Wirtschaft

Kann der IWF Europa retten?

Von Philipp Löpfe. Aktualisiert am 23.11.2011 40 Kommentare

Eine weltweite Ausdehnung der Finanzseuche droht. Europa ist unfähig zu handeln. Einige Banken bereiten sich bereits auf den Zusammenbruch vor. Jetzt will der Internationale Währungsfonds (IWF) eingreifen.

Die übrige Welt will über den Internationalen Währungsfonds (IWF) den Europäern jetzt noch verstärkt beistehen: IWF-Chefin Christine Lagarde (rechts) mit dem Präsidenten des wichtigsten IWF-Gläubigerlandes USA, Barack Obama (links).

Die übrige Welt will über den Internationalen Währungsfonds (IWF) den Europäern jetzt noch verstärkt beistehen: IWF-Chefin Christine Lagarde (rechts) mit dem Präsidenten des wichtigsten IWF-Gläubigerlandes USA, Barack Obama (links).
Bild: Keystone

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Bisher war das Auseinanderbrechen des Euro ein Planspiel. Eine Aufteilung in Nord- und Südeuro oder gar eine Rückkehr zu D-Mark, Franc und Gulden wäre viel zu teuer und praktisch nicht machbar, lautete der Befund von verschiedenen Studien. Doch jetzt meldet das «Wall Street Journal», dass sich die CLS Bank International ernsthaft damit beschäftigt, wie ein Zerfall der Einheitswährung zu bewältigen sei. Die CLS Bank ist nicht irgendwer. Sie ist das Zentrum des internationalen Devisenhandels und gehört gemeinsam 63 global tätigen Banken. Über sie wird die Mehrheit aller Devisentransaktionen abgewickelt. Die Lage wird also sehr ernst.

Die Banken haben allen Grund, sich mit einem Eurocrash zu befassen. Europa ist ganz offensichtlich nicht in der Lage, die Situation in den Griff zu bekommen. Zuerst galt es, die Krise auf Griechenland zu beschränken, dann kamen Portugal und Irland dazu. Jetzt sind Italien und Spanien an der Reihe. Nun droht gar eine weltweite Ausbreitung der Finanzseuche. Deshalb tritt jetzt auch die internationale Finanzpolizei, der IWF, in Aktion und will sich um Europa kümmern. Gestern stellte er neue Instrumente vor, um notleidenden europäischen Staaten Kredite zu gewähren. «Der Fonds wurde gebeten, Massnahmen zu ergreifen, um den Mitgliedern bei der Bewältigung der Krise zu helfen», erklärte IWF-Direktorin Christine Lagarde.

«Das ist Kapitalflucht»

Europa geht das Geld aus. Angesichts der grossen Unsicherheit droht eine Kreditklemme. Investoren stossen Staatsanleihen panisch ab und weigern sich, neue zu kaufen. Die Geschäftsbanken hängen immer mehr am Tropf der Europäischen Zentralbank (EZB). Sie muss kurzfristige Kredite gewähren wie noch nie. Gestern gab die EZB bekannt, dass die Ein-Wochen-Darlehen auf 247 Milliarden Euros angestiegen seien, der grösste Betrag seit April 2009.

Gleichzeitig bringen nun offenbar auch die Italiener ihr Geld im grossen Stil ins Ausland. Der britische Wirtschaftsprofessor John Whittaker von der Lancaster University hat untersucht, wie viel jede der 17 Notenbanken der Euroländer bei der EZB ausgeliehen hat. Er hat dabei herausgefunden, dass die italienische Zentralbank zwischen Juni und September 109 Milliarden Euro bezogen hat. Zuvor hatten die Italiener noch ein Guthaben bei der EZB von rund 6 Milliarden Euro. Ganz offensichtlich wird hier Geld in Sicherheit gebracht. «Das ist Kapitalflucht», erklärt Whittaker in der «New York Times».

Europa wäre in der Lage, die Panik in den Griff zu bekommen. Der plausibelste Weg dazu wäre eine Kombination von EZB und dem Rettungsschirm EFSF. Dies würde den Investoren die Sicherheit geben, dass sie ihren Einsatz bei einem nationalen Staatsbankrott nicht verlieren würden. Damit würden auch die Zinsen wieder auf ein normales Niveau sinken. Derzeit kann bald nur noch Deutschland an den Finanzmärkten zu vernünftigen Konditionen Geld aufnehmen. Für die anderen Staaten, neuerdings auch für Frankreich und Österreich, steigen die Zinsen immer weiter.

Die Nothilfe des IWF reicht nicht

Deutschland weigert sich jedoch, die EZB zu einer richtigen Zentralbank auszubauen und sie zu einem Kreditgeber in letzter Instanz zu machen. Zu tief sitzt die Angst vor einer Inflation. Besonders stur gibt sich dabei der neue Präsident der deutschen Bundesbank, Jens Weidmann. Die Angst der Deutschen vor einer Inflation ist gemäss Einschätzung der führenden Ökonomen unbegründet. Die Gefahr eines Eurocrashs mit unabsehbaren Folgen ist hingegen sehr real geworden. Mit bitterem Zynismus stellt deshalb Martin Wolf, Chefökonom der «Financial Times», fest: «Die EZB riskiert, den Historikern künftig als orthodoxe Kathedrale einer gescheiterten Währungsunion in Erinnerung zu bleiben.»

Daran wird auch eine Nothilfe des IWF nichts ändern. Wenn Europa darauf hofft, von den Chinesen und Brasilianern via IWF aus dem Schlamassel gezogen zu werden, dann ist das geradezu fahrlässig naiv. Warum sollten ausgerechnet die Nationen, die erstens noch viel ärmer sind als die Europäer und zweitens die kolonialistische Vergangenheit noch in bester Erinnerung haben, dazu bereit sein? Der Schlüssel für eine mögliche Rettung liegt nicht in Peking, sondern in Berlin. Und wenn Berlin nicht bald einlenkt, dann wird auch die von Angela Merkel immer wieder vorgetragene Warnung Wirklichkeit. Sie lautet: Scheitert der Euro, dann scheitert Europa.

(baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 23.11.2011, 12:28 Uhr

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40 Kommentare

peter lauener

23.11.2011, 13:07 Uhr
Melden 37 Empfehlung

Und bei uns gibt es immer noch massenhaft Politiker die in die EU wollen. Antworten


Eron Thiersen

23.11.2011, 13:50 Uhr
Melden 29 Empfehlung

Der Titel sollte lauten, kann der IWF die Privatbanken und die privaten Investoren retten? Wahr ist dass eine Entkoppelung von Real- und Finanzwirtschaft stattfindet - es herrscht Wirtschaftskrieg zwischen Banken, Privatbanken, Interessengruppen, Ländern und Kontinenten. Das ist Fakt und das ist die Wahrheit! Wir brauchen Banken als Dienstleister nicht als Regierung! Antworten



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