlich zum Scherbenhaufen geführt haben». (oku/sda)
Erstellt: 04.01.2010, 08:12 Uhr
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