Wirtschaft
Die Grossbanken wollen nichts lernen
Von Rudolf Strahm*. Aktualisiert am 10.10.2009 5 Kommentare
«Verunreinigte Hörnli werden anstandslos zurückgenommen»: Rudolf Strahm. (Bild: Keystone)
Artikel zum Thema
«Mit unvorstellbaren Milliardensummen in astronomischer Höhe ist vor ziemlich genau einem Jahr das Bankensystem vor dem Zusammenbruch gerettet worden. Millionen von Menschen, die weltweit ihre Arbeit als Folge der Krise verloren haben, werden noch jahrelang die Konsequenzen tragen. Und es wird eine Generation dauern, bis weltweit die Staatsdefizite, die in den grossen Nationen zur Rettung der Banken und zur Konjunkturstützung entstanden sind, durch die Steuern des Volkes wieder finanziert sind.
Die wirtschaftspolitischen Feuerwehren haben ihre Rolle beim Brandlöschen recht erfolgreich gespielt. Seither ist kein weiterer Brand ausgebrochen. Aber nun steht die viel schwierigere Aufgabe der Brandverhütung bevor. Das ist die Aufgabe der Regierungen und der Parlamente. Konkret geht es darum, den international tätigen Banken höhere Eigenmittel vorzuschreiben. Denn Eigenmittel sind die wichtigsten Puffer in einer Krise.
Am Abgrund
Die UBS hatte bekanntlich vor ihrem Absturz 2008 nur Fr. 1.60 Eigenmittel auf 100 Franken Bilanzsumme. Man stelle sich das vor: Mit nur Fr. 1.60 an eigenen Mitteln hatte sie Fr. 98.40 entgegengenommen und wieder ausgeliehen. Kein Wunder, dass der erste Kreditschock die Grossbank an den Abgrund brachte und sie nur dank Staatskrücken überlebte. Die Credit Suisse übrigens hatte vor dem Crash nicht viel mehr Eigenkapital, nämlich nur Fr. 2.90 Eigenmittel auf 100 Franken Bilanzsumme, während die Regionalbanken und Raiffeisenkassen mit 8 auf 100 Franken mehr als doppelt so sicher waren.
Jeder kleine Unternehmer greift sich an den Kopf, wenn er diese Zahlen hört. Denn in der Realwirtschaft braucht es 20, 30 oder mehr Prozent Eigenmittel, wenn man überhaupt mit einem Geschäft starten will. Heute besteht praktisch Konsens unter den unabhängigen Fachleuten von links bis rechts, dass man den grossen, international tätigen Banken mehr Eigenkapital vorschreiben muss, damit in der nächsten Finanzkrise mehr Finanzpuffer vorhanden sind, damit der Staat nicht gleich wieder Finanzkrücken liefern muss. Die Konferenz der G-20 hat dazu historische Entscheide gefällt.
«Staatlicher Aktivismus»
Doch die Grossbanken haben eine andere Logik und eine andere Kultur: Sie wissen, dass man sie wegen der grossen Kreditverflechtung gar nicht sterben lassen kann, dass man sie bei einer Krise von Staates wegen auf jeden Fall rettet, weil das Prinzip gilt: «Too big to fail» – zu gross zu sterben. Gerade weil sie dies wissen und damit rechnen, wollen sie jetzt dort weiterfahren, wo sie vor dem Absturz stecken geblieben sind. Schon ein Jahr nach dem Crash kommen nun die Grossbanken und ihre Lobbyisten. Sie warnen vor dem «staatlichen Aktivismus», wie sie die strengeren Finanzmarktregeln abschätzig bezeichnen, sie widersetzen sich strengeren Eigenmittelvorschriften und polemisieren gegen Boniregeln.
In den letzten Wochen haben die Credit-Suisse-Chefs eine Medienkampagne auf allen Kanälen gegen höhere Eigenmittelvorschriften orchestriert. Der CS-Verwaltungsratspräsident, der CS-CEO, dann der CS-Schweiz-Chef, alle drohten gegen Eigenmittelvorschriften, gegen Boniregeln, gegen «Alleingänge bei der Regulierung». Bereits vor dem Bankenkollaps vor einem Jahr hatte die CS ihre Lobbymaschinerie in Bundesbern eingesetzt, nachdem der Nationalbank-Vizepräsident Philipp Hildebrand mit der Forderung nach 5 Prozent Eigenmitteln in der Bilanzsummen an die Öffentlichkeit getreten war. Heute, nach der Krise, sind es bei der UBS etwa 3,5 und bei der CS 4,5 Prozent. Die Grossbanken sind, gemessen am Eigenkapitalanteil (der sogenannten Leverage Ratio), die unsichersten des Landes. Ich bin heute der Meinung, dass die Überwachung der Eigenmittelvorschriften für Grossbanken an die Schweizerische Nationalbank übergehen sollte. Sie ist unabhängiger, durchsetzungsfähiger und fachlich kompetenter als die befangene Finma.
Wir haben in unserer Volkswirtschaft quasi zwei Geschäftskulturen nebeneinander: eine Art Garantiekultur in der produzierenden Realwirtschaft und eine Täuschungskultur in der Finanzwelt.
Zur Realwirtschaft: Wenn bei der Migros oder Coop die Hörnli oder irgendein Produkt verunreinigt sind, werden diese anstandslos zurückgenommen, und es wird eine Untersuchung eingeleitet. Wenn ein Haushaltgerät oder Elektronikartikel nicht funktioniert, gehört anstandsloser Ersatz oder Reparatur zur Konsumkultur. Wenn ein Bauhandwerker Mängel produziert, wird er haftbar und korrigiert diese. Und jeder schweizerische Exporteur übernimmt die Garantieleistung für seine Produkte auch im Ausland und schickt den Monteur zur Reparatur hintennach. Die Garantie- und Haftungspraxis hat sich in der Geschäftskultur der Realwirtschaft in den letzten Jahren, nicht zuletzt wegen des EU-Konsumentenrechts, ausgeweitet.
Und in der Banken- und Finanzwelt? – Dort erleben wir den gegenläufigen Trend: Immer mehr Risiko wird auf den Kunden überwälzt, auf den Anleger, die Pensionskassen und – wenn alles nicht mehr hält – auf den Staat und Steuerzahler. Immer mehr Anlageformen (sogenannte innovative Finanzmarktinstrumente) werden angedreht, die niemand versteht und zu nichts anderem da sind, als das Risiko zu verschleiern. Wir erleben dies auch mit der Unsitte der Kick-backs und Retrozessionen, die die Anlageberater und Bankleute auch heute noch bei Vermögensanlagen völlig legal unter dem Tisch durch erhalten, ohne dass der Kunde ins Bild gesetzt werden muss. Ich bin der Meinung, die Vorschriften über Kick-backs und Retrozessionen müssten vom Gesetzgeber festgelegt werden. Die befangene Finma konnte sich nicht durchsetzen.
Nach diesem Flächenbrand der Finanzkrise geht es nun in der Politik um die Brandverhütung. Doch ich glaube, das Zeitfenster für präventive Reformen ist nur noch kurze Zeit offen. Denn die Bankenlobby wird keinen Aufwand scheuen, eine stärkere Finanzmarktaufsicht abzublocken. Sie hat aus der Krise nichts gelernt; es bleibt nur die Erfahrung, dass der Staat ihr schon mit Krücken zu Hilfe eilen wird, wenns brennt. Der Philosoph Karl Deutsch hat es so gesagt: Macht heisst, nicht lernen zu müssen.»
*Rudolf Strahm ist Ökonom und ehemaliger Preisüberwacher. Dieser Text erschien als Kolumne in der «Berner Zeitung». (Berner Zeitung)
Erstellt: 10.10.2009, 10:38 Uhr
Kommentar schreiben
5 Kommentare
Was ist passiert, das bis heute noch keiner dieser Manager (nach Sissair-Urteil haben wir dem schlechten noch gutes Geld nachgeworfen) haftbar gemacht werden konnte? Die Politiker, Lobbyisten und Manager haben griffige Gesetze bewusst verhindert. So gibt es auch noch kein einziges, gültiges Insider-Delikt. Transparenz ist nach wie vor ein Fremdwort. Dafür sprechen/lesen wir nur noch von Migranten Antworten
Wirtschaft
- 16:29Swisscom-Chef: «Den Meisten sind Roaming-Gebühren egal»
- 13:17So günstig zum Eigenheim wie nie
- 22:09Bund prüft Abschottung des Schweizer Kapitalmarkts
- 12:15Das sind die demokratischsten Firmen der Schweiz
- 10:16UBS verliert bis zu 30 Millionen Dollar bei Facebook-Börsengang
- 07:17«Deutschland sollte niemanden züchtigen»
Wirtschaft
- 16:29Swisscom-Chef: «Den Meisten sind Roaming-Gebühren egal»
- 13:17So günstig zum Eigenheim wie nie
- 22:09Bund prüft Abschottung des Schweizer Kapitalmarkts
- 12:15Das sind die demokratischsten Firmen der Schweiz
- 10:16UBS verliert bis zu 30 Millionen Dollar bei Facebook-Börsengang
- 07:17«Deutschland sollte niemanden züchtigen»
Meistgelesen in der Rubrik Wirtschaft
Internet auf dem Fernsehen: Der Trend geht klar in diese Richtung. Werden Sie sich einen Smart TV kaufen?
Ja, auf jeden Fall
Nein, interessiert mich nicht
Erst wenn die Geräte billiger geworden sind
Ich habe schon einen
3308 Stimmen
















































































