«Entwicklungshilfe wird immer kritisiert»

Die Wirtschaftskrise trifft Afrika besonders hart. Afrika-Kenner Peter Niggli erklärt, warum der Schwarze Kontinent schlechter dran ist als Asien oder Lateinamerika.

Schuften für keinen Profit: Afrika ist reich an Bodenschätzen, aber den Einheimischen bleibt kaum was – wie hier im Kongo.

Schuften für keinen Profit: Afrika ist reich an Bodenschätzen, aber den Einheimischen bleibt kaum was – wie hier im Kongo.
Bild: Reuters

Peter Niggli (59) ist seit 1998 Geschäftsleiter von Alliance Sud, dem Zusammenschluss von sechs grossen Schweizer Hilfswerken (Swissaid, Fastenopfer, Brot für alle, Helvetas, Caritas und Heks). Er ist Verfasser mehrerer Studien über Afrika.

Peter Niggli (59) ist seit 1998 Geschäftsleiter von Alliance Sud, dem Zusammenschluss von sechs grossen Schweizer Hilfswerken (Swissaid, Fastenopfer, Brot für alle, Helvetas, Caritas und Heks). Er ist Verfasser mehrerer Studien über Afrika.

Weg von der Nahrungsmittelhilfe, hin zur Entwicklung der Landwirtschaft: Mit diesem Programm wollen die acht grossen Industrienationen (G-8) das wachsende Hungerproblem in der Dritten Welt angehen. Im Fokus steht einmal mehr Afrika, das allen Entwicklungsmilliarden zum Trotz nicht vom Fleck kommt. Ist die traditionelle Entwicklungshilfe ein Auslaufmodell? Diese These vertritt die in England lebende Sambierin Dambisa Moyo. Mit ihrem in diesem Frühjahr veröffentlichten Buch «Dead Aid» hat sie eine heftige Kontroverse in der von ihr angeprangerten «Entwicklungshilfeindustrie» ausgelöst.

Darf man Entwicklungshilfe kritisieren?
Was für eine Frage! Entwicklungshilfe wurde immer kritisiert. Früher kam Kritik von links: Hilfe sei ein Instrument der westlichen Staaten, die Regierungen in den Entwicklungsländern zu korrumpieren und in Abhängigkeit zu halten. Heute herrscht neoliberale Kritik vor. Schon der Gründervater Milton Friedman behauptete, Entwicklungshilfe stärke den Staat und behindere das Wirtschaftswachstum. Direktinvestitionen seien besser. Ausgenommen von seiner Kritik war die Militär-, Polizei- und Folterhilfe der USA, damit sich die befreundeten Regierungen gegen den Kommunismus wehren könnten.

Was halten Sie von Dambisa Moyos Kritik?
Ihr Buch ist wohl das schlechteste der kritischen Literatur. Ärgerlich ist ihr salopper Umgang mit Zahlen, Quellen und der eigenen argumentativen Konsistenz.

Moyos These, wonach Wirtschaftswachstum das beste Mittel gegen die Armut ist, hat für viele Entwicklungshelfer einen negativen Beigeschmack.
Die Diskussion ist von den Kritikern der Weltbank und des Internationalen Währungsfonds (IWF) tatsächlich lange falsch geführt worden. Die neoliberale, auf Wachstum ausgerichtete Strukturanpassungspolitik wurde für ihre soziale Blindheit kritisiert. Seit zehn Jahren heben die Kritiker allerdings hervor, dass die Strukturanpassung das Wirtschaftswachstum Lateinamerikas und Afrikas in den Achtziger- und Neunzigerjahren stark gedämpft statt gefördert hat, wie es versprochen worden war. Entsprechend negativ fielen die sozialen Folgen aus.

Warum ist es asiatischen Ländern gelungen, aus der Armut herauszufinden?
Die erfolgreichen asiatischen Staaten kopierten das japanische Modell. Der Staat betreibt eine aktive Industriepolitik, hält den Währungskurs tief, um die Exporte zu fördern, schottet Teile der Binnenwirtschaft ab, damit die einheimische Industrie sich entwickeln kann, betreibt Industriespionage und foutiert sich um Patente. Die erfolgreichen ostasiatischen Staaten hatten übrigens massive Entwicklungshilfe erhalten.

Und warum kopieren afrikanische Regierungen nicht einfach das asiatische Modell?
Der «asiatische Weg» ist heute viel schwieriger. Viele industriepolitische Massnahmen sind durch die Welthandelsorganisation (WTO) verboten. Es waren die USA, welche die WTO dazu trieben. Sie wollten die aufstrebende asiatische Konkurrenz zu anderen Spielregeln zwingen.

Afrika ist reich an Bodenschätzen und scheint doch nicht davon zu profitieren.
Die Rohstoffe waren ein wesentlicher Grund, weshalb Afrika kolonialisiert wurde. Heute erlaubt der Rohstoffreichtum einigen üblen Regimen, etwa in Gabun oder Äquatorialguinea, an der Macht zu bleiben. Kommt dazu, dass die ausländischen Firmen, die die Rohstoffe abbauen, mit den Sitzstaaten sehr tiefe Lizenzgebühren und Gewinnbeteiligungen aushandeln konnten. Kein asiatischer und kein südamerikanischer Staat würde sich solche Sätze gefallen lassen.

Weshalb verlangen die Afrikaner nicht mehr?
Weil es schwache Staaten sind und die Weltbank ihnen immer wieder in Erinnerung ruft, wie abhängig sie von der Hilfe und von Zahlungen sind. Heute bemühen Staaten wie Ghana sich um eine Revision der nachteiligen Verträge.

Eine der Forderungen von Dambisa Moyo lautet, dass man Afrika innerhalb von fünf Jahren von der Entwicklungshilfe abnabeln müsse.
Das ist blanker Unsinn. Was würde abgeschafft? Doch nur das vergleichsweise geringe Geld, das in das Gesundheitswesen oder in die Bildung fliesst. Das Geld, mit dem sich die westliche Welt und China Rohstoffkonzessionen sichern und Regierungen in Abhängigkeit halten, würde weiterhin fliessen. Viele afrikanische Staaten streben heute danach, ihre Abhängigkeit von Entwicklungshilfe zu reduzieren und stattdessen die Steuerbasis zu vergrössern.

Wie an allen Wirtschaftsgipfeln in den letzten Jahren, so dürfte auch jetzt in Italien am G-8-Gipfel der Ruf nach mehr Hilfe an Afrika erschallen.
2007 flossen 900 bis 1000 Milliarden Dollar an Auslandsinvestitionen von Norden nach Süden. Dieses Jahr werden es laut Weltbank noch 150 Milliarden sein. Man rechnet zudem mit drastischen Exporteinbrüchen afrikanischer Staaten. Ihre Wirtschaft wird dadurch in eine grössere Krise geraten als unsere. Aber die wenigsten afrikanischen Staaten können ein bedeutungsvolles Konjunkturprogramm auf die Beine stellen. Wir hingegen buttern Milliarden in Bankenrettung und Wirtschaftsankurbelung, um eine tiefe Depression zu vermeiden. Sollen wir da Afrika in ein Loch stürzen lassen? Darüber wird man in Italien zu Recht diskutieren.

Vor allem die USA und Japan wollen weg von der direkten Nahrungsmittelhilfe, hin zu Investitionen in der Landwirtschaft. Sie wollen mit je 3 bis 4 Milliarden Dollar den Hauptteil der auf über 12 Milliarden Dollar geschätzten Hilfe tragen. Steckt dahinter Eigennutz oder eine intelligente Form der Hilfe?
Private Entwicklungsorganisationen drängten die G-8-Regierungen seit längerem, endlich mehr in die Landwirtschaft Afrikas zu investieren. Letztes Jahr kritisierten die Weltbank und der Weltlandwirtschaftsrat die Vernachlässigung der Landwirtschaft in den letzten zwanzig Jahren als einen der Gründe für die Nahrungsmittelkrise. Die in Aussicht gestellten 12Milliarden über drei Jahre sind allerdings bescheiden. In den Achtzigerjahren wurden jährlich 20 Milliarden investiert.

Japan, Südkorea und arabische Staaten wollen ganze Landstriche in Afrika kaufen oder leasen, um darauf Nahrungsmittel für ihre Märkte anzupflanzen. Könnte das eine Lösung für die afrikanischen Staaten sein?
Nein, denn sie werden das beste Land mit dem besten Wasser erhalten. Viele Kleinbauern werden vertrieben – wie während der Kolonialisierung, als Europa seine Plantagenwirtschaft etablierte. Damals wurden sie auf prekäre Böden an Hanglagen und in Trockengebieten verdrängt. Heute weichen sie in städtische Slums aus. Wie das Beispiel Madagaskar in diesem Frühjahr zeigte, lassen sich die Bewohner das aber nicht immer bieten und erheben sich gegen ihre Regierung.

Die afrikanischen Länder könnten von China und Südkorea verlangen, dass diese in die Infrastruktur investieren und neue Arbeitsplätze schaffen.
China investiert tatsächlich in neue Infrastruktur, bringt aber oft seine eigenen Arbeiter mit. Dadurch lassen sich entschädigungslose Vertreibungen nicht aufwiegen. In der Statistik schlägt dies als höheres Wirtschaftswachstum durch, während gleichzeitig die Zahl der Ärmsten wächst.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 07.07.2009, 21:51 Uhr

1 KOMMENTAR

Klaus Boldt

08.07.2009, 09:32 Uhr

Der Westen bestimmt die Regeln des Welthandels. Gemessen an den ökonomischen Schäden, die afrikanischen Volkswirtschaften durch Ungleichgewichte wie die hohe Subventionierung der Landwirtschaft in der EU und in den USA entstehen, ist die Entwicklungshilfe nur eine kleine Entschädigung. Die Einnahmen der Schweizer Bauern stammen zu 60% vom Staat. Afrika kann da logischerweise nicht mithalten.



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