Wirtschaft
Die Eurokrise bedroht US-Finanzbranche
Von Markus Diem Meier. Aktualisiert am 21.11.2011 22 Kommentare
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Schaut man sich die Börsenkurse von Banken in Europa und den USA seit der Finanzkrise anhand von aggregierten Indexdaten an, so zeigt sich: Der Börsenwert der Institute entwickelt sich praktisch parallel. Der wichtigste Grund dafür ist vor allem die enge Verflechtung der Banken Europas mit jenen in den USA. Im Zuge der Eurokrise wird das zunehmend als besonders gefährlicher Ansteckungsmechanismus für die gesamte Weltwirtschaft betrachtet.
Was drohen kann, hat im Oktober etwa die Morgan Stanley erfahren. Allein das auf einem Finanzblog kolportierte Gerücht, die Investmentbank sei übermässig stark in französischen Banken engagiert, liess deren Aktie innert zwei Handelstagen um mehr als 17 Prozent abstürzen. Offene Positionen gegenüber europäischen Banken oder Anleihen von Euroländern haben in den USA mittlerweile fast schon den Ruf von toxischen Papieren. Auch der Bankrott der Investmentbank MF Global im Oktober geht unter anderem auf Fehlspekulationen in europäische Staatsanleihen zurück. Aber nicht nur durch die Anlagen von US-Banken in Europa besteht ein Risiko. Eine Gefahrenquelle sind auch die in den USA mit dem dortigen Finanzsystem verhängten europäischen Grossbanken.
Das Beispiel Deutsche Bank
In einem Kommentar der internationalen Finanznachrichtenagentur Bloomberg weist heute Simon Johnson auf die diesbezüglichen Gefahren hin. Der einstige IWF-Chefökonom und heutige Wirtschaftsprofessor und Verfasser eines Grundlagenwerks zur Finanzkrise geht dabei gesondert auf die Deutsche Bank und ihr Engagement in den USA ein. Allein die in den USA tätige Tochter des deutschen Instituts Taunus Corporation ist mit einem Wert ihrer Anlagen von 380 Milliarden Dollar auf Platz 8 aller amerikanischen Bankholdings.
Laut Johnson beläuft sich der Hebel der Bank (Leverage) auf 44. Das heisst, die Anlagen der Bank entsprechen dem rund 44-Fachen ihres Eigenkapitals. Verlieren ihre Anlagen insgesamt also mehr als 2,3 Prozent an Wert, ist die Deutsche Bank pleite. Die gängige Kapitalbetrachtung lässt die Banken allerdings besser aussehen, weil hier nicht die gesamten Anlagen gemessen werden, sondern diese mit Risikogewichtungen in die Eigenkapitalanteilberechnung eingehen. Staatsanleihen zum Beispiel gelten hier als risikolos.
Ein Leverage von 78
Wie Johnson schreibt, machen deutsche Papiere vermutlich den grössten Teil der Staatsanleihen in der Bilanz der Deutschen Bank aus. Sie geniessen immerhin noch den Ruf von höchst sicheren Anlagen. Doch auch signifikante Bestände an italienischen und französischen Anleihen vermutet der Ökonom in der Bilanz des grössten deutschen Geldinstituts. Für besonders gefährlich hält Johnson aber die geringe Eigenkapitalausstattung der US-Tochter Taunus Corporation. Hier belaufen sich die gesamten Anlagen (nicht risikogewichtet) laut seinen Angaben auf das 78-Fache der Eigenmittel.
Bisher sind die US-Aufsichtsbehörden davon ausgegangen, dass eine starke internationale Bank im Hintergrund ausreicht, um sich um ihre schwach kapitalisierten Töchter nicht allzu viel Sorgen zu machen. Jetzt scheinen sie sich laut dem Ökonomen neu zu besinnen. So forderten die Behörden von Taunus rund 20 Milliarden Dollar an zusätzlichem Kapital, um den amerikanischen Standards zu genügen.
Die Sorgen in den USA um die europäischen Banken werden noch verstärkt durch ein Misstrauen gegenüber den Aufsichtsbehörden auf dem alten Kontinent. Immerhin haben die schon zwei Stresstests durchgeführt und dabei selbst eine Bank wie Dexia für ungefährdet erklärt, obwohl sie im Herbst einbrach. Dexias Kapitalkennzahlen übertrafen sogar jene der Deutschen Bank. Gewichtungen für das Risiko von Bankanlagen werden aber nicht nur wegen des Misstrauens gegenüber Europa angezweifelt: Die USA haben in der eigenen Finanzkrise selbst erlebt, wie wenig diese im Notfall taugen.
Nettowerte unterschätzen die Gefahren
Auch eine neue Studie des Ökonomen Hyun Song Shin von der renommierten amerikanischen Princeton-Universität verweist auf grosse Ansteckungsgefahren, die von europäischen auf US-Banken ausgehen. Der Ökonom verweist darauf, dass insbesondere die Nettobetrachtung, wo Schulden und Guthaben gegeneinander verrechnet werden, das wahre Ausmass der Ansteckungsgefahren unterschätzt.
Die Ängste in den USA verschärfen umgekehrt die Lage in Europa und machen einen Ausfall von europäischen Banken und die Zahlungsunfähigkeit von gefährdeten Ländern wahrscheinlicher. Denn wenn kaum mehr jemand den Banken oder den Ländern noch Geld leiht und wenn, dann nur noch zu sehr hohen Zinsen, dann verstärkt das den ohnehin schon vorhandenen Teufelskreis. Umgekehrt führen Bank- und Staatspleiten unweigerlich auch zu einer weiteren Finanzkrise in den USA. Kein Wunder, verlaufen die Aktienkurse der Banken in Europa und den USA weitgehend parallel. (baz.ch/Newsnet)
Erstellt: 21.11.2011, 15:46 Uhr
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22 Kommentare
Irgendwie scheint da jemand etwas nicht zu vestehen, und vor allem Amerikas Manager und Börsianer nicht. Sie suchen immer noch den Schuldigen ausserhalb ihres Landes des begrenzten Unmöglichkeiten. Der Unsinn ist nach wie vor Amerika, viel zu viele Immobilien sind masslos überbewertet und auch die Firmen, die gar nichts produzieren haben in Wirklichkeit NULL Wert. Da kann sich die EU sehen lassen. Antworten
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