Wirtschaft
Deutschlands klügster Professor als Rattenfänger
Von Philipp Löpfe. Aktualisiert am 06.07.2012 115 Kommentare
«Hans-Werner Sinn stellt sich einmal mehr an die Spitze eines Protestzugs von deutschen Ökonomen gegen Europa»: Philipp Löpfe.
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Der EU-Krisengipfel wird von den meisten Ökonomen zwar nicht als ein Durchbruch, aber immerhin als ein kleiner Schritt in die richtige Richtung gewertet. Typisch etwa das Verdikt von Martin Wolf, Chefökonom der «Financial Times»: «Nützliche Schritte sind gemacht worden. Der wichtigste davon sind die Abmachungen, die es erlauben, dass die europäischen Rettungsfonds den unterkapitalisierten Banken direkt helfen können», schreibt der einflussreichste Wirtschaftsjournalist der Welt. Doch nicht alle Ökonomen sind wohlwollend gestimmt. In Deutschland gehen 160 Wirtschaftsprofessoren auf die Barrikaden gegen eine befürchtete Bankenunion. Angeführt werden sie von Hans-Werner Sinn, dem Leiter des Ifo-Instituts in München. Er sieht in diesen Beschlüssen den Anfang einer katastrophalen Entwicklung, unter der noch «unsere Kinder und Enkel leiden werden».
Dass Hans-Werner Sinn sich an die Spitze dieses akademischen Saubannerzuges gegen Brüssel stellt, ist kein Zufall. Er pflegt sich immer wieder mit pointierten Voten in die politische Diskussion einzuschalten und ist ein gern gesehener Dauergast verschiedener TV-Talkshows. Dabei scheint es niemanden zu kümmern, dass seine Prognosen in der Vergangenheit meilenweit von der Wirklichkeit entfernt lagen.
2003 hat Sinn ein Buch unter dem Titel «Ist Deutschland noch zu retten?» veröffentlicht. Das Fragezeichen ist rhetorisch zu verstehen. Sinn beschreibt darin ein Deutschland, das seine internationale Wettbewerbsfähigkeit verloren und ohne drastische Massnahmen – beispielsweise eine Lohnkürzung der Arbeitnehmer um 30 Prozent – verloren ist. Trotzdem wurde das Buch ein Bestseller und hat die Diskussion der deutschen Wirtschaftspolitik über Jahre massgebend geprägt. Aus heutiger Sicht liest es sich wie ein schlechter Witz: Sinn preist darin etwa die dank der Thatcher-Reformen vorbildlich aufgestellte Wirtschaft Englands und beklagt den scheinbar unvermeidbaren Abstieg der deutschen Wirtschaft. Ein paar Jahre später war Deutschland Exportweltmeister und heute ist es wieder die stärkste Wirtschaftsmacht des Kontinents. Grossbritannien hingegen ist einmal mehr der kranke Mann Europas.
Hans-Werner Sinn hatte postwendend eine Erklärung für seine missglückte Einschätzung. Er anerkannte die deutschen Exporterfolge, stellte sich aber als Schein-Erfolge dar, als Resultat einer «Basar-Ökonomie». Der grösste Teil dieser Exporte würde gar nicht mehr in Deutschland hergestellt, argumentierte er, sondern von Billigländern importiert und leicht veredelt wieder exportiert. Sinn sprach nun von krankhaften Exporterfolgen. Als Beispiel führte er etwa den erfolgreichen Porsche Cayenne ins Feld, der in Wirklichkeit nicht in Deutschland, sondern in der Slowakei hergestellt werde. Die «Basar-Ökonomie»-These kam schlecht an. Selbst der mehrheitlich konservative Rat der Weisen – fünf Ökonomen, die die Bundesregierung beraten – zeriss Sinns Theorie in der Luft.
In der Eurodiskussion tritt Sinn ebenfalls immer wieder mit spektakulären Thesen an die Öffentlichkeit. So hat er jüngst in der «New York Times» den Amerikanern vorgerechnet, dass Deutschland den Griechen Unterstützung in einem Umfang hätte zukommen lassen, der ein Vielfaches über dem liegt, was der berühmte Marshallplan, also die US-Anschubhilfe für Europa nach dem Zweiten Weltkrieg, geleistet hat. Das ist eine Teilwahrheit, um es freundlich auszudrücken. Man könnte es auch als raffinierte Lüge bezeichnen.
Albrecht Ritschl, ein an der London School of Economics lehrender deutscher Wirtschaftshistoriker, hält in einem Blogbeitrag des «Economist» fest, dass die Anschubhilfe an Deutschland damals tatsächlich relativ klein war, dass jedoch gar nicht diese Anschubhilfe der entscheidende Punkt des Marshallplans war, sondern der ebenfalls damit verbundene Schuldenerlass. Dieser gewaltige Schuldenerlass war die Voraussetzung für das deutsche Wirtschaftswunder. Die Amerikaner wollten damit eine Wiederholung der Fehler der Versailler Verträge verhindern, was ihnen auch gelang. Ironischerweise befinden sich heute die Defizitländer in einer in mancher Hinsicht vergleichbaren Situation wie damals Deutschland, und Hans-Werner Sinn ist der Wortführer derjenigen, die eine Lösung à la Marshallplan verhindern wollen.
Hans-Werner Sinn ist ein brillanter Ökonom und ein blendender Schreiber. Die «Bild»-Zeitung hat ihn einst als Deutschlands «klügsten Professor» bezeichnet. Er ist kein Stammtischpolterer, sondern verkleidet seine These in teils komplexe, ökonomische Zusammenhänge, die er meisterhaft aneinanderreiht. Das macht ihn glaubwürdig, selbst dann, wenn seine Thesen nicht mit der Realität übereinstimmen. Deshalb ist Deutschlands klügster Professor auch der gefährlichste Rattenfänger. (baz.ch/Newsnet)
Erstellt: 06.07.2012, 12:08 Uhr
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115 Kommentare
sinn hat vor zehn jahren vorausgesagt, was dank euro-einführung ohne fiskalunion passieren wird. das hat den linken phantasten nicht gepasst. keine wunder hauen in die EU-anbeter bei jeder gelegenheit in die pfanne - auch wenn die argumente hanebüchend sind. Antworten
Gerade erst vor ein paar Tagen gelesen wie Island sich UND seine Bürger saniert hat und eine 180 Grad Kehre weg von den Neoliberalen Dogmen durchgezogen hat. Resulat, hervorragende Ergebnisse für das Land UND die Bürger. Die Wege dazu, alles anders gemacht als es uns der IMF und andere Neoliberale Blender inkl. Merkel und deren Berater die ganze Zeit vorlügen. Konsequent linke Ideen, Konzepte :-) Antworten
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