Wirtschaft

«Ich finde die Herabstufung total positiv»

Interview: Michel Wenzler. Aktualisiert am 07.08.2011

Seit Standard & Poor's die Kreditwürdigkeit der USA heruntergestuft hat, herrscht unter Finanzmarktanalysten Aufregung. Finanzexperte Martin Janssen erklärt, weshalb ihre Sorgen übertrieben sind.

Hiobsbotschaft oder willkommener Weckruf? Händler an der New Yorker Börse. (4. August)

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Bild: Keystone

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Glaubt, dass sich die Herabstufung der Kreditwürdigkeit weniger stark auf die Börse auswirken wird als befürchtet. Martin Janssen. (Bild: PD)

Zur Person

Martin Janssen ist Professor am Institut für Banking und Finance der Universität Zürich.

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Herr Janssen, die Ratingagentur Standard & Poor’s hat die Kreditwürdigkeit der USA von AAA auf AA+ herabgesetzt. In den USA hat das bei Politikern und Finanzmarktanalysten zu heftigen Reaktionen geführt. Wie tragisch ist der Entscheid von S&P tatsächlich?
Nicht der Entscheid von S&P ist tragisch. Die Fakten sind tragisch: Wir haben eine starke Volkswirtschaft, die in einer Krise steckt und fast nicht mehr aus der Rezession kommt. Der Staat hat ein Defizit angehäuft wie noch nie, die Schulden nehmen weiter zu, und die Politiker haben in den letzten Wochen ein komisches Theater gespielt, bis es endlich zu einer Einigung im Schuldenstreit gekommen ist. Die Herabstufung des Ratings ist eigentlich nur eine Beschreibung dieser Situation. Es handelt sich um einen Nachvollzug der Realität, nicht um eine Prognose.

Standard & Poor’s wird für diesen Nachvollzug der Realität jedoch kritisiert. In den USA sind bereits Stimmen laut geworden, die sagen, die Agentur liege bei ihrer Einschätzung total daneben. Ist das bereits die Fortsetzung des politischen Theaters?
Es handelt sich hier nicht um eine wirtschaftliche Angelegenheit, sondern um ein politisches Geplänkel. Es ist gut, dass diese Diskussion stattfindet und sich Standard & Poor’s die Frechheit herausnimmt, die Bonität der USA hinunterzustufen – im Wissen darum, wie stark die amerikanische Wirtschaft im Grunde ist. Die Agentur sagt: «Liebe Kollegen in Washington, ihr macht einen schlechten Job.» Das ist die Aussage von S&P. Zwar weiss dies bereits die ganze Welt, aber die Ratingagentur hängt dies bewusst noch einmal an die grosse Glocke.

Das ist mutig.
Ja, das ist mutig. Ich finde das total positiv. Die Herabstufung ist nichts weiter als das Spiegelbild der politischen Schwäche des US-Systems.

Die beiden anderen grossen Ratingagenturen, Moody’s und Fitch, verzichteten offenbar darauf, ein Spiegelbild dieser politischen Schwäche zu zeichnen. Sie haben diese Woche die Kreditwürdigkeit der USA bei AAA belassen. Weshalb?
Die Ratingagenturen haben Modelle, um solche Veränderungen herzuleiten. Und diese unterscheiden sich von Agentur zu Agentur. Es verhält sich wie bei Firmen, die Brot backen: Das Brot muss nicht bei allen gleich schmecken.

Amerikanische Staatsanleihen galten bisher als Mass der Dinge. Wohin werden die Märkte nun flüchten?
Ich erwarte jetzt keine gewaltigen Reaktionen. Diese haben sich bereits in den letzten Monaten ereignet. Die Amerikaner bezahlen bereits höhere Zinsen, als sie sonst zahlen würden. Aber einmal mehr zeigt sich folgende Problematik. Es gibt auf der Welt nicht viele zuverlässige Staaten, die ein Reservoir an zahlungskräftigen Steuerzahlern haben. Die Schweiz ist einer, Deutschland ein anderer, und es gibt noch ein paar mehr. Aber nicht mehr viele.

Was bedeutet die Herabstufung der USA nun für die Frankenstärke? Hat sie letztlich gar keinen Einfluss mehr, wenn es sich nur um einen Nachvollzug handelt, wie Sie sagen?
Natürlich ist jeder Rappen, um den der Schweizer Franken aufgewertet wird, schlecht für die Exportindustrie. Aber da es sich bei dieser Herabstufung, wie gesagt, um einen Nachvollzug handelt, rechne ich nicht damit, dass nun der Franken am Montag gemessen am Dollar grosse Sprünge machen wird.

Die Finanzmarktanalysten und Kommentatoren in den USA machen sich aber bereits auf einen turbulenten Börsenstart am Montag gefasst.
Das habe ich gelesen. Ich teile diese Meinung nicht. Meiner Meinung nach passiert am Montag nicht mehr als sonst an einem typischen Börsentag in diesen Tagen.

Martin Janssen ist Professor am Institut für Banking und Finance der Universität Zürich. (baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 06.08.2011, 14:49 Uhr

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