«Ihr Schweizer lebt neben einem grossen, betrunkenen Elefanten»

Interview: Mark Dittli, Peter Kuster, «Finanz & Wirtschaft». Aktualisiert am 18.05.2010 66 Kommentare

Willem Buiter, Chefökonom von Citigroup, ist bekannt für ungeschminkte Äusserungen. Er hat die Schuldigen der Euro-Krise geortet – und die Lage der Schweiz analysiert.

Zwei Grosse der Finanzbranche unter sich: Financier George Soros (l.) spricht zu Willem Buiter, der ganz genau zuhört.

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Der Ökonom Willem Buiter ist bekannt für markige Worte. Als Professor der London School of Economics und Kolumnist der «Financial Times» war er während der Finanzkrise einer der weitsichtigsten Beobachter des Geschehens (vgl. Interview in FuW Nr. 86 vom 4. November 2009). Ende 2009 wechselte er überraschend als Chefökonom zu Citigroup. Die Befürchtung, er werde dadurch zahm, hat sich nicht bewahrheitet. Nach Ansicht Buiters ist der griechische Staat insolvent. Das beschlossene Rettungspaket diene in erster Linie dazu, den Banken allzu grosse Abschreibungsverluste zu ersparen.

Herr Buiter, was halten Sie vom gewaltigen Rettungs- und Stabilisierungspaket, das die EU-Finanzminister gezimmert haben?
Es löst in der kurzen Frist die Liquiditätskrise am Markt für Euro-Staatsanleihen. Insofern ist das beschlossene Vehikel ein politischer Erfolg, denn es legt die Basis für ein dringend benötigtes neues finanzpolitisches Instrument. Wenn der Fonds so ausgestaltet wird, wie ich denke, dann öffnet er den Weg für die Emission supranationaler Euro-Bonds, die von allen Ländern der Währungsunion gemeinsam garantiert werden und die dann benutzt werden können, um Finanzierungskrisen einzelner Mitglieder zu überbrücken.

Ist er mit 440 Milliarden Euro gross genug?
Für den Moment ja. Ich gehe aber davon aus, dass er permanent gemacht – nicht wie jetzt vorgesehen auf drei Jahre beschränkt – und im Lauf der Zeit deutlich aufgestockt wird. Mittelfristig dürfte das Vehikel mit Kapital und Garantien in Höhe von rund 2000 Mrd. € ausgestattet werden. Damit das Projekt funktioniert, muss der supranationale Fonds zudem scharfe Zähne haben. Einem finanziell angeschlagenen Land müssen harte Sparmassnahmen aufgezwungen werden können.

Hat der Fonds das aus heutiger Sicht? Hat er genügend scharfe Zähne?
Das wissen wir noch nicht. Aber das ist ein zentraler Punkt, denn ohne glaubhafte Kompetenzen würde der Fonds zu einer permanenten Umverteilungs- und Subventionsmaschine für die schwachen Euroländer. Das würde die Bevölkerung in den starken Ländern nicht schlucken, und die Währungsunion zerbräche früher oder später daran. Wir werden schon bald sehen, wie hart die Euro-Institutionen mit einem finanziell angeschlagenen Mitglied umzugehen bereit sind. Griechenland wird es zeigen.

Wie genau?
Der griechische Staat ist insolvent. An dieser Tatsache ändert auch das jüngste Hilfspaket nichts. Es wird zu einer Restrukturierung mit Schuldenschnitt kommen.

Weshalb denn die Liquiditätsüberbrückung? Wieso wurde nicht sofort eine Restrukturierung in Angriff genommen?
Ökonomisch gesehen wäre das die bessere Vorgehensweise gewesen. Die Erfahrung mit staatlichen Finanzkrisen lehrt, dass ein Schuldenschnitt so rasch wie möglich vorgenommen werden sollte, sobald er unabwendbar ist. Der gewählte Weg hat nur einen Zweck: Den Banken wird Zeit gegeben, ihre griechischen Bonds loszuwerden. Wäre ein Schuldenschnitt umgehend beschlossen worden, wären die griechischen sowie einige deutsche und französische Banken kollabiert.

Wer wird die Abschreibungsverluste am Ende denn tragen?
Die staatsgarantierten oder -kontrollierten Institutionen, denen die Geschäftsbanken ihre griechischen Bonds wahrscheinlich zu aufgeblähten Preisen verkaufen werden. Am Ende also die Steuerzahler – ein weiteres Beispiel, wie Banken ihre Verluste verstaatlichen können.

Wie gross wird der griechische ‹Haircut› sein, und wann wird er kommen? Ich rechne mit 30 bis 40% und wohl spätestens im Jahr 2012. Dann läuft nämlich die Überbrückungshilfe aus, und Griechenlands Staatsschuld wird bis dann von heute 120 auf über 150% des Bruttoinlandprodukts gestiegen sein.

Sie sagen, Griechenland sei insolvent. Gilt das auch für Spanien, Portugal, Italien und Irland?
Nein. Die Relation zwischen Verschuldung respektive Defizit und Bruttoinlandprodukt in den anderen vier Ländern ist weniger schlimm als in Griechenland. In Irland beispielsweise ist das Budgetdefizit bedeutend zyklischerer Natur, während es in Griechenland strukturell ist. Besorgnis erregend ist indes die hohe externe Verschuldung des Privatsektors in Spanien und Portugal, ein Faktor, der im Auge zu behalten ist. Die Grundfrage in all diesen Ländern lautet: Ist das politische System bereit und in der Lage, der Bevölkerung ein schonungsloses – denn das ist nötig – Austeritätsprogramm aufzubürden? In Irland ist das bereits geschehen, die Beamtenlöhne wurden markant gekürzt. Zu Ausschreitungen kam es dort kaum.

Ist Spanien vom politischen System her denn eher vergleichbar mit Irland oder mit Griechenland?
Eher mit Irland. Sowohl in Spanien als auch in Portugal haben die Oppositionsparteien angekündigt, die Regierung in den Sparprogrammen zu unterstützen. Sogar die autonomen Gebiete in Spanien haben ihren Sukkurs angemeldet. Das ist ein wichtiger Unterschied zu Griechenland: In Athen scheint niemand bereit zu sein, für das Gemeinwohl auf irgendwelche Ansprüche zu verzichten.

Die Schweizerische Nationalbank interveniert seit Monaten kräftig am Devisenmarkt, um eine zu starke Frankenaufwertung zu verhindern. Tut sie das Richtige?
Sie hat keine andere Wahl. Ihr Schweizer lebt neben einem grossen, betrunkenen Elefanten. Dieser Elefant fällt jetzt um. Ihr könnt ihn nicht aufhalten, sondern nur versuchen, ihm so gut wie möglich aus dem Weg zu gehen. Es ist Euer Unglück, dass Ihr kulturell, geografisch und wirtschaftlich so eng in die Eurozone eingebunden seid.

Kann die Nationalbank ihre Bilanz unendlich mit Euro-Papieren ausdehnen?
Es gibt keine Limite. Fragen Sie die Chinesen. Klar, die Strategie kann Kosten verursachen, etwa wenn die Notenbank für ihre Währungsreserven einen lausigen Zins erhält. Aber Notenbanken sind ja auch keine Unternehmen, die ihren Profit maximieren müssen.

Europas Politiker haben sich lauthals über Spekulanten an den Märkten empört. Ist an dieser Kritik etwas dran?
Nein. Einige Politiker mögen zwar selbst daran glauben, aber das ist Unsinn. Die Politiker haben versagt, hier handelt es sich um ein Fiskal- und nicht um ein Marktproblem. Auch wenn es den Markt für Credit Default Swaps nicht gäbe, auch wenn keine Möglichkeit existierte, auf fallende Kurse in südeuropäischen Staatsanleihen zu setzen: Die Obligationenkurse wären trotzdem wie ein Stein gefallen, und das mit gutem Grund. Wir haben es mit einem real existierenden Risiko von Staatsbankrotten zu tun, weil über Jahre zu viel Geld ausgegeben wurde. Das lässt sich nicht wegdiskutieren. (baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 18.05.2010, 14:06 Uhr

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66 Kommentare

Rudolf Elmer

18.05.2010, 14:48 Uhr
Melden 1 Empfehlung

Staatsanleihen wurden von Banken vertrieben und verkauft. Solange es nicht zur Griechenlandkrise kam, haben die Banken fette Kommission eingestrichen und nicht auf die Bonität des Schuldners geschaut. Es ist unglaublich, dass der Chefoekonom der Citibank die Schuld den Politikern in die Schuhe schiebt. Auch Buiter´s Kompensation wurde durch die fetten Kommission finanziert. Ehrlichkeit wo bist Du Antworten


Carlo Schnydrig

18.05.2010, 14:53 Uhr
Melden 1 Empfehlung

Wann leuchtet eigentlich der Politik ein, dass die Bankrisiken durch die Banken selbst zu tragen sind? Wenn dies bereits geschehen sein sollte, warum wir nicht energischer gehandelt und das für den Steuerzahler gefährliche Risiko abgewendet? Vermutlich liegt dies an der Unfähigkeit und Unvermögen der Politik gegenüber den weiterhin tonangebenden Banken und deren Arroganz. "Ziel erkannt-Versagt". Antworten



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