Wirtschaft
Eine Ohrfeige für Deutschland
Von Philipp Löpfe. Aktualisiert am 24.11.2011 134 Kommentare
Zinsanstieg auf 2,25 Prozent
Der Auktions-Flop der deutschen Staatsanleihen zeigt Folgen: Die Zinsen für den «Bund», die zehnjährigen Anleihen, sind mehr als zehn Basispunkte auf 2,25 Prozent gestiegen. Dieser Zinsanstieg ist auch ein Zeichen dafür, dass die Unruhe rund um die Einheitswährung steigt. Bloomberg zitiert David Miles, Politstratege bei der Bank of England, wie folgt: «Ich denke, niemand von uns kann noch sicher sein, dass alle Länder, die jetzt noch in der Eurozone sind, es auch bleiben werden.»
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Gestern wollte Deutschland sechs Milliarden Euro neue Schulden aufnehmen. Zu diesem Zweck wurden den Investoren Staatsanleihen mit einem Zinssatz von 1,98 Prozent aufgelegt. Das ist wenig. Doch angesichts der unsicheren Lage machte man sich am Sitz der Bundesbank in Frankfurt keine Sorgen darüber, dass die Käufer ausbleiben könnten. Schliesslich ist Deutschland wieder zur festen Grösse geworden, zum Felsen im stürmischen Meer von Euroland. Hohe Zinsen, das betrifft die Defizitsünder im Süden, dachte man sich.
Als die Auktion zu Ende war, gab es lange Gesichter: Anleihen in der Höhe von bloss 3,9 Milliarden Euro wurden abgesetzt, mehr als ein Drittel blieb liegen. Die Investoren haben Deutschland eine schallende Ohrfeige verpasst.
Keine schwäbische Hausfrau
Schadenfreude ist die eine Reaktion auf diese Klatsche, selbst im eigenen Land. «Vor allem hat die deutsche Schuldenpolitik eine gewaltige Symbolkraft», kommentiert die «Financial Times Deutschland» (FTD). «Mit welchem Recht schwingt sich Deutschland eigentlich zum Moralapostel der Eurozone auf? Wie kann man von den Krisenstaaten eisernes Sparen verlangen, wenn man selbst dazu nicht in der Lage ist?» Tatsächlich liegt die deutsche Staatsschuld deutlich über 80 Prozent des Bruttoinlandprodukts (BIP), und letztes Jahr betrug das Haushaltsdefizit 4,3 Prozent des BIP. Ganz so sparsam wie die schwäbische Hausfrau ist selbst Bundeskanzlerin Angela Merkel nicht.
Doch viel wichtiger als kurzfristige Schadenfreude könnte der langfristige Lerneffekt der Ohrfeige sein. Das wiedergefundene Selbstvertrauen der Deutschen ist nämlich in den letzten 18 Monaten zunehmend in Arroganz gekippt. In der Boulevardpresse wurden die Defizitsünder als Faulenzer abgestempelt und lächerlich gemacht. An den Krisengipfeln wurden die Staatsoberhäupter dieser Länder abgekanzelt und mit immer härteren Sparprogrammen nach Hause geschickt. Obwohl diese Medizin nicht wirkte, sondern im Gegenteil die Krankheit noch verschlimmerte, gab Berlin nicht nach. Die FTD meint hierzu: «Die Deutschen haben sich von den verräterisch niedrigen Renditen ihrer Anleihen blenden lassen. Ein dramatischer Fehler. Das hat dazu geführt, dass bislang echte Lösungsvorschläge für die Eurokrise nicht aus Deutschland kamen.»
Inzwischen ist klar, dass die europäische Finanzseuche nur noch mit drastischen Mitteln bekämpft werden kann. Wer kleckert, hat schon verloren. Gehebelte Rettungsschirme und Spezialvehikel für Chinesen und Brasilianer sind Luftschlösser. Mit diesen halbherzigen Massnahmen, Moralin und harten Sparprogrammen wollte Deutschland bisher Europa aus dem Schuldensumpf ziehen. Nichts wissen wollte Berlin bisher von Eurobonds und dem Ausbau der Europäischen Zentralbank zu einer Kreditgeberin in letzter Instanz. Die Deutschen sehen sich selbst gleichzeitig als letzte Mohikaner der geldpolitischen Tugend und als Opfer von faulen Griechen, arroganten Franzosen und arglistigen US-Investmentbankern. Dieses schiefe Selbstbildnis muss endlich gerade gerückt werden. Dazu kommt die Klatsche der Obligationenmärkte gerade richtig. (baz.ch/Newsnet)
Erstellt: 24.11.2011, 11:12 Uhr
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134 Kommentare
Sorry aber wer gibt Ihnen Herr Löpfe das Recht so Selbstgerecht und Hämisch über die Deutschen zu urteilen??? Hätte Deutschland als grösster Nettozahler der EU all diese Milliarden für sich dann würde alles ganz anders aussehen...Wenn ich Deutscher wäre ich würde mir langsam verarscht vorkommen. Antworten
Umdenken? Damit drängt man Deutschland in die Eurobonds, das ist die verfolgte Strategie der Märkte, was nichts anderes heisst, als das heutige und zukünftige Steuerzahler für den Zusammenbruch der Finanzmärkte haften werden. Die Generation heute und morgen, auch hier in der Schweiz, werden sich auf Altersarmut einstellen müssen. Nur ein sofortiges dagegen halten schützt zukünftige Generationen! Antworten
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