Grexit 2.0

Verlässt Griechenland bald den Euro? Klar ist: Im Poker mit den Euro-Staaten haben sich für Athen die Vorzeichen geändert.

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Das Ereignis, vor dem sich Politiker von Berlin bis Brüssel in den letzten Jahren am meisten gefürchtet haben, ist: das Auseinanderbrechen der Eurozone. Ausgelöst durch den Austritt von Griechenland, des schwächsten Gliedes in der Gemeinschaft. Der sogenannte Grexit ist auch in Athen ein Schreckgespenst. Gelder in Milliardenhöhe wurden in der Vergangenheit abgezogen, aus der Furcht vor Finanzchaos und Isolation.

Der Grexit ist ein Albtraum für alle Beteiligten. Trotzdem stand er 2011 und 2012 wiederholt im Raum, als die Modalitäten des griechischen Finanzprogramms ausgehandelt wurden. Der Troika diente die Rauswurfdrohung zum Diktat der Rettungsbedingungen. Derweil drohte auch Griechenland mit dem Referendum und der Aussicht, dass das Volk freiwillig aus der Währungsunion scheiden könnte – man wollte sich schliesslich von den Sparvögten aus Brüssel nicht alles gefallen lassen.

«Dann wird es schwierig»

Das politische Patt in Griechenland wird zu Neuwahlen und zu Neuverhandlungen mit Europa führen. 2015 könnte dies erneut eine Dynamik der Selbstzerstörung auslösen. Die in Umfragen führende Syriza-Partei von Alexis Tsipras sagt: Der Verbleib in der Eurozone macht keinen Sinn, wenn es keinen Schuldenschnitt gibt. Doch Politiker aus Deutschland, die in der Vergangenheit ihr ganzes Kapital für die Hilfskredite in die Waagschale geworfen haben, schliessen einen solchen Schuldenerlass kategorisch aus.

Der deutsche Finanzminister Wolfgang Schäuble machte gestern bereits unmittelbar nach der gescheiterten Präsidentenwahl klar, dass er notfalls bis zum Äussersten geht. Es werde «schwierig» für Griechenland, wenn es vom Sparkurs abweichen wolle, liess er verlauten. Unterstützung erhielt er von Beobachtern wie Michael Hüther, dem Direktor des Instituts der deutschen Wirtschaft. Er hält einen griechischen Euro-Austritt für «verkraftbar». Offen für einen Austritt plädiert die «Washington Post». Sie hält die Lösung aus Sicht der Griechen für ökonomisch vernünftig.

Das Spiel hat neue Regeln

«Game of Chicken» heissen solche Situationen auch, wo zwei Gegner gewissermassen in Autos sitzen und direkt aufeinander zufahren – und diejenige Partei, die am wenigsten Furcht vor der Katastrophe zeigt und nicht ausweicht, am Schluss als Gewinner dasteht. Im Vergleich zum Jahr 2012, als die Eurokrise auf ihrem Höhepunkt war, haben sich allerdings einige Bedingungen im Verhandlungspoker geändert.

  • Gefestigte Eurozone: Die von Griechenland ausgehende Ansteckungsgefahr für die Währungsunion ist kleiner geworden. Ein Grund dafür ist der permanente, im Herbst 2012 geschaffene und mit 700 Milliarden Euro dotierte Rettungsschirm ESM. Ein weiterer Faktor ist die Bankenunion, die eine bessere Aufsicht und grössere Transparenz im Bankensektor mit sich bringt. Zudem haben sich Länder wie Irland oder Spanien in der Zwischenzeit gefangen, das Vertrauen der Märkte ist gewachsen.
  • Die EZB: Ihre Rolle als Kreditgeber der letzten Instanz war bis im Sommer 2012 unklar gewesen. Dann folgte das Bekenntnis von Mario Draghi, notfalls alles für den Erhalt der Währungsunion zu tun. Fürs nächste Jahr plant die Europäische Zentralbank zudem den Aufkauf von Staatsanleihen, was ein weiterer Grund für Anleger wäre, sich bei einem Austritt von Griechenland nicht Hals über Kopf von diesen Papieren zu trennen.
  • Neues Personal: In Frankreich steht François Hollande im dritten Jahr seiner Präsidentschaft, und ist dringend auf wirtschaftliche Erfolge angewiesen. Gleiches gilt für Matteo Renzi, der in Italien dieses Jahr das Ruder übernahm. Die beiden Mitte-links-Exponenten sind ein Faktor, der das Denken in Brüssel beeinflussen kann: Ähnlich wie Griechenland verlangen sie für ihre Länder weniger harte Sparbedingungen.

Die Spielregeln haben sich in den letzten zwei Jahren zugunsten der Troika geändert. Rein wirtschaftlich gesehen wäre der Grexit fürs Euroland heute weniger gravierend als 2012, auch wenn dabei Kredite abgeschrieben würden. Syriza bekräftigt heute offen den Wunsch, mit Griechenland in der Euro-Gemeinschaft zu bleiben. Es zählt dabei auf das stärkere Gewicht der Austeritätskritiker in Europa. Ihrerseits müsste die Union einer allfälligen Syriza-Regierung in der Schuldenfrage echte Zugeständnisse machen.

Im Optimalfall nutzt Europa das Jahr 2015 gleich mehrfach. Dies, indem es nicht nur für Griechenland, sondern gleich für den ganzen Währungsraum einen konstruktiven Umgang mit den Schulden findet. Wahrscheinlicher ist ein Kompromis. Im Fall Griechenland bestehen Möglichkeiten bei den Zins- und Laufzeitmodalitäten sowie beim ESM (er könnte gewisse Bankschulden übernehmen, die bisher der griechische Staat getragen hat). In Athen sind die Kassen spätestens im August leer. Bis dahin blüht eine mühsame Verhandlungszeit – inklusive der bekannten Grexit-Drohungen. (baz.ch/Newsnet)

(Erstellt: 30.12.2014, 14:21 Uhr)

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