Die Ökonomie bleibt eine valable Disziplin
Von Beat Hotz-Hart *. Aktualisiert am 18.08.2009 6 Kommentare
Ökonomen der London School of Economics haben sich bei der Queen Elizabeth dafür entschuldigt, dass sie die Gefahr der Finanzkrise nicht erkannt hätten, weil die «kollektive Vorstellungskraft von vielen gescheiten Leuten» versagt habe. Und Philipp Löpfe fragt, was Ökonomen noch zu glauben ist.
In der Tat hat die Krise eine Debatte über die Makro- und Finanzökonomie provoziert: Können sie die Verursachung der Krise genügend überzeugend erklären? Haben sie diese vielleicht sogar mit verursacht? Liefern sie gehaltvolle Lösungsvorschläge? Die weit verbreitete Auffassung, dass auf Kapitalmärkten zumindest annähernd vollständige Konkurrenz herrsche, hat sich als falsch erwiesen. Innovationen, wie sie oft für künftige Erfolge verlangt werden, waren in diesem Falle äusserst schädlich.
Der Forscher ist auch Akteur
Bisher vernachlässigt scheint mir ein ganz anderer Aspekt: Die Wirtschaftswissenschaften sind selber Teil der Wirtschaft. Viele Akteure in Wirtschaft und Gesellschaft sind am Gegenstand der Wirtschaftswissenschaften direkt und mit Eigeninteresse beteiligt. Sie bedienen sich selektiv mit Wissen aus der Ökonomie, entwickeln und vertreten dieses nach eigenen Interessen und Absichten, zum eigenen Vor- oder auch Nachteil. Die Ökonomie ist Teil der Interessenauseinandersetzung in Wirtschaft und Gesellschaft. So sind zum Beispiel Bonussysteme, Innovationen wie strukturierte Produkte, Finanzierungen nach einem Schachtel- oder Dominoprinzip nicht eine Frage der richtigen oder falschen Ökonomie. Wichtig ist damit der Diskurs, die öffentliche und transparente Auseinandersetzung über solche Themen im Hinblick auf eine kollektive Meinungsbildung.
Trotz aller Schwäche der Ökonomie – in der Analyse sind wir stark: Ursachen, die zur Finanzkrise geführt haben, wie zum Beispiel die hohe und wachsende Verschuldung der USA, wurden von Ökonomen sehr wohl gesehen und analysiert. Es gab genug Hinweise auf zunehmende Gefahren. Überraschend waren jedoch ohne Zweifel das Ausmass, die Heftigkeit und Geschwindigkeit, mit der diese Krise dann stattgefunden hat. Trotzdem: Die Schwierigkeit liegt weniger bei der Analyse und dem Erkennen der Gefahren, als darin, die richtigen und notwendigen Schlussfolgerungen zu ziehen, über Aktionen zu entscheiden und diese erfolgreich durchzusetzen. Damit aber sind wir auf einem viel komplexeren und anspruchsvolleren Terrain: bei den Akteuren und den Mechanismen der Entscheidungsfindung in Unternehmen inklusive Banken und Finanzinstituten, der Politik und den Regulatoren. Die Direktinteressierten nehmen wesentlichen Einfluss auf die Spielregeln.
Anderes Referenzsystem
Bleibt der Vorwurf, die Ökonomen hätten sich nicht laut und entschieden genug geäussert. Die grosse Mehrheit von ihnen hat aber weder den Anspruch noch die Anreize, sich in öffentlichen Debatten über wichtige wirtschaftliche Probleme mit fundierten und profilierten Urteilen zu äussern. Dies zu ändern, dürfte schwierig sein. Die Ökonomen haben ein anderes Referenzsystem, in erster Linie die akademische Anerkennung durch ihre Peers und die damit verbundene Karriere. Anderseits verwenden politische Entscheidungsträger Argumente der Ökonomie doch eher zurückhaltend und meist selektiv zur Unterstützung ihrer eigenen Interessen. Doch es stimmt: Die Ökonomen haben sich zu wenig profiliert und entschieden geäussert.
* Beat Hotz-Hart ist Professor für Volkswirtschaftslehre an der Universität Zürich. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 18.08.2009, 23:12 Uhr
6 KOMMENTARE
Die hohe Staatsverschuldung der USA sei Schuld am der Finanzkrise. Gerne würde man zurückfragen ab welcher Staatsverschuldung mit Krisen zu rechen ist, aber die Antwort würde natürlich ausbleiben. Beat Hotz-Hart hat ebensowenig eine Ahung von den Ursachen der Finanzkrise wie sein gesamtes Kollegium und rechtfertigt eine Wissenschaft (!) mit Subjektivität. Da lacht der Physiker.
Egal, was die Professoren sagen. Eines ist doch klar, wenn Menschen nur ein Ziel sehen "Geld und nochmals Geld" dann geht alles in Brüche. Egal, ob in der Wirtschaft, im Sport oder in der Ehe. Also wenn Gier und Habsucht im neo liberalen Gedankengut im Vordergrund steht, dann wird es so herauskommen wie im Sozialismus. Alle Menschen sind gleich, nur die Bonzen nicht. So ähnlich im Moment bei uns.
Wer nicht begreift, was Zinsen in einem Kreditgeld-System bedeuten, hat diese Krise nicht kommen sehen und schätzt sie nach wie vor falsch ein. Das Problem: Die Risiken dieses Systems werden nicht gelehrt! Interessierte sollten die Vorträge im Internet von Prof.Dr.Bernd Senf sehen. Da gehen die Augen auf und man begreift warum z.B. Gerald Celente die grösste Depression aller Zeiten kommen sieht.
Die Wirtschaftswissenschaften waren wie eine Religion. Seit dreissig Jahren galten die neoliberale Lehre und der Glaube an komplizierte Modelle von Risikoberechnungen. Kritische Ökonomen hatten weder in der Wirtschaft noch an den Universitäten Karrierechancen. Viele Ökonomieprofessoren sitzen selber als Verwaltungsräte an den Schalthebeln der Wirtschaft. Psychologen hätten es besser gemacht.
Der Fondsmanager & Autor Peter Lynch meint, wenn man alle Ökonomen dieser Welt aneinander reihen würde, wäre es nicht das Dümmste, was man mit ihnen machen kann. Aber z.B. Henry C.K. Liu und auch einige Andere haben diese Krise schon lange im Voraus angekündigt. Nur hat sie niemand ernst genommen. Der Verdrängungsmechanismus funktioniert halt auch bei den sogenannten Experten.
Endlich eine intelligente Frage. Schlussendlich weisst jeder Wirtschaftsstudent nach dem ersten Halbjahr an jeder Wirtschafts-Uni, dass ein Markt ist effizient, nur unter sehr strengen Bedingungen. Im Besondere, volle Transparenz, freie und vollkommene Auskünfte, usw. Irrealität pur. Marktwirtschaft ist leider nur den Spiegel der Mächtigten um Eigennutz und Gier weiter durchzuführen...
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