Wirtschaft
Kriegsberichte von der Konsumentenfront
Von Martin Kilian, Washington. Aktualisiert am 26.11.2011 18 Kommentare
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Sie warteten seit Tagen vor amerikanischen Konsumschuppen, ob Walmart oder Target, Kohl’s oder BestBuy. Nachts schliefen sie in Zelten; als erste wollten sie zur Stelle sein, wenn der Black Friday um Mitternacht begann. Bei Walmart begann er sogar um 22 Uhr, nur Stunden, nachdem die Amerikaner im Kreis von Familien und Freunden zum Thanksgiving-Tag beträchtliche Mahlzeiten rund um die traditionellen Truthähne verdrückt hatten.
Die Viktualien waren teils noch unverdaut, als das alljährliche Kampf-Shopping begann. Massen drückten sich durch Türen, es wurde getrampelt und gestossen, mit Ellbogen gerempelt und hitzig geschimpft – um Laptops für 299 Dollar zu ergattern, Waffeleisen für zwei Dollar und Puppen für einen Bruchteil des normalen Preises. Konsum-Darwinismus brach sich Bahn: Wer zuerst einen grossen LCD-TV für 199 Dollar an sich reisen konnte, war King; wer leer ausging, ein Loser.
Arbeitsbeginn vor Mitternacht
Die Angestellten der Ketten hingegen mussten den gestrigen Familienfeiertag vorzeitig beenden und vielerorts vor Mitternacht zur Arbeit erscheinen, was zu Protesten geführt hatte. 37'000 unterschrieben eine Online-Bittschrift, um den Mitarbeitern des Einzelhandels-Riesen Target den frühen Arbeitsbeginn zu ersparen. Es half nichts. Denn die Ketten rüsten gegeneinander auf; wer zuletzt öffnet, den beissen verminderte Umsätze.
Das wettbewerbsmässige Shoppen wiederum gebar gewalttätige Szenen von ausserordentlicher Intensität: In Kinston in North Carolina griff die Polizei zum Pfefferspray, um einer Randale bei Walmart Herr zu werden. Die Konsumenten verliessen den Supermarkt mit tränenden Augen. In Myrtle Beach im benachbarten South Carolina blickten mehrere Frauen nach vollbrachtem Shoppen auf dem Parkplatz eines Walmarts um ein Uhr morgens in den Lauf einer Pistole. Zwei Räuber wollten ihren Anteil am Black Friday eintreiben, verkalkulierten sich jedoch: Eine der Käufererinnen zog ihrerseits eine Schusswaffe aus der Handtasche, worauf die Ganoven flüchteten. Die Polizei ermittelt jetzt.
Faustkampf in der Elektronikabteilung
In Rome im Staat New York wurden zwei Frauen bei einem Faust- und Ringkampf in der Walmart-Abteilung für Elektronisches verletzt. Man stritt sich um stark verbilligte Waren, wobei Konsumenten zu Boden gerissen wurden und Anarchie ausbrach. Die umgehend alarmierte Polizei griff ein. In Fayetteville in North Carolina fielen um zwei Uhr morgens sogar Schüsse in einem Einkaufszentrum. Der Sheriff des Kreises Cumberland, in dem sich Fayetteville befindet, fahndet nach zwei Verdächtigen. Niemand wurde anscheinend verletzt, weshalb das Shoppen nur kurzzeitig unterbrochen wurde.
Im San Fernando Valley nahe Los Angeles versuchte sich eine Käuferin in einem Walmart einen unlauteren Wettberwerbstvorteil zu verschaffen, indem sie Konkurrenten vor einem Regal mit stark verbilligten Videospielen kurzerhand mit Pfefferspray besprühte. «Ich habe Schreie gehört, und kurz danach habe ich einen Schmerz in der Kehle verspürt und habe gehustet», beschrieb Matthew Lopez den Vorfall gegenüber der Los Angeles Times. Ein Pfeifensignal hatten den bereits im Supermarkt befindlichen Kampfshoppern den Beginn der Einkaufsnacht um 22 Uhr signalisiert, worauf sich eine wilde Meute Richtung Videospiele bewegte. Bald waberte Pfefferspray über Kunden und Waren.
Zehn Ferraris für 395'000 Dollar
Während die Plebejer mit Haken und Ösen um Rabatte und Discounts kämpften, erstand die Oberschicht beim Edel-Kaufhaus Neiman Marcus online zehn Ferraris zum Preis von jeweils 395'000 Dollar. Die zinnfarbenen Karossen waren in weniger als einer Stunde ausverkauft. Inzwischen ist nahezu überall wieder Ruhe eingekehrt; die Sonderangebote sind landesweit ausverkauft.
(baz.ch/Newsnet)
Erstellt: 25.11.2011, 18:57 Uhr
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18 Kommentare
Ich schäme mich für die Menscheit. Sie ist zu einer reinen Konsumentheit verkommen. Fett, hungrig und dumm. Der sozialen Verantwortung nicht gewachsen, ohne menschliches Gewissen, fast animalisch in seinem Gebaren. Diese Menschheit wird untergehen, an ihrem eigenen Kunsumrausch. Antworten
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