Giulio Tremonti – ein Bekehrter schlägt voller Eifer zurück
Das Problem sei nicht Italien, sondern Tremonti, sagte Bundesrätin Doris Leuthard kürzlich im «Corriere del Ticino». Will heissen: Es ist vor allem der italienische Finanz- und Wirtschaftsminister, der den Schweizer Finanzplatz piesackt. Fragt sich also: Was hat Giulio Tremonti denn nur gepackt, dass er mit derart heiligem Furor auf die Schweiz loszieht?
Eine diplomatische Antwort gibt der Tessiner Treuhänder Giorgio Antonini: «Als früherer Finanzberater kennt Tremonti die internationalen Finanzmechanismen bestens und hat beschlossen, jene anzugreifen, die sie heute noch anwenden.» (TA vom Samstag). Etwas deutlicher wurde da schon der Tessiner CVP-Ständerat Filippo Lombardi in der «Aargauer Zeitung»: Tremonti habe «als vielleicht einziger Finanzminister der Welt in seinem vorherigen Beruf als Wirtschaftsanwalt selber bedeutende Beträge auf Schweizer Konti transferiert. Er kennt sich da also bestens aus.» Pointiert und ohne Umschweife sagt es schliesslich ein Kenner der Materie, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen will: «Wenn die Hure zur Nonne wird . . .»
Ermittlungen gegen Tremonti ...
Tremonti wäre demnach ein Konvertit, ein Bekehrter, der früher selber genau das getan hat, was er heute vielen seiner Landsleute und den Schweizer Banken vorwirft, nämlich massiv Steuern zu hinterziehen. Von Gerüchten in der Mailänder Schickeria, Tremonti habe einst als erfolgreicher Steueranwalt Mandanten gute Tipps für Steuerflucht gegeben, schrieb die «NZZ am Sonntag». Tatsache ist: 1995 ermittelten die italienischen Steuerfahnder gegen Tremonti. Er soll den italienischen Fiskus zwischen 1990 und 1994 um fast 75 Millionen Lire – zwischen 60'000 und 65'000 Franken – betrogen haben. Dazu, hiess es im Bericht der Behörde, habe Tremonti ein Geflecht von Scheinfirmen in Italien, Luxemburg und Panama aufgebaut. Einziger Teilhaber dieser Firmen sei er selber gewesen, und der einzige Zweck des Geflechts, Kapital ins Ausland zu transferieren, um Steuern zu sparen.
... delegierte Rom an Mailand ...
Die Untersuchung wurde publik, nachdem die erste Regierung von Silvio Berlusconi gescheitert war. Tremonti, schon damals Berlusconis Wirtschaftsminister, soll laut Bericht der Steuerfahnder versucht haben, die Ermittlungen zu stoppen. Als die Römer Untersuchungsrichter den Fall übernahmen, liessen sie diesen Vorwurf im September 1995 allerdings fallen. Hingegen überwiesen sie die mutmassliche Steuerhinterziehung an die Mailänder Strafverfolgungsbehörden, weil die Verfehlungen in Mailand passiert sein sollen.
... dann verliefen sie im Sand
Ab diesem Zeitpunkt verlieren sich allerdings die Spuren des Falls. Weder über den Fortgang des Verfahrens noch über einen allfälligen Schuld- oder Freispruch finden sich in den Archiven der italienischen Medien Hinweise. In seinem Blog hat der bekannte italienische Journalist Marco Travaglio im November 2008 gefragt, ob Tremonti ein Steuerhinterzieher gewesen sei. Ohne jedoch mehr herauszufinden, als in den Medienberichten von 1995 steht.
Giulio Tremonti, ein Bekehrter, der mit heiligem Eifer zurückschlägt? Darauf scheint es vorläufig keine Antwort zu geben.
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 23.11.2009, 04:00 Uhr
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