Wirtschaft

Die Konjunkturpropheten machen erneut keine gute Figur

Von Robert Mayer. Aktualisiert am 30.12.2010 12 Kommentare

Die ausserordentlichen Geschehnisse von 2009 und 2010 zeigen den Prognostikern ihre Grenzen auf.

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«Ich kann jedem nur raten, Konjunkturprognosen nicht blind zu vertrauen. Beim Wetterbericht tun Sie das ja auch nicht.» Der so sprach – Ende November in der «Süddeutschen Zeitung» –, ist mit dem Metier bestens vertraut. Als Vorsitzender des deutschen Wirtschafts-Sachverständigenrates gilt Wolfgang Franz gleichsam als oberster Konjunkturprognostiker unseres Nachbarlandes. Franz’ Kollege Stefan Homburg, der an der Uni Hannover lehrt und zu den besten Ökonomen Deutschlands zählt, plädiert gar dafür, das Prognosegeschäft einzustellen, weil es «unmöglich» sei, vorherzusagen, wie sich die Wirtschaft über einen längeren Zeitraum entwickle.

Selbstzweifel auch in der Schweiz

Anlass zu Selbstzweifeln hat auch die Zunft der Schweizer Konjunkturforscher. Mit ihren Vorhersagen für das laufende Jahr lag sie (erneut) ziemlich daneben. So hatten die meisten Prognostiker vor Jahresfrist das reale Wirtschaftswachstum 2010 der Schweiz auf 0,5 bis 1 Prozent veranschlagt. Mit dazu gehörten die Schweizerische Nationalbank sowie das Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco), dessen Experten für die offizielle Vorhersage zuständig sind. Nur wenige Konjunktur-Auguren – darunter jene der Bank Julius Bär (+1,4 Prozent), der UBS (UBSN 11.15 -0.89%) (+1,7 Prozent) und der Bank Sarasin (BSAN 26.25 -0.19%) (+1,9 Prozent) – wagten den Ausbruch aus dem Konsens, und selbst sie sollten von der Realität überholt werden. Gemäss jüngsten Schätzungen ist für 2010 eine Zunahme des hiesigen Bruttoinlandprodukts (BIP) von rund 2,7 Prozent zu erwarten (siehe Grafik).

Schon 2009 hatten die Konjunkturforscher hierzulande eine wenig glückliche Figur gemacht, wenngleich mit umgekehrten Vorzeichen. Waren sie ursprünglich von Veränderungsraten des Schweizer BIP von –0,8 bis +1 Prozent ausgegangen, resultierte schliesslich ein Rückgang von 1,9 Prozent, und unsere Wirtschaft durchlief die schärfste Rezession seit Mitte der Siebzigerjahre.

Überforderte Modelle

Die Jahre 2009/10 waren denn auch in verschiedener Hinsicht einzigartig und extrem, und solche aussergewöhnlichen Entwicklungen mit vergangenheitsbezogenen, erfahrungsbasierten makroökonomischen Modellen abzuschätzen, ist so gut wie unrealisierbar. Wer mochte im Herbst 2008 voraussagen, dass die globale Wirtschaft im Nachgang zur Lehman-Pleite in eine Schockstarre gerät, Produktionsaufträge allenthalben praktisch über NacBht gestrichen werden und der Welthandel zusammensackt? Umgekehrt war es für die Experten äusserst schwierig, zu prognostizieren, ob, wann und wie die staatlichen Konjunkturstimulierungsprogramme und die unorthodoxen Massnahmen der Notenbanken zur Geldvermehrung ihre Wirkung entfalten würden. Denn auch dafür gab es keine Vergleichsdaten aus der jüngeren Geschichte.

Hinzu kommen zwei weitere Schwächen von Konjunkturmodellen, die sich im Nachgang zu einer Finanzkrise als besonders nachteilig erwiesen haben: Die gängigen Modelle bilden die Finanzmärkte allenfalls rudimentär, sicherlich aber unzureichend ab. Auch berücksichtigen die Modelle das psychologische Element zu wenig, und diesem kommt insbesondere in Krisenzeiten eine grosse Bedeutung zu.

Debatte unter Ökonomen

Letzterer Punkt leitet zu einer grundsätzlichen Debatte unter Ökonomen über, die der angesehene US-Wirtschaftsprofessor Robert Shiller in Worte fasste: «Wir brauchen eine Revolution unserer Theorie über den Wirtschaftsverlauf, die im Innersten auch die Psychologie beinhaltet.» Dieses Thema hat die Ökonomie umschifft, indem sie ihren Modellen das Menschenbild des Homo oeconomicus zugrunde legt, der wohlinformiert und mit kühlem Kalkül seinen persönlichen Vorteil zu maximieren sucht. Die Verhaltensökonomie hat indes hinlänglich zutage gebracht, dass davon keine Rede sein kann. Stattdessen spielen Gruppen- und Marktdynamiken eine entscheidende Rolle. Sie neigen dazu, Konjunkturschwankungen zu verstärken und gleichzeitig zu «verzerren», und dies – zum Leidwesen der Ökonomen – in einer unberechenbaren, erratischen und abrupten Weise.

Mangelnde Aktualität der Daten

Gruppendynamische Effekte lassen sich gar bei den Konjunkturforschern selbst beobachten. So monieren Kritiker, dass sich Prognoserevisionen oft stark an die aktuellsten Konjunkturdaten anlehnen und somit den (vermeintlichen) Trend fortschreiben. Auf ein gewisses Herdenverhalten deutet auch die Beobachtung, dass Vorhersageänderungen, wenn ein Anfang erst mal gemacht ist, meist kaskadenartig über die gesamte Prognostikergemeinde hinweg erfolgen.

Ein Grund dafür mögen die mangelnde Aktualität und Aufbereitung der Daten sein, mit der die Konjunkturpropheten – nicht nur hierzulande – konfrontiert sind. Zwischen dem Zeitpunkt der Prognoseerstellung (meist im Frühling und Herbst) und der Erhebung der zuletzt verfügbaren Daten liegen oft Monate. Demzufolge beruht nicht nur der Ausblick, sondern auch die aktuelle Einschätzung zum Prognosezeitpunkt überwiegend auf Vorhersagen.

All diese Einschränkungen in der Prognosetätigkeit müssten es den Konjunktur-Auguren eigentlich nahelegen, mit etwas weniger Selbstgewissheit aufzutreten. Angesprochen sind aber auch Öffentlichkeit und Medien. Deutlich divergierende Konjunkturprognosen sollten nicht gegen ihre Urheber ausgelegt werden, sondern als Indiz und Warnsignal für das hohe Mass an Unsicherheit, mit dem sie behaftet sind. Nachdenklich stimmt auch, dass deutsche Konjunkturforschungsinstitute von Bandbreiten in ihren Vorhersagen wieder abrückten, weil sich die Medien einzig auf die Mittelwerte kapriziert hatten. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 29.12.2010, 23:07 Uhr

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12 Kommentare

fiechter paul

30.12.2010, 07:21 Uhr
Melden

börsianer oder "konjunktur"-prognostiker - für mich nicht besser als mike shiva Antworten


Wilfried Bueschy

30.12.2010, 08:06 Uhr
Melden

Haben die Konjunktur-Planer schon je eine gute Figur gemacht ? Antworten



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