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Derivate: Teufelszeug oder Wunderinstrument?
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Für die meisten Politiker in Europa sind Finanzderivate gefährliche Waffen, die Griechenlands Schuldenkrise verschlimmert haben und deshalb entschärft werden müssen. Für die Wall Street dagegen sind es Werkzeuge, die Risiken verringern, Profite abwerfen und die man am besten in Ruhe lässt. Derzeit versuchen Finanzaufseher auf beiden Seiten des Atlantiks herauszufinden, wer Recht hat und wie man am besten künftig mit Derivaten umgeht.
Auf dem Spiel stehen Milliardenprofite, die nach Einschätzung von Banken bei einem Übermass an Regulierung gefährdet wären. Befürworter strengerer Regeln halten dagegen, das gesamte globale Finanzsystem sei in Gefahr, solange Derivate grösstenteils unreguliert bleiben.
Derivate sind finanztechnische Instrumente, denen ein Basiswert zugrunde liegt, etwa Hypotheken oder Aktien. Besonders ins Gerede gekommen sind in jüngster Zeit im Zusammenhang mit der griechischen Schuldenkrise die Credit Default Swaps (CDS), eine Art von Kreditausfallversicherung. Mit CDS können sich Käufer von Anleihen gegen einen Bankrott des Gläubigers versichern.
EU droht mit Verbot
Im Fall Griechenlands und anderer Länder mit grossen Haushaltslöchern ist die Nachfrage nach solchen Ausfallversicherungen für Staatsanleihen wegen der angehäuften Schulden enorm gestiegen. Allerdings werden solche Derivate auch von Anlegern gekauft, die gar keine Anleihen der kriselnden Staaten besitzen. Die EU-Kommission drohte am Dienstag damit, den spekulativen Handel mit diesen Papieren zu verbieten.
CDS-Spekulanten setzten darauf, dass sie ihre Derivate wegen der wachsenden Sorge über die Staatsfinanzen mit Gewinn weiterverkaufen können. Je grösser die Angst vor einem Staatsboykott, desto höher der Gewinn. Problematisch ist dies deshalb, weil der mit der Nachfrage steigende Preis der CDS von den Märkten wiederum als Signal für ein höheres Ausfallrisiko der betreffenden Staatsanleihen interpretiert wird. Dadurch steigen wiederum die Zinsen, die kriselnde Staaten für dringend benötigte neue Kredite zahlen müssen.
Die Finanzaufseher in den USA haben Forderungen nach einer Einschränkung des Derivatehandels bislang stets zurückgewiesen. Sie wollen lediglich eine Regulierung, keine Eindämmung.
Lockere Regeln locken Investoren an
Eine Koordination des weltweiten Derivatehandels zwischen den einzelnen Wirtschaftsblöcken ist von entscheidender Bedeutung. Werden die Regeln in den USA, Europa und Asien nicht aufeinander abgestimmt, werden die Investoren dahin gehen, wo die Regeln am lockersten sind, und ihr Geld mitnehmen.
Gary Gensler, der Leiter der Commodity Futures Trading Commission (CFTC) in den USA, sprach sich vor kurzem zwar für eine Regulierung des weltweiten Finanzderivatemarktes aus, der ein Gesamtvolumen von rund 600 Milliarden Dollar hat. Mit einer Beschränkung des Handels, wie in Europa gefordert, wollte er sich aber nicht anfreunden. Und Ausnahmeregelungen für die besonders verpönten Kreditausfallpapiere will Gensler gleich gar nicht.
Zusammenarbeit funktioniert gut
CDS machen etwa ein Zehntel des gesamten Derivatemarktes aus. Die von Gensler geleitete CFTC ist eine unabhängige Behörde, die vom Kongress geschaffen wurde, um den Warenterminhandel zu beaufsichtigen.
Die Zusammenarbeit zwischen den Finanzaufsehern in den USA und Europa funktioniert nach Genslers Worten trotz der Meinungsunterschiede gut. «Ich bin zuversichtlich, dass wir zum Schluss ungefähr am gleichen Punkt stehen werden.»
Die mächtige Finanzbranche in den USA will zwar mehr Transparenz im Derivatehandel zulassen, lehnt Verbote aber entschieden ab. Wenn man Derivate für die Probleme Griechenlands verantwortlich mache, sei das so, als würde man den Überbringer der schlechten Botschaft erschiessen, sagt die Branche.
«Dem Spiegel Schuld fürs eigene hässliche Gesicht geben»
Einige Finanzexperten werfen Griechenland vor, lieber den Handel mit Kreditausfallversicherungen anzuprangern als seine verschwenderischen Staatsausgaben und seine Versuche, die tatsächliche Verschuldung zu verschleiern, einzugestehen. Die Citigroup verglich Griechenlands Standpunkt mit einer Person, die «dem Spiegel die Schuld für ihr eigenes hässliches Gesicht gibt». Ähnlich bringt es auch der US-Finanzwissenschaftler Darrell Duffie von der Universität Stanford auf den Punkt: «Kreditausfallversicherungen haben Griechenlands Probleme nicht verursacht. Griechenland hat Griechenlands Probleme verursacht.» (jak/ddp)
Erstellt: 11.03.2010, 17:12 Uhr
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