Science-Fiction-Szenarien der Versicherungen

Ein Team von Swiss Re sinniert über neu aufkommende Risiken mit immensem Schadenpotenzial – von Sonneneruptionen, die Stromnetze lahmlegen, bis zu Cyberattacken, die Identitäten auslöschen.

Hohe Verletzlichkeit der Wirtschaft: Grosse Teile von New York liegen nach einem Stromausfall im Dunkeln.

Hohe Verletzlichkeit der Wirtschaft: Grosse Teile von New York liegen nach einem Stromausfall im Dunkeln. Bild: Frank Franklin II/Keystone

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Die Erdbeben- und Tsunamikatastrophe in Japan wie auch die gewaltigen Überschwemmungen in Thailand von 2011 haben eindrücklich vor Augen geführt, wie verletzlich die weltumspannenden Produktionsketten sind – und welch enormen Folgeschäden erwachsen können, wenn diese komplexen Abläufe gestört werden. Fabriken von Osteuropa bis Lateinamerika mussten schliessen, weil ihnen wichtige Zulieferkomponenten ausgingen, die sie von Herstellern in den verwüsteten Regionen bezogen. Die Versicherungen sahen sich mit einem unerwarteten Schadenphänomen konfrontiert: Unternehmen machten Produktionsausfälle geltend, obwohl bei ihnen selber kein physischer Schadenfall eingetreten war (sondern irgendwo in ihrer Zulieferkette).

Die Ursachen solch weitreichender und oft schwer abschätzbarer Schadenpotenziale, die mit der globalen Arbeitsteilung verbunden sind, könnten auch ganz anders gelagert sein: Cyberangriffe, die Informatik- und Steuerungssysteme lahmlegen, oder überregionale und länger andauernde Unterbrüche in der Elektrizitätsversorgung. Das ist das Tätigkeitsfeld von Reto Schneider, der bei Swiss Re den Geschäftsbereich Emerging Risk Management leitet.

Die Aufgabe seines vierköpfigen Teams ist es, für die Versicherungswirtschaft potenziell gewichtige, aber schwierig zu bemessende Schadenereignisse zu identifizieren und einzuordnen, die in einem Zeitraum von bis zu über zehn Jahren eintreten können. Dabei stützt sich das Quartett nicht nur auf den riesigen Fundus an Fachwissen, das Swiss Re über die Jahre angesammelt hat. Darüber hinaus sind die etwa 11'000 Mitarbeitenden, die der Zürcher Rückversicherer weltweit beschäftigt, aufgerufen, ihre Einschätzungen und Beobachtungen über mögliche neue Risiken mitzuteilen. Rund 600 Meldungen seien auf diesem Weg bisher eingegangen, sagt Schneider.

Nicht als Vorhersagen gedacht

Was der 51-jährige Biologe und seine Leute – eine Biologin, ein Historiker und ein Maschineningenieur – 2012 zusammengetragen haben, vermittelt eine 24-seitige Broschüre mit dem Titel «Swiss Re Sonar – Emerging risk insights» (nur in englischer Sprache erhältlich).

Sonar steht für den von Swiss Re seit 2000 aufgebauten und inzwischen patentierten Prozess zur systematischen Beobachtung neu entstehender Risiken. Insgesamt 27 solcher Risikothemen werden in dem Report skizziert – wobei Schneider betont, dass auch solche darunter sein können, «die je nachdem nie Realität werden». Die Broschüre dürfe denn auch nicht als Vorhersage missverstanden werden, und erst recht biete sie keine fertigen Lösungen an.

Seine Rolle sieht Schneider als «Frühwarner, der darauf hinweisen will, was schiefgehen kann im Umgang mit Dingen und Neuentwicklungen mit massenhafter Verbreitung und entsprechend hohem Schadenpotenzial». Das hat ihm auch schon den Vorwurf des «Totengräbers» und des «Schwarzmalers» eingetragen. Etwa in Zusammenhang mit der Nanotechnologie, als Swiss Re vor rund zehn Jahren zu den ersten Stimmen gehörte, die auf die unvorhersehbaren ökologischen und gesundheitlichen Folgen der Nanoteilchen aufmerksam machte.

Die Nanotechnologie hat aus Sicht von Swiss Re nach wie vor das Potenzial, zu einem zweiten asbestoseähnlichen Grossschadenereignis für die Versicherungsbranche zu werden, wenn sich die Langfristrisiken dereinst bestätigen sollten.

Kontroverse Ansichten bestehen auch bei einem Schadenszenario, das Schneider zu den besorgniserregendsten zählt, weil die Auswirkungen immens sind und sein Eintritt eigentlich jederzeit möglich ist. Es geht um einen anhaltenden und weitflächigen Stromunterbruch, der durch heftige Sonnenstürme (mit Kurzschlüssen in den Hochspannungstransformatoren) oder koordinierte Terroranschläge ausgelöst werden kann. Ein solcher «Super-Blackout» offenbart laut Schneider beispielhaft die hohe Verletzlichkeit des Wirtschaftssystems, die mit der Digitalisierung von Arbeitswelt und Alltag einhergehe – und durch die Überalterung und Übernutzung der (Netz-)Infrastruktur noch vergrössert werde.

Auf die mögliche Bedrohung durch Sonnenstürme hat das Bundesamt für Energie zusammen mit dem Elektrizitätsnetzbetreiber Swissgrid mit einer ETH-Studie reagiert, die unserem Stromnetz gute Noten bescheinigte. «Wirklich beruhigend ist das aber nicht», sagt Schneider. Grosse Sonneneruptionen seien nun mal kaum vorherzusehen, «und das Einzige, was zweifelsfrei feststeht, ist doch, dass bisher nichts passiert ist».

Der Swiss-Re-Mann spricht damit einen Punkt an, der ihn vorab für seine Widersacher angreifbar macht. Die von ihm und seinem Emerging-Risk-Team erarbeiteten Schadenszenarien gründen nicht auf nachvollzieh- und überprüfbaren mathematischen Modellen. «Ich bin ein Geschichtenerzähler – über unsere immer komplexer und undurchschaubarer werdende Welt, über die zunehmenden gegenseitigen Abhängigkeiten und Vernetzungen sowie über die steigende Risikoanhäufung und -konzentration», sagt Schneider über sich selbst. In der Tat wird von ihm nicht erwartet, dass er vergangene Entwicklungen einfach in die Zukunft umpolt. «Wir dürfen, ja müssen aus den Schablonen ausbrechen und ‹out of the box› denken.»

Unfallfreie Autos

Aspekte aus den 27 neu entstehenden Schadenereignissen muten denn auch an, als seien sie der Science-Fiction-Literatur entnommen. Schneider verweist auf die Vision, dass Pässe in ferner Zukunft hinfällig werden, weil andere, digitalisierte Erkennungsmerkmale als verlässlicher angesehen werden. Einem Cyberangreifer eröffne dies die Möglichkeit, Identitäten von Menschen zu manipulieren oder gar auszulöschen. Und welche Auswirkungen sind von der Verbreitung selbstständig fahrender Elektroautos zu erwarten? Falls sie sich als nahezu unfallfrei erweisen, könnten den Versicherungen langfristig Teile des Automarktes wegbrechen.

Ganz neue Risikopotenziale entstehen wiederum aus der boomartigen Verbreitung von dreidimensionalen Printern. Was aber, wenn dieser versagt, die mit seiner Hilfe gefertigten Bolzen brechen und dadurch die Decke eines Gebäudes zusammenbricht? Scheider hebt zum Schluss noch einmal hervor, seine Funktion bestehe nicht darin, Innovationen zu verhindern. Im Gegenteil: Versicherungen seien «Innovationshelfer», weil sie neu aufkommende Risiken in bestehende Versicherungspolicen integrierten. Umso wichtiger sei aber, die «Emerging Risks» so früh wie möglich zu verstehen und einen Risikodialog zu starten. Die Firmen könnten ihre Produkte sicherer machen und schneller auf den Markt bringen. Die Versicherten könnten in Voraussicht reagieren. (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 07.10.2013, 08:50 Uhr)

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Zum Vergrössern auf die Grafik klicken. (Bild: TA-Grafik mt/Quelle: Swiss Re)

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