Wirtschaft
«Der grösste Teil des Vermögens gehört den Rentnern»
Von Rita Flubacher. Aktualisiert am 24.09.2009 21 Kommentare
Martin Janssen ist Professor für Finanzmarkttheorie und Leiter der Ecofin-Gruppe. (Bild: Keystone)
Sie warnen, dass die neu gesprochenen Renten 30 bis 40 Prozent zu hoch sind. Malen Sie nicht zu schwarz?
Als das Obligatorium 1985 in Kraft trat, ergab ein Kapital von 100'000 Franken eine Rente von 7200 Franken. Heute leben die Männer nach der Pensionierung fast 4 Jahre länger, Frauen etwa 3 Jahre. In der gleichen Zeit haben sich die Zinsen halbiert. Und 100'000 Franken Kapital ergeben heute fast gleich viel Rente, nämlich 7000 Franken. Der Umwandlungssatz ist mit 7 Prozent viel zu hoch.
Wie tief muss er fallen?
Auf 5 oder 5,5 Prozent, wenn die Zinsen nicht wieder ansteigen.
Ist das politisch machbar?
Kaum. Nur wenige von denen, die in den nächsten Jahren in Pension gehen, verzichten freiwillig auf eine zu hohe Rente. Das ist aus Sicht des Einzelnen verständlich, obwohl es insgesamt unsinnig ist.
Das werden die Erwerbstätigen, die nächstens pensioniert werden, nicht gern hören.
Es ist noch schlimmer. Jeder neue Rentner erhält eine sichere Rente auf der Basis einer Verzinsung von 5 Prozent. Der Erwerbstätige bekommt nur 2 Prozent. Und bei einem Börsenabsturz trägt er seinen Verlust und jenen des Rentners. Das ist unfair und dumm.
Ändert sich nichts, weil die Lobby der Rentner zu stark ist?
Das Problem liegt anderswo. Alle, die Gewerkschaften und die Bürgerlichen, wissen genau, dass der Umwandlungssatz zu hoch ist. Wenn man in dieser Situation gegen eine moderate Senkung auf 6,4 Prozent eintritt, kann ich mir das nur mit der Absicht erklären, das Pensionskassen-System ausbluten zu wollen, um so den alten Traum einer umfassenden AHV zu realisieren. Ich fürchte mich vor einer Situation, wo das Produktionskapital nicht mehr aus der Zweiten Säule stammt, sondern von asiatischen Staatsfonds und russischen Oligarchen.
Gibt es Pensionskassen, die man nicht mehr sanieren kann?
Pensionskassen mit einem hohen Rentneranteil, die mit zu tiefer Lebenserwartung und zu hohen Zinsen rechnen und einen Deckungsgrad von 80 Prozent ausweisen, sind aus eigener Kraft nicht mehr zu sanieren. Würde man richtig rechnen, wüsste man, dass der grösste Teil des Vermögens, vielleicht sogar alles, den Rentnern gehört.
Warum macht man nicht reine Rentner- und reine Erwerbstätigenkassen?
Auf diese Weise könnte man mindestens den Geldtransfer von den jungen Erwerbstätigen zu den Neurentnern unterbrechen. Aber das ist politisch kaum machbar. Man würde nämlich feststellen, dass das Kapital nicht für alle reicht. Und dieses Problem hat man lieber später als heute.
Swisscanto schlägt vor, die Rente zweizuteilen.
Die Lösung ist nicht optimal, aber sicher besser als das, was heute getan wird. Eine andere Lösung wäre, dass der Rentner jene Mittel, die seine Grundversorgung übersteigen, nach eigenem Ermessen anlegen könnte. Er müsste dazu die Kasse nicht verlassen, sondern könnte von den Vorzugsbedingungen profitieren, welche die Kasse bietet.
Warum keine freie Wahl der Kassen?
Wenn das System intelligent und – ganz wichtig – genügend stark reguliert würde, spricht meines Erachtens nicht viel dagegen. Aber wir dürfen die Verantwortung des Arbeitgebers, die Transparenz und die Planbarkeit der Rente nicht über Bord werfen.
Wem nützt der Wettbewerb?
Den Versicherten über höhere Renten. Banken, Versicherungen und Berater würden zweifellos weniger verdienen als heute.
Mit Martin Janssen sprach Rita Flubacher
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 24.09.2009, 04:00 Uhr
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Ob bei den Renten, bei den Ressourcen, beim Staatshaushalt, beim Klima: Schamlos breichert sich unsere Generationen auf Kosten der Zukunft. Mal ein wenig kurzfristig, mal ein wenig langfristig. Wehren tut sich niemand. Die Rechnung wird aber präsentiert werden. Wohl noch zu Lebzeiten der Babyboomers. Antworten
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