Wirtschaft

Die Staaten buhlen um Geldgeber wie niemals zuvor

Nach der Finanz- und Wirtschaftskrise könnte die horrende Verschuldung der öffentlichen Hand für neue Turbulenzen sorgen. Dabei stellt sich das Problem weitaus weniger für die Schwellenländer als vielmehr für die entwickelte Welt.

Staatsverschuldung der G–20–Länder.

Staatsverschuldung der G–20–Länder.

Die Industriestaaten in der Schuldenfalle.

Die Industriestaaten in der Schuldenfalle.

Etwa 1 Milliarde Euro pro Tag – so viel Geld wird Deutschland im kommenden Jahr nach Aussage seines Finanzministers am Markt aufnehmen, um die bestehenden Schulden des Bundes zu bedienen und neue Defizite im Staatshaushalt zu decken. Mit seinem Refinanzierungsbedarf von 357 Milliarden Euro ist unser nördlicher Nachbar beileibe nicht das einzige Land, das einen neuen Rekord aufstellen wird.

Schon in diesem Jahr haben die Staaten – vor allem der entwickelten Welt – die Finanzmärkte in nie dagewesenem Masse beansprucht. Auf beinahe 4000 Milliarden Dollar summiert sich das Volumen der Staatsanleihen, welche die USA, die Eurozone, Grossbritannien und Japan herausgegeben haben. Nach Berechnungen der britischen Bank Barclays entspricht dies einer Zunahme von 86 Prozent gegenüber dem Vorjahr und von 146 Prozent gegenüber 2007. Für das nächste Jahr erwartet Barclays einen ähnlichen Umfang bei den emittierten Anleihen dieser Staatengruppe.

Wie reagieren die Anleger?

Dieser gewaltige Mittelbedarf der öffentlichen Hand und die daraus erwachsende Abhängigkeit von den Geld- und Kapitalmärkten lassen bei einer wachsenden Zahl von Beobachtern mulmige Gefühle aufkommen. Sie fragen sich, ob institutionelle und private Anleger auch künftig willens sind, die anhaltende Flut von Staatspapieren zu zeichnen, oder ob es nicht im Gegenteil zu einem «Ausverkauf» bei diesen Titeln kommt, weil ihre Sicherheit in Zweifel gezogen wird. Denn selbst einen Staatsbankrott mögen Experten für die nähere Zukunft nicht mehr ausschliessen, wie dies in früheren Jahrzehnten bereits Ecuador, Mexiko, Argentinien und Russland widerfahren ist.

Diesmal jedoch könnte es die entwickelte Staatenwelt treffen. Während sich ihre finanzielle Schieflage in den nächsten Jahren zusehends verschärft, werden die in der Gruppe der 20 wichtigsten Wirtschaftsnationen (G-20) vertretenen Schwellenländer mit überwiegend gesunden Staatsfinanzen aus der Wirtschaftskrise herauskommen. Nach Schätzungen des Internationalen Währungsfonds klettert die gesamte Staatsverschuldung der Industrieländer bis 2014 auf 114 Prozent ihrer jährlichen Wirtschaftsleistung, wogegen sie in den G-20-Schwellenländern auf 35 Prozent zurückgehen dürfte (siehe Grafik).

fiskalisches Auseinanderdriften

Für dieses fiskalische Auseinanderdriften sind nicht nur die enormen Belastungen aus den Bankenrettungs- und Konjunkturpaketen in den Industriestaaten verantwortlich. Vielmehr widerspiegeln sich darin die weitaus günstigeren Wachstumsperspektiven der Schwellenländer im anstehenden neuen Jahrzehnt und die damit verbundenen Steuereinnahmen. Entsprechende Überlegungen werden sich natürlich auch die Investoren machen, wenn sie vor der Frage stehen, welche Staatsanleihen sie noch kaufen sollen.

Eines ist damit gewiss: Die Staaten werden sich beim Geldeinsammeln einen bisher nicht gekannten Wettbewerb untereinander liefern (und darüber hinaus mit den kreditsuchenden Privatunternehmen). Den Kürzeren ziehen dabei die Länder mit schwacher Bonität – es sei denn, sie machen ihr Manko mit einer überproportional höheren Verzinsung ihrer Anleihen wett. Dies könnte aber bei Investoren wiederum Zweifel wecken, ob diese Staaten ihren kostspieligen Schuldendienst auf Dauer aufrechterhalten können.

Schlechte Karten hat insbesondere Griechenland, dessen Bonität von allen drei grossen Ratingagenturen zurückgestuft worden ist und 2010 noch weiter gesenkt werden dürfte. Zuletzt hat die Agentur Moody's gestern nachgezogen (siehe Kasten). In jüngster Zeit hat Standard & Poor's aber auch den Ausblick für Spanien und Portugal von neutral auf negativ revidiert, was früher oder später eine Ratingeinbusse nach sich ziehen wird. Als Wackelkandidaten gelten ferner Irland und Italien (siehe Grafik).

Was tun die Notenbanken?

Doch auch mit Blick auf Grossbritannien und die USA, die beide (noch) das Höchstrating eines dreifachen A besitzen, wächst die Nervosität unter den Beobachtern. Beide Länder weisen ein riesiges Haushaltdefizit mit zweistelliger Prozentrate, gemessen am Bruttoinlandprodukt, aus. Und sowohl die USA als auch Grossbritannien sind mit Anteilen von 50 Prozent respektive 35 Prozent ausgesprochen stark von der Gunst ausländischer Gläubiger abhängig.

In diesen zwei Staaten ist ausserdem eine potenziell folgenschwere Konfliktlinie absehbar, die hier besonders deutlich zum Vorschein tritt, aber auch andernorts für Zündstoff sorgen mag. Die USA und Grossbritannien konnten sich nicht zuletzt deshalb ziemlich friktionslos und günstig verschulden, weil ihre Notenbanken zur Konjunkturstabilisierung in grossem Stil (Staats-)Anleihen am Markt gekauft und dadurch die Kapitalmarktzinsen gedrückt haben. Die Renditen ihrer Staatsanleihen dürften auf diese Weise gut und gerne um bis zu 0,5 Prozentpunkte ermässigt worden sein, wie Experten schätzen.

Neue Spekulationsblasen

Von dieser unkonventionellen Politik müssen die Währungshüter aber im Verlauf des nächsten Jahres abrücken, weil sie andernfalls neue Spekulationsblasen auf den Finanzmärkten und Inflationsgefahren provozieren. Als Folge davon erschwert sich die öffentliche Schuldenaufnahme – womit sich die Notenbanken unweigerlich politischen Pressionsversuchen aussetzen.

Gleiches gilt für Leitzinserhöhungen der Notenbanken, mit denen in Europa etliche Beobachter ab der zweiten Jahreshälfte 2010 rechnen: Schon eine Veränderung um einen Viertelprozentpunkt weitet den staatlichen Schuldendienst um einen Milliardenbetrag aus. In der Optik der Politiker sollten die Notenbanker daher lieber später als früher an der Zinsschraube drehen. Umgekehrt neigen die Währungshüter dazu, eher früher als später die Geldpolitik zu straffen, wenn sie feststellen, dass die Politik zu wenig unternimmt, um die Staatsdefizite in näherer Zukunft wieder einzudämmen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 23.12.2009, 04:00 Uhr

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