Wirtschaft

«Diese Krise wird uns vermutlich zehn Jahre lang beschäftigen»

Von Philippe Müller. Aktualisiert am 07.08.2011 22 Kommentare

Die Schuldenkrise in Europa und den USA führt dazu, dass neben den Währungskursen nun auch die Börsen verrückt spielen. UBS-Chefökonom Daniel Kalt glaubt nicht an ein baldiges Ende.

Die internationale Schulden- und Währungskrise hat sich auf die Aktienmärkte ausgeweitet: Die Kurve des DAX in Frankfurt am 5. August 2011.

Die internationale Schulden- und Währungskrise hat sich auf die Aktienmärkte ausgeweitet: Die Kurve des DAX in Frankfurt am 5. August 2011.
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UBS-Chefökonom Daniel Kalt. (Bild: zvg)

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Herr Kalt, haben Sie in Ihrem persönlichen Portfolio noch Dollar- und Europapiere?
Bis vor kurzem hatte ich keine Dollar- und Europositionen mehr, sondern fast nur Frankenpapiere. Ich habe jetzt aber damit begonnen, wieder Euros zu kaufen.

Das heisst, Sie spekulieren darauf, dass der Franken an Wert verliert und der Eurokurs entsprechend steigt?
Der Franken hat sich mittlerweile derart stark aufgewertet, dass sich der Kurs zum Euro und zum Dollar mittel- bis langfristig nach meinem Dafürhalten fast wieder normalisieren muss. Genau weiss das aber leider niemand, der Markt ist weiterhin sehr schwankend.

Würden Sie auch den Kleinanlegern raten, punktuell wieder in Euro und Dollar zu investieren?
Es kommt stark darauf an, was man kauft. Die UBS (UBSN 11.15 -0.89%) empfiehlt Realwerte, also Immobilienanlagen oder Aktien. Wir raten dagegen davon ab, Staatsanleihen der angeschlagenen Eurostaaten zu kaufen. Zu diesen Peripheriestaaten gehören Griechenland, Irland, Portugal, aber auch Italien und Spanien.

Anfang 2010 kostete ein Euro noch fast 1.50 Franken. Mittlerweile stehen wir bei 1.08. Schliessen Sie aus, dass der Wechselkurs bald ein Verhältnis von 1:1 erreicht?
Obwohl ich es nicht hoffe, kann ich es nicht ausschliessen. Eine kurzfristige Euro-Franken-Parität liegt absolut im Bereich des Möglichen.

Warum spielen die Märkte so verrückt?
Das liegt vor allem an der ungünstigen Kombination von schlechten Nachrichten in letzter Zeit. Auf der einen Seite haben sowohl die EU als auch die USA für die bestehende Schuldenkrise noch keine überzeugende Lösung gefunden. Dann kamen die ernüchternden Konjunkturzahlen dazu. Die Wirtschaft der USA beispielsweise wächst im Moment praktisch nicht.

Ein Grund für die heftige Reaktion der Märkte dürfte auch die Ankündigung der EU sein, den Rettungsschirm für bedrohte Staaten eventuell erneut aufstocken zu müssen.
Natürlich. Wenn José Manuel Barroso sagt, der Rettungsfonds sei zu klein, sagt er damit indirekt: Wir sind nicht parat. Er deutet damit auch an, dass nicht nur kleine Länder wie Griechenland oder Portugal den Rettungsschirm in Anspruch nehmen müssen, sondern künftig vielleicht auch grosse Euroländer wie Italien. Das löst auf den Märkten natürlich zusätzliche Nervosität aus.

Gibt es eine finanzielle Obergrenze für solche Rettungsaktionen?
Momentan umfasst der Rettungsschirm insgesamt 440 Milliarden Euro. Das ist zwar sehr viel Geld, verglichen mit der Grösse der einzelnen Volkswirtschaften ist es aber halt doch nicht so viel. Falls nun ein Land wie Italien mit Schulden von 1900 Milliarden Euro unter den Rettungsschirm flüchten muss, müsste man den bestehenden Fonds womöglich auf 1500 Milliarden Euro oder mehr aufstocken. Eine eigentliche Obergrenze existiert nicht.

In vielen europäischen Staaten hat während der Finanzkrise die Nettoverschuldung stark zugenommen. Führen solche milliardenschweren Rettungsaktionen nicht dazu, dass an sich gesunde Länder wegen ihrer Unterstützungsbeiträge selber ins Schlingern geraten?
Dazu muss man wissen, dass für den Rettungsschirm bisher das ganz grosse Geld noch gar nicht geflossen ist. Die grossen Länder wie Deutschland und Frankreich mussten bisher lediglich Garantien aussprechen, im Notfall diese Gelder zur Verfügung zu stellen. Gerade diese beiden Länder sind nicht so stark verschuldet, dass sie durch diese Rettungsaktion selbst zum Sanierungsfall werden.

Italien hat wie erwähnt Schulden in Höhe von unglaublichen 1900 Milliarden Euro, dazu wächst die Wirtschaft nicht. Ist Italien das nächste Griechenland?
Italien ist nicht zu vergleichen mit Griechenland. Nehmen Sie Norditalien als Beispiel: Die Wirtschaftsregion zwischen Mailand und Turin ist stark industrialisiert und ähnlich kompetitiv wie jene in Bayern oder in der Schweiz. Das Problem ist Süditalien, wo es keine industrielle Basis gibt, und die Schattenwirtschaft. Dadurch gehen dem Staat wichtige Einnahmen verloren. Italien muss jetzt zeigen, dass es fähig und willens ist, die Situation zu verbessern. Ob das unter der Regierung Berlusconi gelingt, ist eine andere Frage.

Gerade weil Italien ein anderes Kaliber ist als Griechenland, löst die Möglichkeit einer neuerlichen Rettungsaktion auf den Märkten solche Ängste und Turbulenzen aus.
Das ist richtig. Portugal, Irland und Griechenland, die bisher unter dem Rettungsschirm sind, bringen zusammen nur etwa 6 Prozent des Bruttoinlandprodukts der Eurozone auf die Waage. Im Vergleich zu Italien sind das kleine Brocken.

Müsste man vielleicht doch zu radikaleren Mitteln wie etwa einem «Haircut» greifen und so den bedrohten Ländern die Schulden teilweise erlassen?
Gerade in Griechenland wird man kaum um einen solchen Schuldenschnitt herumkommen. Es wäre wohl das Beste gewesen, hätte man von Anfang an auf dieses Mittel zurückgegriffen. Der griechische Staat wendet derzeit rund 20 Prozent seiner Einnahmen alleine dafür auf, die Schuldzinsen zu bezahlen. Das zeigt, wie dramatisch die Situation ist. Ein Schuldenschnitt ist das beste Mittel, um ein Land nachhaltig zu sanieren und auf einen Schuldenstand zurückzubringen, den es tragen kann. Dazu braucht es allerdings die Zustimmung der Gläubiger.

Kommt die Finanzwelt aus all diesen Turbulenzen jemals wieder heraus?
Die Lage ist sicher sehr heikel. Allerdings war sie Ende 2008, als die Investmentbank Lehman Brothers kollabiert ist, noch dramatischer. Und dieses Mal sind Politik und Zentralbanken besser vorbereitet als damals. Im schlimmsten Fall müssten die Notenbanken mit grossen Mengen Neugeld versuchen, die Situation in den Griff zu bekommen. Wir dürfen aber nicht vergessen: Die Finanzmarktkrise hat sich über zehn, vielleicht fünfzehn Jahre aufgebaut. Sie wird uns nun vermutlich weitere zehn Jahre lang beschäftigen. So lange dürfte es dauern, bis die ganzen Fehlentwicklungen korrigiert und die Entschuldung des Banken- und des Privatsektors bewältigt sind.

Die Märkte könnten also noch über Jahre so instabil bleiben?
Nicht zwingend, aber es ist gut möglich, dass es noch lange solch starke Schwankungen geben wird.

Am Mittwoch hat die Schweizerische Nationalbank beschlossen, zusätzlich 50 Milliarden Franken auf den Markt zu spülen, um den Franken abzuschwächen. Die Wirkung blieb bisher allerdings aus, der Euro fiel gestern wieder auf die Marke von 1.08 Franken. Was muss die Nationalbank als Nächstes tun?
Die Wirkung ist tatsächlich bereits vollends verpufft. Diese Massnahmen der Nationalbank konnten die weitere Aufwertung des Frankens bisher nicht verhindern. Eine zurückhaltende Erhöhung der Liquidität nützt nichts. Will sie den Franken abwerten und bei einem bestimmten Eurokurs stabilisieren, muss die SNB bereit sein, quasi unbegrenzte Mengen an Euros zu kaufen. Wir sprechen hier wohl von einem Betrag von mehreren Hundert Milliarden. Das bräuchte aber ein Durchhaltevermögen von mehreren Monaten oder gar Jahren. Gleichzeitig würde so natürlich die Gefahr einer Inflation steigen. (Berner Zeitung)

Erstellt: 06.08.2011, 17:45 Uhr

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22 Kommentare

Sylvia Keller

06.08.2011, 18:29 Uhr
Melden 94 Empfehlung

Wenn die Krise noch lange dauert (ca. 10 Jahre) muss die Politik sich jetzt endlich Gedanken machen, wie wir mit der PFZ die Sozialleistungen bezahlen können, ohne noch unnötig weiter Schulden zu machen! Wenn sie jetzt dafür keine Lösung benennen kann müssen wir jetzt Konsequenzen ziehen. -> Z.B. sofortige Kündigung der Personenfreizügigkeit! Die leidige Zeit der Schönredner ist definitiv vorbei! Antworten


George Freeman

06.08.2011, 19:25 Uhr
Melden 23 Empfehlung

Bleibt nur zu hoffen, dass die SNB nicht ganz durchdreht und unendlich Franken druckt. Der Export müsste besser versorgt werden um die rasanten Kursverluste abzufangen (div. Absicherungsmöglichkeiten), langfristig ist eine schwache Währung aber kein Erfolgsgarant. Sonst wäre die CH, D und Japan nicht Exportweltmeister sondern Simbabwe, Argentinien etc. Antworten



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