Wirtschaft
Deutschlands neuer Siegfried
Eine Analyse von Philipp Löpfe. Aktualisiert am 26.09.2012 31 Kommentare
Dossiers
Artikel zum Thema
- Was Finanzexperten vom brisanten S&P-Papier halten
- Führt die Schweiz einen Währungskrieg?
- S&P: Nationalbank trägt zu Ungleichgewicht in Europa bei
- Der Standhafte
- Die Weisheit, nichts, aber auch gar nichts zu tun
- 7:1 für Barcelona, 10:0 für Berlin
Teilen und kommentieren
Stichworte
Korrektur-Hinweis
Melden Sie uns sachliche oder formale Fehler.
Um seine Geldpolitik zu verteidigen, greift Jens Weidmann neuerdings auf die Klassiker zurück. In einer Rede vor dem Institut für bankhistorische Forschung zu den Gefahren des Papiergelds zitierte er kürzlich Goethes «Faust». «Ich schaffe, was ihr wollt und schaffe mehr», verspricht dort Mephisto dem von Geldnöten geplagten Kaiser, selbstverständlich ohne ihn darüber aufzuklären, dass er sich damit auf einen gefährlichen Abhängigkeitspfad begeben wird.
Es ist kein Zufall, dass sich Weidmann mit Goethe-Zitaten schmückt. Der Präsident der Bundesbank (Buba) wird immer mehr zum klassischen Helden der konservativen deutschen Euroskeptiker. Diese haben dem Euro nur unter der Bedingung zugestimmt, dass die einzelnen Mitglieder unabhängig bleiben und sich nicht gegenseitig aus der finanziellen Patsche helfen. So ist Weidmann etwa expliziter Gegner des Draghi-Plans, die kriselnden Euroländer mittels Staatsanleihenkäufen zu stützen.
Stabile Währung und Wohlstand
EZB-Ratsmitglied Weidmann sieht die Aufgabe der europäischen Notenbank primär darin, stabiles Geld zu garantieren und Inflation zu verhindern. Er bekräftigt immer wieder: «Unsere Aufgabe ist es, den Euro im Rahmen unseres Mandats als stabile Währung zu erhalten», betont er so auch in einem Interview mit der NZZ. Er sieht die Rolle der EZB als Retterin des Euro beschränkt: «Das Mandat der Notenbanken findet seine Grenzen.»
Weidmanns Wort hat Gewicht: Die Buba ist in Deutschland eine der am meisten respektierten Institutionen. Sie gilt als Hort der Stabilität, die den Menschen eine stabile D-Mark und damit Wohlstand gebracht hat.
In den USA hat die Notenbank weitergehende Aufgaben: Das Federal Reserve System (Fed) muss nicht nur wie die Buba für Geldwertstabilität sorgen, sondern auch für Vollbeschäftigung. In einer Wirtschaftskrise hat dies Folgen, das Fed kann sich nicht mehr einzig auf die Bekämpfung der Inflation beschränken.
Vom Modell Buba zum Modell Fed
Das führt zu einer anderen Politik der Zentralbank. Sie stabilisiert nicht mehr die Inflation, sondern das nominale Bruttoinlandprodukt (BIP). Der renommierte Experte und Buchautor Wolfgang Münchau erklärt dies in der «Financial Times» wie folgt: «Das nominale BIP kann man sich als die Summe des realen BIP plus Teuerung vorstellen. Wenn das reale Wachstum fällt, dann muss die Zentralbank die Inflation anheizen. Umgekehrt muss sie die Inflation viel stärker bekämpfen, wenn das reale Wachstum steigt.»
Die Wirtschaftskrise hat dazu geführt, dass die EZB sich allmählich vom Modell Buba zum Modell Fed hin entwickelt hat. Um den Verlust des realen Wachstums zu kompensieren – weite Teile von Euroland befinden sich bereits in einer Rezession – ist die EZB daher bereit, ein gewisses Mass an Inflation zuzulassen. Allein der Gedanke daran löst in konservativen Kreisen Deutschlands Panik aus. Diese Kreise haben das angelsächsische Modell der Zentralbank niemals akzeptiert und dulden keine Abweichung vom Ideal der Buba. Für sie ist daher Jens Weidmann so etwas wie ein moderner Siegfried geworden, der mit übermenschlichen Kräften versehenen Figur der Nibelungensaga.
Kein Platz für Feinheiten
Angela Merkel hingegen hat einen Sinneswandel durchgemacht. Die Kanzlerin lässt ihren einstigen Zögling Weidmann im Regen stehen. Sie hat sich auf die Seite von Mario Draghi geschlagen und unterstützt ihn in seinem Versprechen, alles Nötige zu unternehmen, um den Euro zu retten. Finanzminister Wolfgang Schäuble teilt diese Einschätzung und wirft Weidmann vor, mit seiner Kritik die Glaubwürdigkeit der EZB zu unterhöhlen. Der Buba-Präsident gibt sich unbeeindruckt: «Die Öffentlichkeit ist aufgeklärt, sie verdient Offenheit», sagt er in der NZZ. «Es bringt gar nichts, Dinge schönzureden.»
Am Stammtisch ist kein Platz für die Feinheiten der Zentralbankpolitik. Der Streit zwischen Regierung und Buba macht eine ohnehin schon sehr schwierige Situation noch komplexer. Weidmann eröffnet eine neue Front gegen die Regierung, und er weiss, dass er eine Mehrheit der Deutschen hinter sich hat. Deshalb gibt er sich gelassen: «Für mich ist Rücktritt keine Option», sagt er, «denn ich bin überzeugt, dass ich mich in der jetzigen Position am besten für einen stabilen Euro einsetzen kann.»
Erstellt: 26.09.2012, 16:10 Uhr
Kommentar schreiben
Verbleibende Anzahl Zeichen:
31 Kommentare
Jens Weidmann ist für mich derzeit der einzig fähige Notenbanker - der einzige welcher dem deutschen Volk sagt was Sache ist! Nur eine Frage der Zeit, bis er zum "deutschen Wilhelm Tell" avanciert - er muss nur noch etwas warten, bis der neue Gessler in der EZB sich zuweit in die Hohle Gasse vorwagt.;-)! Antworten
Weidmann hat absolut recht mit der Aussage, dass die EZB inzwischen für die Politik einspringt. Die Politiker können sich weder zu Eurobonds noch zu einem Schuldentilgungsfonds durchringen, sie können sich nur noch gerade dazu durchringen, dass die EZB das nötige unternimmt., damit dass das Vertrauen in den Euro nicht völlig verloren geht. Merkel und Co. meiden bleiben lieber bedeckt. Antworten
Wirtschaft
Abopreise vergleichen
Der Handy-Abovergleich mit Ihrem gewünschten Mobiltelefon und Prepaid-Angeboten.
Jetzt wechseln und sparen
Finden Sie in nur fünf einfachen Schritten die optimale Fahrzeugversicherung.
Flugpreise vergleichen
Vergleichen Sie die Flugpreise von verschiedenen Reiseanbietern und finden Sie das beste Angebot.

Bitte warten






















