Wirtschaft

Die Kornkammer der Zukunft

Von Johannes Dieterich, Kolongo. Aktualisiert am 14.06.2011 22 Kommentare

Ausländische Staaten und Unternehmen kaufen in Afrika in grossem Stil Ackerland auf. Die einheimischen Bauern haben bisher das Nachsehen.

Noch ist alles beim Alten, doch für Afrika gibt es einen Hoffnungsschimmer: Auch das Land der Bauern in Mali wird für Investoren interessant.

Noch ist alles beim Alten, doch für Afrika gibt es einen Hoffnungsschimmer: Auch das Land der Bauern in Mali wird für Investoren interessant.
Bild: Keystone

(Bild: TA-Grafik mt)

Mit der afrikanischen Wirtschaft geht es aufwärts. (Bild: TA-Grafik mrue / Quelle: Weltbank, OECD)

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Georgette Foures Hütte ist nicht mehr. Auch von den anderen Häuschen in Kolongo sind nur noch Fundamente auszumachen: Der Rest des Bauerndorfes ist einem dreissig Meter breiten, ganz in Beton gefassten Kanal gewichen. Kolongo hatte das Pech, genau auf der Linie zu liegen, die libysche Financiers und chinesische Baumeister vom Niger-Fluss aus 40 Kilometer weit durch die Reiskammer des westafrikanischen Staates Mali zogen: Das Dorf fiel, wie ein wenige Kilometer entfernt gelegener Friedhof, einem gigantischen Agrarprojekt zum Opfer. «Wie würden Sie sich fühlen, wenn eines Morgens jemand in Ihrem Garten auftauchte und alles plattmachte?», schimpft Witwe Foure: «Ich kann es immer noch nicht fassen.»

Der über 50 Millionen Dollar teure Kanal – einer der grössten künstlichen Wasserwege Afrikas – soll bald einhunderttausend Hektaren Anbaufläche bewässern, ein Gebiet grösser als die Stadt Berlin. Das Land wurde der malisch-libyschen Entwicklungsgesellschaft Malibya für die kommenden fünfzig Jahre zur Verfügung gestellt. Tief in die Tasche greifen muss sie dafür nicht: Die Pacht ist umsonst, Malibya musste sich lediglich zur Übernahme der Kosten für die Entwicklung des Landes bereit erklären – wozu ausser dem Kanal auch die Entschädigung für die Anlieger gehört. Georgette Foure bekam für ihr Haus und ihre Felder gerade mal 600 Euro: «Das reicht weder hinten noch vorne», sagt die Witwe mit sechs Kindern.

Wasser macht Mali attraktiv

Der Kanal in der Ségou-Region ist nur eines von zahllosen ausländischen Agrarprojekten in Mali. Auch China und Südafrika hätten bereits Ländereien in dem westafrikanischen Staat gepachtet, sagt Abou Sow, Direktor des staatlichen Land-Trusts Office du Niger: Ausserdem stünden kanadische, belgische, französische, südkoreanische und indische Unternehmen sowie multinationale Organisationen wie die Westafrikanische Entwicklungsbank bereit. 60 Verträge seien bereits unterzeichnet worden, die fast eine Viertelmillion Hektaren Fläche beträfen, fügt der Direktor hinzu. Andere sprechen sogar von mehr als einer halben Million Hektar.

Mit dem Niger als dem drittgrössten Fluss des Kontinents, dessen Bewässerungskapazität offenbar noch längst nicht ausgeschöpft wird, gehört Mali zu den für Landkundschafter aus aller Welt attraktivsten Staaten Afrikas. Andere steuern die Nilstaaten Sudan und Äthiopien oder die beiden Kongos mit ihren riesigen Regenwaldflächen an, auch die ostafrikanischen Staaten Madagaskar und Moçambique sind begehrt, weil sie über relativ verlässliche Niederschläge verfügen. Allein 2009 sollen ausländische Firmen in Afrika insgesamt 45 Millionen Hektaren Land unter Vertrag genommen haben – ein Gebiet fast doppelt so gross wie Grossbritannien. Manche sprechen bereits von einem zweiten «Scramble for Africa» – ein Begriff, der das Wettrennen der Kolonialmächte auf dem unterworfenen Nachbarkontinent im 19. Jahrhundert beschreibt.Die Gründe für das neu erwachte Interesse an Afrikas Boden liegen auf der Hand. Nicht nur, dass die Weltbevölkerung weiter zu nimmt: Auch die Essgewohnheiten in den aufstrebenden asiatischen Staaten werden anspruchsvoller. Hinzu kommt, dass ein wachsender Teil der weltweiten 1,5 Milliarden Hektaren Agrarfläche für die Produktion von Agrotreibstoff reserviert wird und dass jährlich 2,9 Millionen Hektar fruchtbaren Bodens der Verstädterung und der Erosion zum Opfer fallen.

Landwirtschaft wird wichtiger

Länder wie Südkorea und China, aber auch Wüstennationen wie Saudiarabien und die arabischen Emirate schauen sich deshalb immer angestrengter nach ausländischen Kornkammern um: Mit seinen riesigen, scheinbar fast ungenutzten Flächen drängt sich Afrika als Rettung auf.Arabische Ölscheichs und asiatische Tiger sind in ihrem Hunger auf Afrikas Äcker nicht allein: Auch für westliche Agrarkonzerne und selbst für Profitsucher werden die Ländereien auf dem Kontinent immer attraktiver. Angesichts der Verknappung schiessen die Lebensmittelpreise weltweit in die Höhe.

Für Afrika ist der Run auf seine roten Böden zweifellos auch eine Chance. Endlich interessiert sich die Welt auch für etwas anderes als seine nicht zu ersetzenden Bodenschätze, und endlich muss die Landwirtschaft, von der die grosse Mehrheit der 1 Milliarde Afrikaner abhängt, von den politisch dominanten Eliten in den Städten ernster genommen werden. Der Landboom könne dringend nötige Investitionen anlocken, Arbeitsplätze schaffen, die Infrastruktur auf Vordermann bringen und effiziente Agrartechnologien anziehen, meinen internationale Fachleute (siehe Text rechts). Er könne aber auch zu weiträumigen Landvertreibungen, ökologischen Desastern und neokolonialen Abhängigkeiten führen, halten Nichtregierungsorganisationen wie Greenpeace oder die «Friends of the Earth» entgegen.

Bereicherung vorbeugen

Alles komme auf die Bedingungen an, die in den Landverträgen festgeschrieben werden, sind sich Experten einig. Afrikas regierende Eliten können sich entweder auf die Seite ihrer Kleinbauern schlagen und für sie nützliche Deals aushandeln oder sich auf der Seite der ausländischen Grossinvestoren wieder einmal selbst bereichern. Um Letzteres zu vermeiden, will die Weltbank Spielregeln formulieren, an die sich alle Beteiligten halten sollen: Transparenz, Respektierung der Interessen der Bevölkerung sowie die Sicherung der heimischen Nahrungsmittelversorgung sollen Eckpfeiler dieser Regularien sein. Ohne sie drohen Afrikaner wie derzeit in Äthiopien zu verhungern, während sich die Bewohner fremder Staaten von den Früchten ihrer Felder ernähren.

In Mali ist das Spiel schon mal gründlich schiefgegangen. Um die libyschen Investoren zufriedenzustellen, wurden Hunderte von malischen Kleinbauern um ihr – wie in fast allen afrikanischen Staaten durch keine Besitzurkunden geschütztes – gemeinschaftliches Land gebracht: unter ihnen auch Georgette Foure. «Früher konnte ich meine Familie noch mit der Ernte meiner Felder selbst ernähren», sagt die Witwe. «Inzwischen bleibt mir nichts anderes übrig, als auf ein Wunder zu hoffen.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 13.06.2011, 20:26 Uhr

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22 Kommentare

Daniel Zurbriggen

14.06.2011, 10:10 Uhr
Melden 14 Empfehlung

Die asiatischen Investoren setzen das um was sie in den westlichen Wirtschaftsfachochschulen gelernt haben. . Die Einwohner dürfen dann in den Monokulturen Pestizide versprühen und Gentechsaaatgut anpflanzen. Die Investoren hocken bestimmt schon mit vollgegeiferten Kravatten in ihren klimatisierten Glaskästen in den Startlöchern. Spielregeln? Ach wo, es lebe die freie Marktwirtschaft. Antworten


Urs Brunner

14.06.2011, 09:10 Uhr
Melden 13 Empfehlung

Schön dass auch mal eine Mainstream-Zeitung darüber schreibt, neu ist das ganze ja nicht mehr wirklich. Aber eben, morgen werden wir es wieder vergessen haben. Und übermorgen werden wir uns nur noch darüber ärgern, dass sich die Chinesen und Araber alles unter den Nagel gerissen haben und für uns Europäer nichts mehr übrig ist. An Weltbank-Regeln hält sich ja eh niemand. Traurig aber wahr. Antworten



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