Wirtschaft

Jung, aber nicht der Norm entsprechend

Von Daniel Schneebeli. Aktualisiert am 08.01.2011 16 Kommentare

Der Einstieg ins Berufsleben fällt vielen schwer. Unter 25-Jährige sind fast doppelt so häufig arbeitslos wie ältere Berufstätige.

Noch immer hat er keinen Ausbildungsplatz: Pascal Fehrs Zukunft ist ungewiss. (Bild: Sophie Stieger)

Die Strahlkraft der Schweiz nimmt ab

Die Schweiz ist mit ihrem Bildungssystem, das neben der akademischen Laufbahn vor allem auf die Berufslehre setzt, ein Vorbild in Europa. Dieses praxisorientierte Modell garantiert, dass die Jugendlichen so ausgebildet werden, wie sie nachher gebraucht werden. Die weitverbreiteten Bildungssysteme, die hauptsächlich die Hochschulbildung kennen, produzieren eher Arbeitskräfte, für die wenig Nachfrage besteht.

Das zeigt sich an den Arbeitslosenquoten der Berufseinsteiger. Im Vergleich mit dem Ausland haben diese in der Schweiz die besten Chancen. In der EU sind Quoten für junge Arbeitnehmer im Schnitt doppelt so hoch. Am schwierigsten haben es in den Industrieländern die Spanier. Die hohe Jugendarbeitslosigkeit treibt nicht nur die Sozialkosten in die Höhe, sie schmälert auch das allgemeine Wohlbefinden der Jugend und schürt soziale Konflikte.

Für Avenir Suisse, die Denkfabrik der Wirtschaft, nimmt aber die Strahlkraft des Schweizer Modells ab. Vergleicht man die Quoten der Jugendarbeitslosigkeit mit der allgemeinen Arbeitslosenquote, stellt man fest, dass sich das Verhältnis in der Schweiz überdurchschnittlich verschlechtert hat. Die relative Jugendarbeitslosigkeit liegt bei nahezu 200 Prozent. Junge sind also doppelt so häufig arbeitslos wie die übrigen Berufstätigen. Damit unterbietet die Schweiz nur noch knapp den Schnitt der OECD-Länder, wo die relative Jugendarbeitslosigkeit bei gut 210 Prozent liegt. Noch vor 10 Jahren betrug sie in der Schweiz noch weniger als 150 Prozent.

Avenir Suisse führt das Phänomen auf mehrere Ursachen zurück. Unter anderem könne das Berufsbildungssystem mit der Globalisierung des Arbeitsmarktes nicht mithalten. Internationale Firmen würden zu wenig Lehrstellen in den neuen Boombranchen anbieten. Vor allem aber verlangt Avenir Suisse nach mehr Akademikern und jüngst auch nach Lehrstellen für diese.

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«Das grösste Übel der heutigen Jugend ist, dass man selber nicht mehr dazugehört», sagte Salvador Dalí. Doch jene, die dazugehören, haben es auch nicht leicht, könnte man fortfahren – etwa nach einem Blick in die Arbeitslosenstatistik. Junge Menschen zwischen 15 und 24 Jahren sind viel häufiger ohne Beschäftigung als andere. 2009 waren gemäss Arbeitskräfteerhebung des Bundes 8,2 Prozent von ihnen arbeitslos, während die Quote über alle Erwerbstätigen gemessen bei 4,1 Prozent lag. Junge fallen entweder aus dem Arbeitsprozess, weil sie nach der Lehre keine Stelle finden, oder sie schaffen den Einstieg ins Berufsleben schon nach der Schule nicht. In Amtsdeutsch heisst das «ohne Anschlusslösung». Diese Jugendlichen laufen Gefahr, in der heiklen Phase des Erwachsenwerdens den Boden unter den Füssen zu verlieren.

Besonders gefährdet, in diese «Risikogruppe» abzudriften, sind Fremdsprachige, Schulschwache und Sonderlinge – wie zum Beispiel Pascal Fehr, Schweizer, aufgewachsen zusammen mit seiner Mutter und seiner Schwester in Zürich-Affoltern. Sein Vater lebt auch in der Stadt, aber zu ihm hat er keine starke Beziehung. Bei unserem Besuch macht es zwar nicht den Anschein, als ob Pascal gefährdet sein könnte. Der schlanke, bleiche 19-Jährige empfängt uns in der Rümlanger Kabelfabrik Kertesz. Dort hütet er zwei Wochen das Büro des Logistikchefs, in seinem ersten Praktikum überhaupt.

Die Schule war eine Qual

Abzuzeichnen begannen sich Pascals Probleme bereits in der Primarschule. Er war wortkarg, scheu und verschlossen. Im Unterricht kam er gut mit, aber die Klassenkameraden schnitten und hänselten ihn. Pascal war ein Aussenseiter, die Schule war eine grosse Qual. Nach der sechsten Klasse hatte er genug und weigerte sich, in die Sekundarschule zu gehen. Schliesslich blieb seiner Mutter und den Behörden nichts anderes übrig, als ihn in Schwamendingen, wo ihn niemand kannte, in eine Sonderschule zu schicken. Dort ging es «einigermassen», und nach zwei Jahren trat Pascal in eine Normalklasse der Sekundarschule A über. Seine Schulnoten waren zwar nicht Spitze, aber genügend. Doch der Norm entsprach Pascal nicht, richtige Freunde fand er auch in Schwamendingen keine.

Dann kam die Lehrstellensuche. Einen Traumberuf hatte Pascal auf seinen Fahrten nach Schwamendingen gefunden: Buschauffeur. «Einfach den ganzen Tag allein Busfahren, das stellte ich mir schön vor», sagt er. Pascal schrieb über 50 Bewerbungen, als Automechaniker, Konstrukteur. Er tat es allein, liess sich von niemandem helfen, auch dann nicht, als sich der Misserfolg abzeichnete. Pascal weigerte sich auch, in ein 10. Schuljahr zu gehen: «Von der Schule hatte ich endgültig genug.» Und so blieb er ohne Anschlusslösung und nach den Sommerferien einfach daheim. Am Computer spielte er Schach, und sonst tat er nichts. «Ich hockte nur noch zu Hause und bemitleidete mich selber.» Seine wenigen Kameraden gingen verloren, hie und da schrieb er eine Bewerbung, aber ohne Lust und Überzeugung. Das ging zwei Jahre lang so, bis Pascal merkte: «Ich schaffe es nicht allein.»

Schummeln im Lebenslauf

Er ging zur Regionalen Arbeitsvermittlung. Der Berater hatte keine Freude an ihm: «Er machte mir eigentlich nur Vorwürfe und kritisierte, ich hätte alles falsch gemacht», sagt Pascal. Er bekam den Auftrag, einen Platz in einem Motivationssemester zu suchen. Doch auch das ging schief. Er sei zu alt, hiess es, oder zu lange untätig gewesen.

Dann versuchte es Pascal, mittlerweile 18, mit einem Integrationsprogramm. Man optimierte Pascals Unterlagen, trainierte mit ihm Bewerbungsgespräche. Doch der Erfolg blieb aus. Kein Praktikum, nichts. In der Verzweiflung rieten ihm die Berater, in der Bewerbung ein bisschen zu schummeln und in die wachsende Lücke seines Lebenslaufs wenigstens einen Auslandsaufenthalt einzubauen. Doch das konnte Pascal mit seinem Gewissen nicht vereinbaren. Immer mehr hatte er das Gefühl, seine Odyssee werde ewig weitergehen.

Endlich ein Lichtblick

Dann sah Pascal in der Auslage eines Berufsberaters den Flyer von Jobshop, der Temporäreinsätze für stellenlose Jugendliche vermittelte. Im April 2010 ging er dort vorbei. Es war der erste Lichtblick seit langem: «Man hat mich mit offenen Armen empfangen», erzählt Pascal. Bald konnte er seine ersten Stundeneinsätze leisten. In einer Druckerei musste er Drucksachen in Couverts abfüllen, Botengänge durchführen, sauber machen. Es waren Hilfsarbeiten, aber Pascal erledigte sie gut: «Seit langem habe ich wieder einmal ein positives Feedback erhalten.» Und was besonders erfreulich war: Pascal verdiente 18 Franken pro Stunde.

Häufig waren diese Einsätze nicht, doch sie setzten einiges in Bewegung. Im letzten Sommer wurde er im privaten Integrationsprogramm Impulsis aufgenommen. Dort geht Pascal einen Tag pro Woche zur Schule; im Oktober konnte er bei Kertesz anfangen. Das macht den Jugendlichen zufrieden: «Es ist ein grosses Glück, dass ich hier sein darf, mit einem Chef, der mir Vertrauen entgegenbringt.» Pascal sieht sich nun auf dem Weg zurück: «Ich bin daran, im Leben wieder Fuss zu fassen.»

Lücken füllen

Doch sicher ist das noch nicht. Erst muss er nun als 19-Jähriger eine Lehrstelle finden. Mittlerweile will er nicht mehr Busfahrer werden, sondern eine KV-Lehre machen. Eben konnte er sich bei einer Personalvermittlungsfirma vorstellen. Die Lücke in seinem Lebenslauf begründete er in der Bewerbung mit dem Satz: «Aufgrund von schwierigen familiären Verhältnissen war es mir in dieser Zeit nicht möglich, zu arbeiten.»

Was aber geschieht im Sommer, wenn es mit der Stellensuche erneut nicht klappt? «Dann stehe ich wieder am Anfang», sagt Pascal. Doch diesmal hat er Hoffnung. Er sei offener und selbstbewusster geworden, sagt er, und er habe die schwierigen Jahre ohne Absturz überstanden. Er rauche nicht, trinke nicht und nehme keine Drogen. Fuss fassen will Pascal im Leben auch privat. Manchmal wünscht er sich sogar seine Kollegen aus der Primarschule zurück, und kürzlich war er mit seiner Schwester erstmals ausgegangen. Es sei zwar nicht leicht gewesen unter den vielen Leuten, aber er habe es ausgehalten.

Zunehmende Vereinsamung

Ist Pascal Fehr mit seiner Geschichte ein Spezialfall unter der vielen jugendlichen Arbeitslosen? André Willi, Geschäftsleiter beim Integrationsprogramm Impulsis, verneint das. Er betreut in seiner Organisation immer mehr depressive Jugendliche. Die anonyme Partyszene und die Verlagerung der Kontaktpflege auf die virtuelle Ebene seien vor allem für labile Jugendliche gefährlich. Sie würden vermehrt zu Hause bleiben und ihre realen Kontakte verlieren. Die Vereinsamung sei aber nicht nur ein Problem in den sogenannt bildungsfernen Schichten. Immer mehr habe Impulsis mit desillusionierten Jugendlichen von der Goldküste zu tun. Er stellt bei ihnen eine zunehmende Lethargie fest. Für ihn ist das nicht verwunderlich. «Wie soll man Jugendlichen den Sinn des Arbeitens vermitteln, wenn sie auch ohne alles haben können?»

Trotzdem ist Willi sehr zuversichtlich. Bei Impulsis gelinge es, für 90 Prozent der Jugendlichen nach einem Jahr eine Lehrstelle oder einen Platz in einer anderen Ausbildungsform zu finden. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 08.01.2011, 10:42 Uhr

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16 Kommentare

Maja naef

10.01.2011, 08:30 Uhr
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Die Lehrer mussten doch bemerkt haben, dass Pascal sich zum Aussenseiter entwickelt. Warum haben die Pädagogen nicht früher gehandelt. Es steht nämlich nirgends festgeschrieben, dass EINER immer der gehänselte sein muss. Antworten


Martin Bürlimann

08.01.2011, 11:00 Uhr
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Die gestiegene Jugendarbeitslosigkeit ist eine direkte, zwangsläufige und vorhergesagte Folge der Personenfreizügigkeit. Antworten



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