Die Europäische Zentralbank droht mit der Atombombe

Der Euro ist einmal mehr auf Talfahrt. Grund ist ein wüster Streit zwischen der Europäischen Zentralbank (EZB) und der Politik.

Will nichts von Umschuldung Griechenlands hören: Jean-Claude Trichet.

Will nichts von Umschuldung Griechenlands hören: Jean-Claude Trichet.

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Der Präsident der EZB, Jean-Claude Trichet, ist ein stolzer und eitler Mann. Als jüngst in einer Sitzung mit der EU-Kommission ein Mitglied es auch nur wagte, eine Umschuldung Griechenlands zur Diskussion zu stellen, stürmte Trichet wutentbrannt aus dem Sitzungssaal.

Die EZB lässt es aber nicht beim wortlosen Protest bewenden. Sie erpresst die Politik mit einer sehr realen Drohung: Sollte die EU auch nur an eine Umschuldung Griechenlands denken oder die Laufzeit der Schulden verlängern wollen – das wäre das sogenannte Reprofiling –, dann würde er, Trichet, sofort den Stecker herausziehen. Will heissen: Ab sofort würde die EZB keine griechischen Staatspapiere als Sicherheit mehr akzeptieren. Damit wäre Griechenland von der Liquidität abgeschnitten und pleite. Europa stünde damit wahrscheinlich vor einen Welle von Bankenpleiten. «Trichet hat damit die Atom-Option gewählt», sagen die Experten.

Gewaltige Buchverluste

Warum gibt sich Trichet so stur? Es geht ihm ein bisschen wie Philipp Hildebrand, dem Präsidenten der Schweizerischen Nationalbank, mit dem Euro: Um das System zu stützen, hat die EZB sehr viele griechische Staatsanleihen in ihre Bücher aufgenommen. Inzwischen sollen es mehr als 45 Milliarden Euro sein. Dazu kommen noch rund 150 Milliarden Euro an Wertschriften, die die EZB von griechischen Banken als Kollateral akzeptiert hat. Auf diesen Papieren hat die EZB gewaltige Buchverluste eingefahren. Bei einer Restrukturierung der griechischen Schulden müsste sie diese Verluste realisieren und gewaltige Abstriche am Eigenkapital machen. Das will Trichet auf jeden Fall vermeiden.

Trichet wird heute das Opfer seiner Taten vor einem Jahr. Damals hat er eingewilligt, solche Papiere vorübergehend als Sicherheiten zu akzeptieren. Das hat zu einem wüsten Streit mit dem damaligen Präsidenten der deutschen Bundesbank, Axel Weber, geführt. Weber ist inzwischen von seinem Posten zurückgetreten. Jetzt sitzt Trichet in der Falle: «Es geht der EZB wie vielen im Bankensystem: Sie wollen keine Umschuldung, weil ihre Verluste zu gross wären», sagt der Genfer Finanzprofessor Charles Wyplosz.

Die Politiker sind umgekehrt genauso in der Falle. Die Alternative zur Umschuldung sind neue Hilfspakete, denn wer darauf wartet, dass sich Griechenland aus eigener Kraft aus dem Sumpf ziehen kann, der geht besser für längere Zeit in die Ferien. (Hawaii sei noch hübsch.) Hilfspakete den deutschen und skandinavischen Wählern zu verkaufen, ist unmöglich geworden. Deshalb zeichnet sich ein Patt zwischen der Politik und der EZB ab: Beide Seiten wollen und können sich nicht bewegen. Doch dieses Patt verunsichert die Märkte. Solange es bestehen bleibt, wird der Euro unerbittlich weiter fallen.

(baz.ch/Newsnet)

(Erstellt: 27.05.2011, 16:28 Uhr)

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