Wirtschaft

Junge arbeiten häufiger nur auf Zeit

Von Andrea Fischer. Aktualisiert am 15.11.2010 13 Kommentare

Befristete Arbeitsverhältnisse haben auch in der Schweiz markant zugenommen, allen voran die Praktika. Für die Arbeitnehmenden bedeutet dies mehr Unsicherheit und weniger rechtlichen Schutz.

Nicht überall sind befristete Stellen so klar reglementiert: Im Gastgewerbe haben saisonal befristete Stellen Tradition und unterstehen dem landesweiten GAV.

Nicht überall sind befristete Stellen so klar reglementiert: Im Gastgewerbe haben saisonal befristete Stellen Tradition und unterstehen dem landesweiten GAV.
Bild: Keystone

Rund 250'000 Personen waren im Jahr 2008 in einem befristeten Arbeitsverhältnis. Das sind 70'000 oder 40 Prozent mehr als zu Beginn des Jahrzehnts, heisst es in einer Studie, welche das Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) Anfang Oktober veröffentlichte. Unter den befristeten Arbeitsverhältnissen finden sich etwa zeitlich begrenzte Projekte oder Stellen von Lehrern, die jährlich wiederzuwählen sind; beide sind in der Regel gut bezahlt, die Unsicherheit ist also meist nur eine zeitliche.

Kostensparende Variante für die Betriebe

Der stärkste Zuwachs geht jedoch auf Praktikumsstellen zurück. Diese sind nicht nur zeitlich auf einige Monate beschränkt, sondern meist auch nicht gut bezahlt. Praktika weisen aus Sicht der Studienautoren also zwei Unsicherheitsfaktoren auf und gelten daher tendenziell als prekäre Arbeitsverhältnisse.

Bekannt ist das Phänomen zum einen bei Absolventen der KV-Lehre, von denen viele keine feste Stelle finden und sich deshalb mit einem befristeten Job oder einem Praktikum begnügen müssen. In den letzten Jahren habe sich die Zahl der KV-Praktika verdoppelt, sagt Andrea Ruckstuhl, Leiter Ressort Jugend im KV Schweiz. Die Gründe sieht Ruckstuhl vor allem in den Erwartungen der Unternehmen, die von Lehrabgängern eine berufliche Spezialisierung erwarten, welche diese aufgrund ihrer breiten Ausbildung noch gar nicht haben können. Mit den Praktika sparten sich manche Betriebe die Kosten für die Einarbeitungszeit. «Man kauft sich hohe Qualität ein für wenig Geld», so Ruckstuhl.

Politik mitverantwortlich

Nicht so hart ins Gericht mit den Unternehmen geht man beim Seco. Die Praktika seien nicht zuletzt vonseiten der Politik gefordert worden, sagt Werner Aeberhardt, Leiter des Ressorts Arbeitsmarktanalyse und Sozialpolitik. «Man hat von den Betrieben verlangt, dass sie wenigstens Praktika anbieten, wenn sie keine Stellen haben.» So lasse sich verhindern, dass Lehrabgänger auf der Strasse stünden. Ob es weitere Gründe für die markante Zunahme gebe, kann Aeberhardt nicht beantworten: «Wir haben dies nicht untersucht.»

Einig sind sich die Experten darin, dass die Praktika für ausgebildete Berufsleute klar zu unterscheiden sind von jenen für Hochschulabgänger. Letztere verfügten über keinerlei praktische Erfahrung und könnten von einer betrieblichen Einführung nur profitieren, sagt Aeberhardt.

Win-win-Situation?

So sieht man das auch beim WWF, der seit Jahren zahlreiche Praktikumsstellen anbietet. Diese seien sehr beliebt und die Rückmeldungen positiv, sagt Holger Spiegel vom WWF Schweiz. Die Praktikanten hätten die Gelegenheit, die grösste Schweizer Umweltorganisation kennen zu lernen und sich dabei ein Netzwerk aufzubauen. Für eine volle Stelle erhalten sie 2700 Franken Lohn. Von einer Ausnützung billiger Arbeitskräfte könne keine Rede sein, sagt Spiegel. Zwar profitiere der WWF von den Praktikanten, investiere dafür aber auch sehr viel. Praktika für Hochschulabsolventen seien in der Regel eine Win-win-Situation, ein Arbeitsverhältnis, von dem beide Seiten profitierten.

Arbeitsmarkt durchlässig

Ging man bis anhin davon aus, dass prekäre, unsichere Arbeitsverhältnisse vor allem in wirtschaftlich schwierigen Zeiten stärker verbreitet sind, so kommt die Seco-Studie zu einem andern Befund: Demnach haben gerade die befristeten Verträge, namentlich die Praktika auch in den Jahren der Hochkonjunktur nach 2004 markant zugelegt. Das Phänomen der «Generation Praktikum», wie sie bislang nur aus den Nachbarländern bekannt war, wird nach Ansicht der Studienverfasser auch in der Schweiz an Bedeutung gewinnen.

Dennoch bestehe momentan kein Grund zur Besorgnis, habe sich der Schweizer Arbeitsmarkt bislang doch als sehr durchlässig erwiesen. Die meisten bleiben demnach nur vorübergehend in prekären Arbeitsverhältnissen. Auch sind die Chancen von Jüngeren, gut Ausgebildeten intakt, irgendwann im Arbeitsmarkt Tritt zu fassen.

Kettenverträge sind verboten

Problematisch wird es, wenn Arbeitnehmende aus unsicheren Arbeitsverhältnissen nicht mehr herauskommen. So wie etwa jene Frau, die sich unlängst Rat suchend an den TA wandte. Nachdem sie im Alter von 60 Jahren wegen einer Restrukturierung ihren langjährigen Arbeitsplatz verloren hatte, war sie froh, kurz darauf wenigstens in einer befristeten Anstellung unterzukommen.

Diese wurde in der Folge bis kurz vor ihrer Pensionierung unzählige Male verlängert, jeweils nur für ein paar Monate. Solche Kettenverträge sind zwar nicht erlaubt und die Frau hätte demnach die gleichen Rechte gehabt wie Festangestellte im Betrieb, so etwa einen Anspruch auf den 13. Monatslohn. Doch hätte sie dies vom Arbeitgeber einfordern müssen. Das Risiko, dann ihren Job zu verlieren, war ihr aber zu gross, weshalb sie die ständige Unsicherheit und Ungerechtigkeit der sicheren Arbeitslosigkeit vorzog. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 14.11.2010, 20:20 Uhr

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13 Kommentare

Denise Stettler

15.11.2010, 11:52 Uhr
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Ich habe in der Schweizer Niederlassung eines französischen Unternehmens gearbeitet. Dort wurde alle 1 1/2 Jahre ein neuer Praktikant (nach Studienabschluss) aus Frankreich angestellt für ca. CHF 2500.-/Monat. Wortwörtliche Begründung des Chefs: Festangestellte Schweizer sind zu teuer. Denke, dass sich viele Firmen so günstige Arbeitskräfte holen, die das gleiche leisten wie Festangestellte. Antworten


sepp zuercher

15.11.2010, 07:46 Uhr
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Praktika auch Jahre nach Abschluss der Ausbildung? Die Unsitte hält nun auch in der Schweiz Einzug, in den Nachbarländern funktionierts ja schon bestens. Wie würden unsere bürgerlichen Politiker argumentieren: Es brauche diese Flexibilität, damit die Schweiz konkurrenzfähig bleibe gegenüber dem Ausland, der faule Arbeitnehmer solle gefälligst froh sein, dass er überhaupt was zu arbeiten habe. Antworten



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